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Lehrbuch für ambulante Pflege

Was lernen Pflegende für die ambulante Pflege. Decken sich Vorstellungen älterer beeinträchtigter Personen mit dem, was gelernt wird? Seniorweb hat mit Daniela Händler-Schuster, Co-Herausgeberin des Buches «Gemeinde- und Familiengesundheitspflege. Lehrbuch für die ambulante Pflege» ein Interview geführt.

Auf dem Buchumschlag springen einem Begriffe wie «Caring Communities», «quartierbezogene Gesundheitsberatung», «präventive Hausbesuche», «Übergangspflege», «spirituelle Begleitung», «transkulturelle Pflege», «Autonomie», «soziale Teilhabe für Familien» ins Auge. Interessant ist für einen Laien der Hinweis auf Konzepte für Pflegefachpersonen, «um mit existenziellen Krisen, Rollenüberlastungen und der Selbstsorge professionell umzugehen.» Also auch Pflegende, nicht nur zu Pflegende haben existenzielle Probleme, sind in ihrer Rolle als Pflegende überlastet und müssen für sich selber sorgen wie die Patienten auch. Das gibt also Gemeinsamkeiten!

Das Buch ist ein Lehrbuch für Pflegefachpersonen, aber als interessierter Laie erhält man die Möglichkeit, sich mal in die Perspektive von Pflegefachpersonen hineinzudenken und hineinzufühlen. Ältere Menschen interessieren sich oft aber weniger für die Perspektive von Pflegefachpersonen, vielmehr sind sie darauf bedacht, dass auf ihre Pflegeerwartungen eingegangen wird.

An der Tagung von Medical Humanities im Oktober 2022 wurden sechs zentrale Elemente einer altersfreundlichen Gesundheitsversorgung herausgearbeitet: «Eine altersfreundliche Gesundheitsversorgung  ist personenzentriert, respektiert den Wunsch nach Autonomie, ist partizipativ gestaltet, schafft intermediäre und integrierte Angebote, unterstützt ältere Menschen ebenso wie ihre Angehörigen und ist ressourcenorientiert». Im folgenden Interview sollen diese sechs Elemente zur Diskussion gestellt werden.

Zu den einzelnen Punkten:

Seniorweb: Zur Frage der Personenzentriertheit: Wie werden Pflegende geschult, die individuelle Situation der Patientinnen und Patienten möglichst genau zu berücksichtigen, um eine personenbezogene Pflege zu gewährleisten?

Daniela Händler-Schuster: Wenn wir von Personenzentrierung sprechen, geht es darum, Menschen in ihrer individuellen Lebenssituation abzuholen. Diese kann bei Menschen mit Demenz ganz anders aussehen als bei Menschen nach einem Herzinfarkt. Je nach Lebenssituation erfassen Pflegefachpersonen die Bedürfnisse bei Bedarf systematisch in Assessment-Gesprächen. Pflegefachpersonen mit erweiterter Expertise kennen verschiedene Wege, um auf bestimmte Bedürfnisse eingehen zu können. Im Buch selbst werden diese Grundlagen nicht explizit dargestellt, da sie bereits vorausgesetzt werden. In der Grundausbildung der professionellen Pflege werden Gesprächssituationen geübt. Ein Beispiel: In der Grundausbildung in der Altenpflege habe ich die Lernenden mit verschiedenen Hilfsmitteln Situationen von Menschen mit Sehbehinderungen nachempfinden lassen. Das Krankheitsbild der Makuladegeneration wurde anhand solcher Praxissituationen in Gruppenarbeiten reflektiert. Die Lernenden setzten sich intensiv mit ihrer Rolle auseinander.

Wir sprechen hier von Basiswissen, das in der dreijährigen Ausbildung vermittelt wird und auf das im Buch nicht im Detail eingegangen wird. Das Buch richtet sich an Pflegeexpertinnen und -experten und baut auf Grundlagenwissen auf. Pflegeexpertinnen und -experten, die bereits über eine fundierte Ausbildung und Erfahrung verfügen, soll es vertiefende Einblicke und Anregungen zur Weiterentwicklung ihrer Kompetenzen und zur Verbesserung der Qualität der Pflege geben.

Zum Wunsch nach Autonomie: Wie kann der Wunsch nach Autonomie gerade bei beeinträchtigten Personen mit welchen Unterstützungsangeboten und technischen Hilfsmitteln berücksichtigt werden, so dass sie «Regie über das eigene Leben» haben, «einschliesslich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen»? (S. 223)

Im Buch wird das Thema Autonomie und Selbstbestimmung am Beispiel von Eren, der einen Motorradunfall hatte, dargestellt. Es geht um die Situation eines jungen Mannes, der mit seiner Behinderung umgehen muss. Pflegefachpersonen bewegen sich heute in sehr unterschiedlichen Settings und müssen kultursensibel mit verschiedenen Situationen umgehen, was ein Grundverständnis für unterschiedliche Pflegeprozesse voraussetzt. Am Beispiel des verunglückten Eren müssen sich Pflegefachpersonen in die familiäre Situation hineinversetzen, um die Systeme von innen heraus zu stärken. Ziel ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Wenn Menschen auf technische Hilfen angewiesen sind, unterstützen Pflegefachpersonen so weit wie möglich, damit Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen Spielräume erkennen, in denen sie möglichst selbstbestimmt leben können. Dies erfordert nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch Einfühlungsvermögen, Empathie und die Fähigkeit, individuelle Bedürfnisse und Ziele zu respektieren und zu fördern. Pflegefachpersonen spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, Menschen wie Eren trotz ihrer Beeinträchtigungen ein möglichst selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu ermöglichen, das ihren persönlichen Wünschen und Bedürfnissen entspricht.

Wie viel Unterstützung braucht es durch die ambulante Pflege? Inwiefern können die beeinträchtigten Personen ihren Alltag selbstbestimmt gestalten? (Foto freepik)

Zur Partizipation: Wie kann gewährleistet werden, dass nicht nur für, sondern mit den Älteren die Sorge- und Pflegeleistungen abgestimmt werden?

Hier sind wir wieder bei der professionellen Pflege, wo Pflegefachpersonen mit den Familien ins Gespräch kommen und ein bedarfsgerechtes Pflegeangebot erarbeiten. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass mit den älteren Menschen und ihren Angehörigen die Pflege- und Betreuungsleistungen gemeinsam vereinbart werden. Es braucht aber ein gegenseitiges Verständnis für die Notwendigkeit, diese Inhalte gemeinsam zu erarbeiten. Nicht immer gelingt es den Pflegefachpersonen, die Ziele der Pflege mit den Pflegebedürftigen abzustimmen, weil diese nicht verstanden werden. Da sich Pflegefachpersonen häufig in hochkomplexen Familiensituationen bewegen, bedarf es einer qualifizierten Ausbildung, um die Kommunikation und Koordination in diesem sensiblen Bereich zu verbessern. Dazu gehört die Fähigkeit, einfühlsam und respektvoll auf die Bedürfnisse und Wünsche der Pflegebedürftigen und ihrer Familien einzugehen und gleichzeitig professionelle Standards und bewährte Verfahren in der Pflege einzuhalten. Eine qualifizierte Ausbildung ist daher von entscheidender Bedeutung, um sicherzustellen, dass Pflegefachpersonen über die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse verfügen, um in komplexen und anspruchsvollen häuslichen Umfeldern zu agieren.

Zur Wahl der passenden Angebote: Je nach Krankheitsphase müssen passende Pflegeumfelder (zu Hause, Altersheim, Pflegeheim, Akutspital) gewählt werden. Wie kann die Kommunikation über den Patienten zwischen den Pflegeumfeldern mit wechselndem Personal verbessert werden?

Optimal wäre es, wenn die Übergänge zwischen den verschiedenen Versorgungssettings eng aufeinander abgestimmt wären. Die Notwendigkeit einer Harmonisierung der Übergänge wurde vielerorts erkannt. Voraussetzung für eine gute Koordination ist das Verständnis der verschiedenen Berufsgruppen und ihrer jeweiligen Aufgaben. Im Fachjargon wird dies als interprofessionelle Versorgung bezeichnet, die mittlerweile einen hohen Stellenwert in der Gesundheitsversorgung einnimmt. Aus den heutigen Pflegestudiengängen ist die interprofessionelle Ausrichtung nicht mehr wegzudenken. Die Studierenden setzen sich vor dem Hintergrund ihres eigenen Professionsverständnisses mit unterschiedlichen Fragestellungen auseinander und lernen so nicht nur die Inhalte des Faches, sondern auch die unterschiedlichen Herangehensweisen der verschiedenen Professionen kennen.

Ein Beispiel: Wenn es um die Sturzprophylaxe bei gebrechlichen älteren Menschen geht, können z.B. Physiotherapeut: innen und Pflegefachpersonen das Thema ganz unterschiedlich angehen. Erst die gemeinsame Betrachtung fördert das Verständnis für die jeweiligen Perspektiven. In Pflegesettings mit wechselndem Personal ist sicherlich ein gutes Wissensmanagement notwendig, aber auch der Dialog zwischen den Beteiligten, damit Informationen nicht verloren gehen. Ein gutes Management, das Pflegende entsprechend ihren Kompetenzen einsetzt und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten bietet, kann dazu beitragen, dass Pflegende im Beruf bleiben und Kontinuität gewahrt bleibt.

Kontinuität ist heute wichtiger denn je. Verantwortliche in Führungspositionen haben hier eine wichtige Vorbildfunktion, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu halten, zu motivieren und zu fördern. Gleichzeitig sind Politik und Gesellschaft gefordert, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Verantwortliche in Schlüsselfunktionen für eine effiziente und qualitativ hochwertige Versorgung sorgen können. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen und eine effektive Kommunikation sind entscheidend, um die bestmögliche Versorgung und Betreuung der Pflegebedürftigen zu gewährleisten.

Zur Unterstützung der Angehörigen: In der ambulanten Pflege werden oft Angehörige stark eingebunden. Wie kann die Zusammenarbeit bezüglich Pflege und Betreuung zwischen Professionellen und Angehörigen verbessert werden, ohne Angehörige zu überfordern? Was halten Sie von finanziellen Entschädigungen für die Betreuung und Pflege durch Angehörige?

Wenn Pflegefachpersonen in Familien kommen, in denen pflegebedürftige Menschen von Angehörigen betreut werden, gilt die Sorge immer auch den Angehörigen. Dies ist eine Grundhaltung in der professionellen Pflege. Das bedeutet, dass die Pflegefachpersonen die Familiensysteme so unterstützen, dass auch die Angehörigen Entlastung finden, um ihrer Sorgearbeit nachkommen zu können. Im Buch wird z.B. am Beispiel des Ehepaars Fiechter gezeigt, wie Angehörige entlastet werden können. Wenn z.B. die Söhne die kranke Mutter pflegen, braucht es einen finanziellen Ausgleich, insbesondere wenn sie gleichzeitig für den Lebensunterhalt der Familie aufkommen müssen.

Betreuung durch Angehörige, Nachbarn oder Freiwillige als willkommene und wertvolle Ergänzung zur professionellen Pflege (Foto freepik)

Die Anerkennung und Unterstützung betreuender Angehöriger ist sehr wichtig, da sie oft eine große physische und emotionale Belastung tragen. Pflegefachpersonen sollten nicht nur die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen, sondern auch die Bedürfnisse und Herausforderungen der betreuenden Angehörigen berücksichtigen. Dies kann die Bereitstellung von Ressourcen, Informationen und Schulungen umfassen, um sicherzustellen, dass die Pflege Zuhause für alle Beteiligten nachhaltig und tragbar ist.

Die Entlastung der Angehörigen ist nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern auch eine Massnahme zur Förderung der Langzeitpflege und des Wohlbefindens aller Beteiligten. Die Unterstützung der Angehörigen kann dazu beitragen, dass pflegebedürftige Menschen in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können.

Ressourcenorientierung: Wie können physische, psychische und spirituelle Ressourcen von Patienten besser von Pflegenden aktiviert werden? Wie kann eine defizitorientierte Pflege mit der Gefahr von Über- und Fehlversorgung, mit der Gefahr einer gut gemeinten, aber entmündigenden Überfürsorglichkeit überwunden werden?

Die physischen, psychischen und spirituellen Ressourcen der Patientinnen und Patienten wahrzunehmen, erfordert Zeit, sich auf das Gegenüber einzustellen und es als Person, als einzigartiges Individuum kennen zu lernen. Wenn ich zum Beispiel als Pflegefachperson für 26 schwer pflegebedürftige Menschen verantwortlich bin und allein mit einem Auszubildenden auf einer Abteilung bin, ist es verständlich, dass ich als Pflegende das Notwendige im Blick haben muss. Die Herausforderungen im Gesundheitswesen, wie Personalmangel und hohe Arbeitsbelastung, können die Zeit, die Pflegende für individuelle Pflege aufwenden können, stark einschränken.

Als Gesellschaft müssen wir mehr denn je darüber nachdenken, wie wir miteinander umgehen und welchen Wert Pflegearbeit hat. Pflegende, die sich für die professionelle Pflege entscheiden, tun dies in der Regel aus der Überzeugung heraus, Gutes für Menschen zu tun. Dies setzt ein positives Umfeld voraus, in dem sich Pflegefachpersonen bewegen und in dem sie Anerkennung für ihre Arbeit erhalten.

Die Wertschätzung der Arbeit der Pflegefachpersonen sollte sich nicht nur in Worten ausdrücken, sondern auch in konkreten Maßnahmen, die die Arbeitsbedingungen verbessern und es ermöglichen, den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten angemessen gerecht zu werden. Dies kann durch eine angemessene Personalausstattung, Fortbildungsmöglichkeiten und Entlastung der Pflegefachpersonen in Belastungssituationen erreicht werden. Nur so kann das Pflegepersonal seine wichtige Arbeit effizient und mit dem nötigen Einfühlungsvermögen verrichten.

Prof. Dr. Daniela Händler-Schuster absolvierte zunächst eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin, studierte später Berufspädagogik für Gesundheitsberufe. Nach einem Masterstudium in Pflegewissenschaft promovierte sie an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Nach mehr als 10 Jahren Arbeit in unterschiedlichen Settings der Pflege wechselte sie 2003 in die Berufsbildung und ist seit 2011 an der ZHAW. Sie interessiert sich für die fortgeschrittene Pflegepraxis in der Gemeinwesenarbeit mit den Schwerpunkten Demenz und Sinnesbeeinträchtigungen. Dies zeigt ihr Engagement und ihre Fachkenntnisse im Bereich der Pflege, insbesondere in Bezug auf vulnerable Gruppen, die besondere Unterstützung benötigen.

Buch: Daniela Händler-Schuster/Helmut Budroni (Hrsg.): Gemeinde- und Familiengesundheitspflege. Lehrbuch für die ambulante Pflege. Bern 2023. 410 S. ISBN: 978-3-456-86098-5

Sechs Schlüsselerkenntnisse zu einer altersfreundlichen Gesundheitsversorgung aus der Medical-Humanities-Reihe «Alt werden» vom Oktober 2022 unter https://www.sagw.ch/sagw/aktuell/hin-zu-einer-altersfreundlichen-gesundheitsversorgung-2022-follow-up 

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Titelbild: Porträt von Prof. Dr. Daniela Händler-Schuster (Foto zVg.)

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