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Mit einem Traum die Welt ändern

Die hochbegabte Bauerntochter Sophie will an eine französische Universität, erfährt aber, dass dies erst Sinn macht, wenn Wissenschaft und Politik sich zum Wohl des Menschen verbinden. «La Voie Royale», der dritte Film von Frédéric Mermoud, schildert dies, mit Suzanne Jouannet in der Hauptrolle, spannend, einfühlsam und hinterfragend. Ab 2. Mai im Kino.

Schon in seinen Kurzfilmen und seinem ersten Spielfilm hat sich der Schweizer Regisseur Frédéric Mermoud immer wieder mit der Problematik jenes entscheidenden Moments beschäftigt, in dem der junge Mensch «zum Akteur seines Lebens wird und Entscheidungen treffen muss, die sich auf die Liebe, das Studium und die Politik auswirken. Momente also, in denen er und sie entscheiden, wer sie werden wollen, ohne völlig sicher zu sein, sich auf dem richtigen Weg zu befinden.» Am Beispiel der jungen Sophie Vasseur, die aus bescheidenen Verhältnissen stammt, und der wegen ihrer Hochbegabung von ihrem Mittelschullehrer zum Studium an der Universität geraten wurde.

Prolog

«La Voie Royale» beginnt hektisch in den Hallen einer Schweinezüchterei, wo Sophie zusammen mit Vater, Mutter und Bruder die jungen Ferkel versorgt. Sophie ist in Eile, denn sie muss sofort weg in die Schule. Dort vertritt sie die Welt der Bauern, ohne für eine Ideologie instrumentalisiert oder zum Opfer stilisiert zu werden.

«Ich wollte gleichzeitig romantisch und realistisch sein. Denn ich mag es, wenn eine Figur, die Ressourcen hat, kämpft und Träume verwirklicht. Aufgrund ihrer Herkunft ist sie sich bestimmter Herausforderungen weniger bewusst als andere, die das soziale Schachbrett der Gesellschaft und deren Code besser kennen. Sophie selbst ist ihr erstes Hindernis, versucht aber, das, was in ihrem Leben vorbestimmt erscheint, zu überspringen.» In den Aufgaben ihrer Aufnahmeprüfung ans Polytechnikum spiegelt sich einiges aus ihrem Erfahrungsbereich wider: Eine Gasblase, die verschiedenem Druck ausgesetzt wird, steht sinnbildlich für die Veränderungen auf ihrem eigenen Weg. Hier und jetzt wird verlangt, dass sie Tag und Nacht lernt.

Voie Royale.2.jpgSich vor der Schülerschaft präsentieren

Ankunft und Einstieg

 Bei ihrer Ankunft im Lyzeum zur Vorbereitung für die Universität wird Sophie mit Schülerinnen und Schülern konfrontiert, die besser als sie wissen, was sie wollen. Ihr Lehrer im Gymnasium hatte sie zwar informiert, die Vorbereitungsklasse werde ihr ein Feld von Möglichkeiten eröffnen. Das aber bleibt für sie abstrakt. Schon am Integrationstag stellt sie fest, dass die meisten bereits einen Karriereplan haben oder an einem beruflichen Roman schreiben. Sophie bleibt ein unbeschriebenes Blatt. «Der Film erzählt unterschwellig die Geschichte einer menschlichen Berufung und eines politischen Erwachens, mit dem sie nicht gerechnet hat», schreibt Mermoud.

«La Voie Royale» stellt die Frage nach dem sozialen Aufstieg und der Meritokratie», die das französische Bildungswesen auszeichnen. (Meritokratie ist eine Herrschaftsform, in der Personen aufgrund ihrer gesellschaftlich bzw. institutionell anerkannten individuellen Leistungen oder besonderer Verdienste ausgewählt werden, um führende Positionen zu besetzen, nach Wikipedia). Der Regisseur schildert Sophie als Klassenaufsteigerin, die jetzt einen kulturellen und sozialen Sprung auf den «Königs-Weg» wagt.

Voie Royale.4.jpgDie strenge, vielleicht unsichere oder frustrierte Dozentin

 Der lange Weg zum Ziel

 Für alle Beteiligten war es wichtig, schon im Vorfeld des Castings und des Drehs in diese Welt einzutauchen. Der Regisseur traf Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, besuchte Vorbereitungsklassen, nahm an mündlichen Prüfungen Kontakt mit Beteiligten auf, die auf demselben Weg sind wie Sophie. Die 26-jährige Suzanne Jouannet, die in «La Voie Royale» zum zweiten Mal vor der Kamera stand, verbrachte einige Zeit mit einem Mädchen, das an einer der Prüfungen teilnahm und arbeitete in der Schweinezucht, in der später gefilmt wurde, um die Handgriffe der Züchter zu erlernen. Die Aufgaben, die die Kandidaten an der Wandtafel lösten, wurden von einem wissenschaftlichen Berater visiert und die Jugendlichen vor der Prüfung fachlich betreut.

 Schon vor dem Casting stand für die Figur von Sophie fest, dass sie eine «Rosetta» sein muss, auch wenn nicht genau von der Art, wie die Brüder Dardenne sie damals filmten. «Ich suchte eine Art kleinen, sturen Stier mit einer wahnsinnigen Energie», meint der Regisseur. Zusammen mit meinem Kameramann Tristan Tortuyaux suchten wir dichte, starke Bilder, ohne dass sie zu fiktional wirken.»

Voie Royale.7.jpgDiskussionen im Klassenverband

 Epilog 1

Was ist der Auslöser, dass Sophie nach ihrem Abbruch noch einmal in das Rennen um einen Platz am Polytechnikum einsteigt? «Vielleicht ist der ausschlaggebendste Faktor das Gespräch mit ihrem Vater im Lieferwagen, in dem er ihr anvertraut, dass er Maurer werden wollte und stolz darauf war, am Bau eines dieser Kunstwerke, einer majestätischen Brücke, beteiligt gewesen zu sein, bei der das Werk der Arbeiter fast mehr geschätzt wurde als jenes der Ingenieure. Ihr Vater gab ihr die Energie, die ihr bisher gefehlt hatte. Weiter gibt es ein Treffen mit ihrem Bruder in Lyon, bei dem ihr bewusst wird, dass im öffentlichen Diskurs ihre Lebenswelt vereinnahmt wird, und sie folglich verantwortlich ist, etwas dagegen zu unternehmen. Als sie nach Hause zurückkehrt, wird ihr die eigene Entwicklung bewusst und sie findet ein Elixier, das ihr einen Neuanfang ermöglicht.» Es geht in «La Voie Royale» insgesamt und vertieft betrachtet um ein wichtiges Thema der sozialkritischen Kunst: Was unsichtbar ist, soll sichtbar werden, was unhörbar ist, soll hörbar werden!

 Epilog 2

 Auf dem Weg zum Aufnahmeverfahren an die Universität sieht Sophie gegen Ende des Films das Plakat «Sie haben die Gabe, die Welt zu verändern.» Ihr Kommentar: «Erst fand ich das schön. Dann sah ich die Namen der Ehemaligen und wusste, das sind nicht meine Vorbilder. Was haben die verändert? Sie sind Finanzgenies, aber was ist ihr Beitrag? Ihre profitorientierte Welt geht zugrunde. Sinnlos.» Und anschliessend Sophies Antwort auf die Reaktion des Professors: «Warum lächeln Sie? Wir haben nicht dieselben Träume. Die Welt muss sich ändern. Ich möchte daran teilhaben. Ich möchte meinen Beitrag leisten. Von hier aus.»

Und Frédéric Mermouds Antwort auf die Frage eines Journalisten, ob er sich vorstellen könne, wie es für Sophie an der Ecole Polytechnique und darüber hinaus gehen werde: «Ich stelle mir diese Frage gerne, sie ist einer der Räume, die der Film schafft. Sophie sagt, dass sie die Dinge von innen heraus verändern will. Was wird fünf oder zehn Jahre später passieren? Wie schafft man es, die Werte, die einen aufgebaut haben, angesichts der Prüfung durch die Realität zu bewahren? Das könnte ein weiterer Film sein. Zweifellos.»

Regie: Frédéric Mermoud, Produktion: 2023, Länge: 109 min, Verleih: Frenetic

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