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Raffinierte Täuschungen

Das Textilmuseum der Stiftung Abegg zeigt in diesem Jahr Textilien, die kostbar wirken sollen, aber vor allem mit Geschick und Raffinesse hergestellt wurden: «Augentäuschung – Textile Effekte und ihre Imitation».

Optische Täuschungen waren in der Malerei seit der Antike beliebt. Das Auge der Betrachterin oder des Betrachters hinters Licht zu führen, stiftete Künstler seit jeher an. Wahrnehmung und Erwartungen wurden spielerisch in Frage gestellt. Auch in der Architektur wurde die Realität oftmals «verbessert», ein Raum sollte grösser wirken, als er in Wirklichkeit war; eine gemalte Kuppel liess die flache Decke eines Innenraums prächtiger erscheinen. Street Art spielt ebenso mit optischen Täuschungen wie die bekannten Internetanwendungen. Hyperrealismus, Virtual Reality, nennt man das – oder Fake. Illusionen erwecken, Wirklichkeit vortäuschen, das sind äusserst aktuelle Themen.

Die reiche Sammlung von Textilien der Stiftung Abegg in Riggisberg BE umfasst Stoffe – oft nur Stoffstücke – aus vielen Jahrhunderten, die sich durch ihre Herstellung, ihre Wirkung und Verwendung auszeichnen. Eine kostbare Textilie erkennt die Fachfrau daran, dass der Stoff auf einem komplexen Webstuhl hergestellt wurde. Dafür genügte zunächst die stetige Wiederholung eines Motivs.

Darstellung eines roten Samtes (Detail einer Tapisserie), Brüssel, frühes 16. Jahrhundert, Wirkerei mit Seiden-, Gold-, Silber- und Wollfäden.  Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 5760.
Mit Wollfäden in vier Rottönen sowie mit Goldfäden erzeugten die Weber dieser Tapisserie das charakteristische Aussehen eines Samtes. Sogar die für das Gewebe typische grüne Webkante wurde imitiert.
© Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Foto: Christoph von Viràg)

Seit jeher waren Weber und Weberinnen daran interessiert, auf Wunsch etwas Besonderes herzustellen, besondere Effekte zu schaffen, indem sie eine andere Technik imitierten oder Samtstoff mit gesticktem statt gewebtem Golddekor verzierten. Oder sie stellten mit der Technik der Wirkerei eine kostbare Samtdekoration her.

Besonders anspruchsvoll ist die Darstellung von Textilien innerhalb eines repräsentativen Gewands. Ein edler grün-goldener Chormantel scheint aus einem Samt-Goldstoff gefertigt zu sein. Man muss genau hinschauen und von Textilherstellung etwas verstehen, um zu erkennen, dass es sich bei dem Stoff zwar um Samt handelt, dass jedoch sein Goldmuster nicht eingewoben wurde, sondern anschliessend aufgestickt worden ist.

Hl. Jakobus, Östliches Mitteleuropa, 1460–1470, Stickerei mit Gold- und Seidenfäden. Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 5617.
Hinter dem Apostel auf diesem gestickten Besatz eines Messgewandes imitiert die Stickerei einen Samtgoldstoff. Es ist eines der seltenen Beispiele mit einem gestickten Flor.
© Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Foto: Christoph von Viràg)

Das ist das Hauptthema der diesjährigen Präsentation: Nicht alles an den Stoffen ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Da kann ein Samt imitiert worden sein, d.h. der Flor wurde gestickt. Samt gehörte schon immer zu den teuersten Stoffen, denn für den Flor benötigt man etwa sechsmal mehr Material. Die Nachahmung eines solchen Samtstoffes verliert dadurch nicht an Wert, im Gegenteil: Die Kunstfertigkeit, einen solchen Stoff herzustellen, hat ihren eigenen Wert.

Gesticktes Blumenstillleben, Amsterdam, sig. Anthonij Janssen, um 1650. Stickerei mit Seidenfäden. Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 2225.
Textile Augentäuschungen wie dieses gestickte Stillleben veranschaulichen, wie illusionistisch textile Techniken eingesetzt werden können. Selbstbewusst tritt hier der Amsterdamer Sticker Anthonij Janssen in einen Wettstreit mit seinen malenden Kollegen.
© Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Foto: Christoph von Viràg)

Aus Distanz betrachtet, scheinen einige Ausstellungsobjekte schwer einschätzbar: Ist das Stillleben eine Textilarbeit oder ein Gemälde? Das Museum zeigt die Arbeit eines Amsterdamer Stickers, der eine typische Komposition seiner Zeit, Blumen in einer chinesischen Vase, so täuschend ähnlich zu sticken versteht, dass das entsprechende Gemälde keineswegs vollkommener erscheint. In diesem Fall hat der Sticker sogar seinen Namen eingestickt, äussert selten in seiner Zeit.

Ausschnitt aus einer Minneszene. Strassburg, 1500–1510, Wollwirkerei. Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 2396.
Das Muster des roten Gewandes zeigt an, dass das dargestellte Gewebe auf einem komplexen Webstuhl entstanden ist. Seit der Antike werden mit grosser Fertigkeit kostbare Textilien im Textil dargestellt, wie hier der Seidendamast in dieser Wirkerei.
© Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Foto: Christoph von Viràg)

Die aktuelle Ausstellung lädt dazu ein, genau hinzuschauen. An verschiedenen Orten liegen in diesem Museum stets Vergrösserungsgläser aus, mit denen die Besucherinnen und Besucher die Ausstellungsstücke genauer anschauen können. Auch als Laie erkenne ich, wo raffinierte Effekte den Stoff nicht nur interessanter, sondern auch wertvoller machen. Spezielles Augenmerk liegt in dieser Ausstellung auf dem Vergleich zwischen einer realen Textilie und der Darstellung in der Malerei. An mehreren Beispielen können wir das eine – ein Gewebe – mit dem anderen – einem Gemälde nebeneinander sehen.

 Sonderausstellung: «Augentäuschung – Textile Effekte und ihre Imitation».
Abegg-Stiftung in Riggisberg BE.
Zu besichtigen bis 10. November 2024, täglich geöffnet 14 bis 17:30 Uhr.
Führungen werden regelmässig durchgeführt.

Titelfoto: Detail eines Chormantels, Samt: Italien / Stickerei: Spanien (?), 1430–1450, Samt mit ausgespartem Schrägrankenmuster, Stickerei mit Goldfäden. Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 4266.
Bei diesem grünen Seidensamt ist das goldene Muster aufgestickt und nicht gewebt. Das charakteristische Aussehen einer Goldbroschierung wird hier augentäuschend durch Stickerei imitiert.
© Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Foto: Christoph von Viràg)

 

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