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Wege und Umwege zur Gemeinschaft

Mit «The Old Oak», seinem vielleicht letzten Film, beschenkt uns der 87jährige Ken Loach, der grosse Filmchronist der britischen Arbeiterklasse, mit einem berührenden und bewegenden Drama des Lebens der Bevölkerung eines britischen Dorfes und einer syrischen Flüchtlingsgruppe.

Das Pub «The Old Oak» ist ein besonderer Ort: die letzte Bastion gegen den seit Jahren fortschreitenden Zerfall eines einst florierenden Bergarbeiterdorfes im Nordosten Englands; der letzte Treffpunkt der sich verraten fühlenden Gemeinschaft ehemaliger Minenarbeiter. Wirt TJ Ballantyne kann das Lokal gerade noch am Laufen, sich selbst aber kaum mehr über Wasser halten. Komplizierter wird die Situation durch die kritisch beäugte Ankunft syrischer Flüchtlinge, die in den leerstehenden Häusern untergebracht werden. Trotz vieler Anfeindungen entwickelt sich zwischen der jungen Syrerin Yara und dem Wirt eine Freundschaft. Bald feilen sie gemeinsam an einem Plan, um die Wogen im Ort zu glätten und das Pub zu retten.

Der Wirt TJ Ballantyne

In seinem, nach eigener Aussage, letzten Film zieht es Altmeister Ken Loach, den zweimaligen Gewinner der Golden Palme von Cannes, nochmals in den Nordosten Englands. Wieder schrieb sein kongenialer Partner Paul Laverty das Drehbuch. Mit Dave Turner, mit dem Loach bereits «I, Daniel Blake» und «Sorry We Missed Your» gedreht hatte, und mit Ebla Mari hat der Regisseur zwei grossartige Hauptdarsteller gefunden, die den Film tragen.

Auch thematisch bleibt sich Ken Loach treu. Erzählt wird die Geschichte zweier Entwurzelter, die des Pub-Wirts TJ und die der Geflüchteten Yara. Er steht vor dem Ruin in seiner Heimat, sie vor einer ungewissen Zukunft in der Fremde. Indem sie aufeinander zugehen, retten sie sich gegenseitig und erschaffen im Dorf eine Solidarität zwischen Briten und Syrern, wie es sie seit den Arbeitskämpfen der Minenarbeiter nicht mehr gegeben hat. – Nach der gefeierten Weltpremiere an den Internationalen Filmfestspielen von Cannes fand die Schweizer Premiere am Festival in Locarno statt, wo der Film den Publikumspreis bekam.

Die Geflüchtete Yara im Pub

Der Drehbuchautor Paul Laverty führt uns in das Projekt

Paul Laverty, der langjährige Drehbuchautor von Ken Loach, erzählt nachfolgend, warum und wie es zum Film gekommen ist; die reiche, mit Leben prallgefüllte Geschichte ist leicht verständlich, weshalb ich sie hier nicht erzähle.

Dieser Film war der schwierigste, den wir je zusammen gemacht haben. Vor über vier Jahren diskutierten Ken Loach, die Produzentin Rebecca O’Brien und ich über die Idee, einen dritten Film im Nordosten Englands zu drehen. Die ehemaligen Bergbaudörfer sind einzigartig und schon auf einer meiner ersten Reisen hatte ich das Glück, den Pfarrer John Barron vor seiner schönen alten Kirche zu treffen, die am Ende des Dorfes über die sanften Hügel blickt. Später am Tag gab es eine Beerdigung, eine junge Mutter hatte sich erhängt. Dieses Bild und die Vorstellung ihrer letzten Tage verfolgten mich lange, genauso ging es Ken. Die Tragödie war kein Einzelfall. Bald darnach traf ich eine ältere Frau, die die Namen weiterer junger Frauen nannte, die sich das Leben genommen hatten.

Die Gespräche bei den Rundgängen durch die Dörfer mit den älteren Menschen, die Bergleute oder deren Angehörige waren, hinterliessen einen bleibenden Eindruck. So auch bei einer Dame in den Neunzigern, die als Krankenschwester die Verwundeten der Bergbaukatastrophe von Easington von 1951 pflegte, bei der 83 Bergleute starben. Einer davon war der Vater ihrer Nachbarin. Menschen, die 1984 am Bergarbeiterstreik beteiligt waren, zeugen bis heute von einem starken Gemeinschaftssinn, Zusammenhalt und einer politischen Haltung, die auffällig im Gegensatz stehen zur Hoffnungslosigkeit vieler Jugendlichen von heute. Es wurde klar, dass diese Vergangenheit eine wichtige Rolle in unserem Film spielen muss.

Bei den Gesprächen mit Jungen und Alten und den Spaziergängen durch die Dörfer mit ihren verfallenen Häusern und leeren Strassen habe ich immer wieder über den Geist der älteren Generation und die tragischen Geschichten der jungen Mütter nachdenken müssen. Wie konnte die energische, gemeinschaftliche Solidarität in der Zeit des Streiks so sehr in Isolation und Verzweiflung umschlagen?

Die Frage war, wie wir diese Vergangenheit im Film sichtbar machen können. Bei den Fahrten durch die kleinen Orte fiel uns der Verfall der Infrastruktur auf: mit Brettern vernagelte Geschäfte, geschlossene Schwimmbäder, Gemeindehäuser, Bibliotheken und noch offensichtlicher die Pubs, die leer standen oder abgerissen wurden. Dies alles widerspiegelte die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen seit dem Bergarbeiterstreik. Wie wäre es, wenn wir einer alten Kneipe, der letzten im Dorf, eine Hauptrolle in unserem Film geben? Sie als letzter verbliebener öffentlicher Ort, an dem die Vergangenheit noch lebt, wenn auch von der harschen Realität der Gegenwart bedroht. Uns schien, dass «The Old Oak» genau diese in die Vergangenheit reichenden Wurzeln hat, die helfen könnten, viele der Konflikte und Widersprüche der Gegenwart zu lösen.

Irgendwann fiel mir ein Notizbuch mit dem Eintrag «Tommy Joe Ballantyne hat den Glauben verloren» in die Hände. Wer dieser Tommy war und warum er seinen Glauben verloren hatte, war nicht klar, aber ich war erleichtert über diese Bekanntschaft. So bekam TJ seinen Platz in «The Old Oak». Er bringt den verlorenen Glauben mit und wirft die Frage auf, ob er seine Hoffnung wiederfinden kann.

In einem der Dörfer, die wir besuchten, sah ich einen älteren syrischen Mann durch die Strassen laufen. Er trug traditionelle Kleidung und wirkte fast surreal, wie er die jungen Leute in Trainingsanzügen passierte. Er schien nichts um sich herum wahrzunehmen, und die Vorstellung, wie sehr diese arme Seele durch den Krieg in Syrien traumatisiert war, lag auf der Hand. In England und Schottland begegneten wir einigen wunderbaren syrischen Familien, die uns ihre Geschichten erzählten und uns zu unserer Geschichte inspirierten.

Wie reagiert eine traumatisierte Gemeinschaft, wenn sie sich Seite an Seite mit einer nicht-traumatisierten wiederfindet? Wovor verschliessen wir die Augen? Was wollen wir sehen? Schliesslich führte uns Yara weiter in unserer Geschichte. Wir begegneten Bewohnern, die den syrischen Ankömmlingen offen und neugierig gegenüberstanden. Das zeigte uns, dass es Hoffnung gibt. Doch wie entsteht eine solche Veränderung? Seit unseren ersten Gesprächen haben wir immer wieder mit dem Thema Hoffnung gerungen, sind seit den frühen 90er Jahren davon besessen, was mich zum 17. Juni 2022 bringt, als wir eine Szene in der atemberaubenden Kathedrale von Durham drehten – einem Tag, der mir für den Rest meines Lebens in Erinnerung bleibt, und der zufällig Kens 86. Geburtstag war.

Filme drehen ist ein anstrengendes Unterfangen. An einem Tag, als Ken gegen Mitternacht ins Hotel zurückkam, befürchtete ich, dass dies für ihn zu viel gewesen war, dass er dies nicht weiter durchhalten kann. Doch ich bin überzeugt, dass ihm seine politische Überzeugung geholfen hat, dieses enorme Pensum zu bewältigen. Vielleicht bringt es ihn zum Schmunzeln, wenn ich hier den heiligen Augustinus zitiere: «Die Hoffnung hat zwei schöne Töchter: Sie heissen Wut und Mut, die Wut darüber, wie die Dinge sind, und den Mut, sie zu verändern. Das war sein Leben!

«The Old Oak», das Geschenk eines grossen Filmemachers und Menschen

Obwohl ich hier weitgehend auf Interpretationen verzichtet habe, denn diese werden bei jedem und jeder verschieden ausfallen, erlaube ich mir zum Schluss einen kleinen Hinweis: Die Kamera von Yara und die Tablets der Jugendlichen sind sicher nicht zufällig so offensichtlich im Film. Ich denke, sie weisen darauf hin, dass Medien, auch die Filme von Ken Loach, Mittel sind, die glückliche, aber auch die leidende Welt zu zeigen und damit Anteilnahme und Empathie, Mitleid und Solidarität zu wecken. Die letzten Worte im Film sind denn auch: «Shukran, Herr Ballanthyn» und «Shukran, Yara», denen ich gerne bescheiden antworte: «Shukran, Ken Loach».

Regie: Ken Loach, Produktion: 2023, Länge: 114 min, Verleih: Filmcoopi

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