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Im Dialog durchs Dunkel ans Licht

Den Leserinnen und Lesern des Seniorweb ist Andreas Iten als Kolumnist bekannt. Seit Jahren schreibt er auch Essays, Romane und Gedichte, nachdem er als Pädagoge und Politiker landesweit tätig war. «Maria schrieb einen Brief» ist sein neuer Roman. Hier eine persönliche Annäherung an das Buch.

Maria wächst im Maderanertal auf. Wie alle ihre Geschwister wird sie liebevoll aufgenommen, obwohl die Mutter in moralischen und religiösen Fragen sehr streng ist und dem Pfarrer aufs Wort gehorcht. Maria ist ein intelligentes Mädchen, besucht das Gymnasium, absolviert die Matura und darf mit besonderer Hilfe an der Universität Zürich studieren. Dort fühlt sich Maria einsam. Sie lernt einen Jus-Studenten aus Kanada kennen, verliebt sich in ihn, steigt zu ihm auf die Bude, und als Peer, wie er heisst, den Doktortitel erhalten hat, reist er zurück nach Kanada und lässt Maria im Stich, obwohl er ihr mit Zuschüssen hilft. Diese traurige Situation bewältigt Maria mit grossem Schmerz. Das Trauma aber sitzt tief. Maria verdrängt es mit Arbeiten und Bergsteigen.

Das Porträt einer starken Frau

Auch weitere schlimme Ereignisse vermögen sie nicht aus der Bahn zu werfen. Sie heiratet aus Zufall den Weinhändler Giorgio della Torre. Dieser wünscht, dass sie neben ihrer Arbeit in der Bank in sein Geschäft einsteigt, denn es stellt sich heraus, dass er ein Trinker ist. Nach Jahren wird sie, gut eingearbeitet, den Betrieb als Witwe weiterführen und baut daneben ein Geschäft für italienische Spezialitäten auf. Eines Tages, als sie die 55 überschritten hat, schreibt sie Paul, dem Personalchef eines grösseren Unternehmens, einen Brief. Damit reagiert sie auf einen Artikel, den sie in einem Lokalblatt von ihm gelesen hat.

Daraus entsteht ein Briefwechsel und, ganz behutsam, eine Freundschaft; diese aber stösst wegen ihres Traumas an eine Grenze. Paul schätzt Maria inzwischen sehr,  er überlegt sich, wie das Trauma, eventuell mit seiner Hilfe, überwunden werden kann. Die Beziehung zu ihm hilft ihr schliesslich zu einer dreifachen Versöhnung: mit sich, dem ehemaligen Geliebten und dem Heimattal.

Grossartig, berührend!

Mein Urteil über «Maria schrieb einen Brief» möchte ich nachfolgend begründen und damit anregen, auf dieser Spur den Roman von Andreas Iten zu lesen und zu hinterfragen. Es sind einige Themen, die in einfühlsamer und vertiefender Weise die Geschichte umkreisen, die mir besonders aufgefallen sind und die ich bewundere.

Autor Andreas Iten

Fürs Erste möchte ich festhalten, dass der Roman, der sich von Seite zu Seite, von Brief zu Brief weiterentwickelt, eine berührende Liebesgeschichte ist, die bereichert wird durch ein menschenfreundliches Weltbild als Hintergrund. Unabhängig davon ist die Sprache spannend, unterhaltsam, ein Genuss.

Wie die Entwicklung vor allem bei Maria verläuft, welche die schmerzhaften Erfahrungen ihrer Jugend in die Beziehung mit Paul einbringt und Linderung erfährt, macht Mut: Der Mensch kann, auch wenn er grosses Leid erfahren hat, dies mit Aufbieten all seiner Kräfte und/oder mit Hilfe von Mitmenschen verarbeiten und überwinden. Eine solche Heilung schildert der Roman mit Empathie und Fachwissen.

Die Themen, die von beiden mündlich und schriftlich angesprochen und durchlebt werden, sind vielfältig, dürften auch vielen Lesenden bekannt sein. Die Seiten mit den religionskritischen Exkursen sind für mich von solcher Intensität und Intimität, dass ich sie hier nicht referiere, sondern den Lesenden, denen diese Themen ebenso wichtig sind, zum Bedenken empfehle. Betonen möchte ich auch, was für das ganze Buch gilt, dass die behandelten Themen nicht künstlich in die Geschichte hineingeschmuggelt wurden, sondern häufig Bestandteil der Gespräche von Menschen sind, die sich aufmachen, ihr Leben in den Griff zu bekommen und neu zu gestalten.

Die berührende Liebesgeschichte ist angereichert mit einem menschenfreundlichen Weltbild in Schönheit und Grösse. Maria Jauch und Paul Winther unterhalten sich nicht über Wetter, Schnupfen oder Börsenkurse, sondern über sich anhand von Literatur, in der sie sich wiederfinden.

Im Kapitel «Die Italienreise» kommt es nach dem Besuch der Weingüter, Städte und Museen zum dramatischen Höhepunkt. Und im ganzen Roman geht es um die Gespräche, welche das Leben der beiden älteren Menschen mit Bildern und Worten, Fantasien und Ideen illustrieren, vertiefen und erhöhen, beflügeln und transzendieren.

Noch nie habe ich es schöner und überzeugender erlebt, wie Literatur und Kunst sich in einen Roman einbringen und der Liebesgeschichte Tiefe und Dauer verleihen wie hier bei «Maria schrieb einen Brief».

Andreas Iten, Maria schrieb einen Brief, Roman, Bucher-Verlag, Hohenems 2023, 1. Auflage, ISBN 978-3-99018-690-9

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