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Mit Erde aus Rüschegg malen

Das Museum in Burgdorf BE, das dem Schaffen von Franz Gertsch gewidmet ist, zeigt zum ersten Mal die letzten Bilder vom Berner Maler.

Ende des Jahres 2022 hatte das Museum Franz Gertsch in Burgdorf mitgeteilt: «Am 21. Dezember dieses Jahres ist der Künstler, dessen Namen unser Museum trägt und der uns über zwanzig Jahre lang mit seiner Persönlichkeit, seinen Werken und Ausstellungsideen bereichert hat, im hohen Alter von 92 Jahren friedlich eingeschlafen.»

Vor sieben Jahren hatte ich den Maler zuletzt gesehen. Aufrecht und leichten Schrittes kam er damals in den Saal, vollkommen unprätentiös, nahm Platz und lauschte dem Vortrag aufmerksam. Er lebe für sein Werk, schrieb ich damals, und das konnte er wohl wirklich bis ans Ende seines Lebens. Denn seine beiden letzten Gemälde, die nun gezeigt werden, hat er 2022 vollendet: Cima del Mar und Schwarzwasser. Unmittelbar davor war Meer II entstanden, gleichsam ein Bindeglied zwischen den Werken der blauen Phase und den erdfarbenen. Wie in allen seinen reifen Arbeiten entsteht die ungeheure Lebendigkeit der Darstellung aus der ausserordentlichen Genauigkeit der Ausführung.

Franz Gertsch, Meer II. (2021-2022), Eitempera auf ungrundierter Baumwolle. 180 x 260 cm. Nachlass © Franz Gertsch AG

Das Besondere daran ist der braune Farbton, den Franz Gertsch hier benutzt. Er besteht aus einem für den Künstler extra hergestellten Pigment, das aus der Erde seines Wohn- und Schaffensorts Rüschegg BE gewonnen wurde. Ist es nicht ein berührendes Symbol: Mit diesen beiden Gemälden kehrt Gertsch zur Erde, zu seinem Boden zurück. Daher betitelt das Museum diese Ausstellung «Rüschegger Erde».

Die Möglichkeiten einer Farbe auszuloten, eines Farbtons, ja aller für ein Werk notwendigen Materialien – auch der Unterlage -, hat Franz Gertsch stets interessiert. Ebenso verhält es sich mit den Techniken. Ein Motiv kann zuerst als Holzschnitt dargestellt werden und irgendwann später als Gemälde, wie es bei diesen beiden letzten Werken der Fall ist. Das umgekehrte Vorgehen ist bei anderen Motiven zu beobachten. Jedes Mal ist die Wirkung auf das betrachtende Auge eine andere.

Franz Gertsch, Cima del Mar (2022). Eitempera auf ungrundierter Baumwolle. 225 x 280cm Nachlass © Franz Gertsch AG

Wie er zu dieser letzten Farbe, dem «Rüschegger Braun» kam, hat Franz Gertsch in seinem 2023 posthum erschienenen Werkbuch erzählt: Er schreibt über den Vertreter einer bayrischen Farbmühle, mit dem Gertsch schon vorher zusammengearbeitet hatte; es sei «ein etwas angegrauter Herr», der sein ganzes Leben den Farben gewidmet hatte und in Rüschegg zu Besuch war. Dieser entdeckte auf der Rückfahrt ins Tal einen Erdaushub, dessen Farbe ihn fasziniert habe. Der Mann nahm seinen Blechkübel, den er für solche Zwecke immer bei sich hatte, füllte ihn und fuhr ins Allgäu zurück.

«Wie war ich erstaunt», schreibt Franz Gertsch, «als bald darauf in unserem Briefkasten ein Paket lag, in dem sich ein durchsichtiges Gefäss befand mit der Aufschrift Braunerde Rüschegg / 09998 – 500 g. Dr. Kremer hatte die Rüschegger Erde in sein Sortiment übernommen. Oh, was für eine Verpflichtung! . . . Was kostete mir das für Kopfarbeit, die wie immer ein Delirium von Möglichkeiten, die nicht aufzuzeichnen sind, ergab.» Schliesslich entschied Gertsch: «Mit der billigsten und teuersten (Lapislazuli – mp) Farbe der Welt habe ich das Bild Cima del Mar gemalt. Welch Malvergnügen, mit den drei Farben Lapis, Rüschegger Erde und Weiss alle Farbnuancen hervorzuzaubern, wie sie auf dem Bild zu sehen sind.»

Franz Gertsch, Schwarzwasser (2022), Eitempera auf ungrundierter Baumwolle. 181 x 262 cm. Nachlass © Franz Gertsch AG

Für das andere, das letzte vollendete Gemälde Schwarzwasser  verwendete Franz Gertsch ausschliesslich das neue Pigment der Rüschegger Erde, abgesehen von Vorzeichnungen. Schwarzwasser heisst ein kleiner Fluss in der Nähe von Gertschs Wohnsitz. Seine Wasser, soweit nicht Trockenheit herrscht, stürzen sich durch Wald und über Steine hinunter, ein lebendiges Motiv mit Feinheiten von Wellen, Licht und Schatten. Gertsch hatte dieses Sujet in den 1990er Jahren schon in mehreren Holzschnitten umgesetzt. Diese können wir nun mit Gertschs letztem Gemälde vergleichen.

Franz Gertsch, Frühling (2009 – 2011), Eitempera auf ungrundierter Baumwolle. 325 x 480 cm. Sammlung Dr. h.c. Willy Michel © Franz Gertsch AG

Ohne Die Vier Jahreszeiten (2007 bis 2011 entstanden) in ihrem eigens dafür gestalteten Raum zu besuchen, kann ich das Museum nicht verlassen. Der Zyklus dieser vier Gemälde, der als Gertschs Hauptwerk seiner späten Jahre gilt, basiert auf Fotos eines Waldwegs, den Franz Gertsch im Laufe der Jahreszeiten fotografiert hatte. Er begann mit dem Herbst (2007 / 08) und nahm in der Folge das Waldstück in den anderen Jahreszeiten auf. Die Aufnahmen projizierte er als Dia überdimensional vergrössert auf die Leinwand und begann mit der Arbeit. Für die anderen Jahreszeiten nutzte Gertsch nicht immer die Projektion, sondern arbeitete auch mit Skizzen direkt auf der Leinwand.

Franz Gertsch, Sommer (2008 / 2009), Acryl auf ungrundierter Baumwolle. 325 x 490 cm. Sammlung Dr. h.c. Willy Michel © Franz Gertsch AG

Die vier Gemälde füllen den ganzen Raum. Wer nicht nur auf die wechselnden Jahreszeiten schaut, erkennt, dass sich der Weg, das Gehölz, ja die ganze Landschaft im Laufe der Jahre ein wenig verändert. Die Faszination geht nicht nur vom Vergleich der Jahreszeiten aus, sondern davon, wie die Darstellung im Ganzen sowie die Ausführung von kleinsten Blättchen und Steinchen, von Sonne und Schatten zum Leben erwacht – auch wenn es nur als Kunstwerk entsteht. Das ist nicht bei jeder Jahreszeit gleich. Nicht zuletzt ändert sich meine Wahrnehmung, je nachdem wie nah oder entfernt ich ein Bild betrachte.
Eine andere Art von Waldspaziergang.

Franz Gertsch: Rüschegger Erde.
Museum Franz Gertsch Burgdorf BE bis 1. September 2024

Zu empfehlen ist daneben die Sonderausstellung: Karin Kneffel, Face of a Woman, Head of a Child. Die deutsche Künstlerin befasst sich mit Darstellungen der Madonna und anderer christlicher Gestalten aus ungewöhnlicher Sicht. (Ebenfalls bis 1. September 2024)

Titelbild: Franz Gertsch, Schwarzwasser (2022), Eitempera auf ungrundierter Baumwolle. 181 x 262 cm. Nachlass © Franz Gertsch AG

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