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Die Schale der Liebe

Burnout ist in helfenden Berufen verbreitet. Auch liebende Angehörige von schwerkranken Menschen können sich irgendwann erschöpft fühlen. Wer sich politisch für eine bessere Welt einsetzt, kann irgendwann frustriert sein. Kann man sich dagegen schützen?

Letzthin kam ich mit einer pensionierten Spitalseelsorgerin ins Gespräch. Selbstverständlich kannte sie aus ihrem pflegerischen Umfeld viele Formen der Selbstüberforderung, der Selbstaufopferung, der Selbstvernachlässigung bis hin zu Erschöpfungszuständen oder gar Burnout.

Um dem entgegenzuwirken, werde in Weiterbildungen u.a. mit folgendem Text des Hl. Bernhard von Clairvaux (1090-1153), Abt der Zisterzienser, gearbeitet:

Die Schale der Liebe

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal,
der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,
während jene wartet, bis sie gefüllt ist.

Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfliesst, ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugiessen und habe nicht den Wunsch
freigiebiger zu sein als Gott.

Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gefüllt ist,
strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen,
und dann ausgiessen.

Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle,
wenn nicht, schone dich.

Bernhard von Clairvaux schrieb diesen Text in einem Brief an seinen Schüler, Papst Eugen III., der als erster Zisterzienser Papst (1145-1153) wurde. Die Botschaft aus dem Text ist klar: «Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.» Das Bild einer Schale, die überströmt, wird dem Bild eines Kanals, der ausströmt, gegenübergestellt. So werden Liebende aufgefordert, Selbstfürsorge oder Selbstempathie zu kultivieren, wie dies im modernen Psychojargon genannt wird. Vor ca. 900 Jahren gab es in den Zisterzienserkreisen eines Bernhard von Clairvaux Gebete und Rituale, um die Schale durch die göttliche Liebe füllen zu lassen. Da er ein «überzeugter» Christ war, war er als Kind seiner Zeit auch ein vehementer Verfechter der Kreuzzüge und motivierte Tempelritter, im Namen Gottes in den Krieg zu ziehen und mit Gewalt die «frohe Botschaft» zu verkünden – was heute zurecht als religiöser Fanatismus in aller Schärfe zurückgewiesen wird.

  Eine Schale der Liebe kann auf unfruchtbarem Grund stehen. Dann wird beim Überfliessen des Wassers die Umgebung bloss nass, aber nicht genährt.

Daraus ergeben sich einige Fragen:

  • Wie kannst du die Schale der Liebe füllen? Durch Atemmeditation, Achtsamkeitspraktiken, Auszeiten, Innehalten, Spaziergänge, Gespräche unter Freunden, Erholung in der Natur, Kraftquellen im Alltag, religiöse oder spirituelle Praktiken, Geniessen von Wellness-Angeboten?
  • Wie kannst du einen Freiraum als zweckfreien Raum schaffen, in welchem du nicht irgendwelche Funktionen für andere zu erfüllen hast.
  • Sind meine Beziehungen von gegenseitiger Liebe getragen oder sollen sie vor allem mir nützen?
  • Wie kannst du dich in der Arbeit und in der Freizeit (den Ferien) vor «Energiefressern» und sinnlosen, kräfteraubenden Ablenkungen schützen?
  • Was kannst du tun, so dass du nicht bloss ein gut funktionierender Kanal zwischen Input und Output bist, dich den gestellten Anforderungen «nach bestem Wissen und Gewissen» anpasst, dich dabei aber selbst vernachlässigst und mit einem übertriebenen Arbeitsethos allenfalls in einer Erschöpfungsdepression oder einem Burnout landest?

Grund genug, nicht nur in der Freizeit oder den Ferien, sondern auch im gewöhnlichen Alltag durch Selbstfürsorge und Selbstliebe die Schale der Liebe zu füllen, so dass das Wasser der Liebe zum Wohl anderer überfliessen kann. Eine so verstandene Selbstliebe hat mit Egoismus nichts zu tun.

Titelbild: Die Schale steht auf fruchtbarem Grund. Wenn das Wasser überfliesst, nährt es die Umgebung. An der Wasseroberfläche spiegelt sich die Umwelt. Der Schalenrand hat im Laufe des Lebens einige Schläge abbekommen, trotzdem kann die Schale mit Liebe gefüllt werden. (Fotos: Beat Steiger)

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3 Kommentare

  1. Was für wunderschöner Artikel.
    Absolut beherzigenswert – nicht nur bedenkenswert – in unseren schwierigen Zeiten.
    Wir sollten uns bewusst machen, dass immer genug, mehr als genug Liebe vorhanden ist, für jede und jeden von uns. Wir dürfen sie einfach nicht ignorieren und ihre Kraft unterschätzen.
    Danke!

  2. Hätte ich vor 50 Jahren diesen Text gelesen und verstanden, wäre einiges in meinem Leben anders geworden. Ich musste schmerzliche Umwege machen, die ich jedoch über die Jahrzehnte gelernt habe zu akzeptieren.
    Ich hoffe sehr, dass dieses Gedicht nicht nur von uns Alten gelesen wird, sondern auch von jungen Frauen und Männern, die ihren Weg noch vor sich haben. Danke dafür.

  3. Ein wunderbarer Artikel, den ich in unserem Familienchat geteilt habe. So erreicht er Jung und Alt. Herzlichen Dank.

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