StartseiteMagazinKolumnenUnd ewig lockt der Liegestuhl

Und ewig lockt der Liegestuhl

Die Literatur zeigt sich in der Schweiz mit zahlreichen Events. Bereits zum 47. Mal finden Ende Mai die Solothurner Literaturtage statt. Etabliert haben sich aber auch Festivals wie etwa das Internationale Literaturfestival Leukerbad, BuchBasel, Zürich liest, das Berner Lesefest Aprillen, Lettera in Luzern, Wortlaut in St. Gallen, Literarischer Herbst in Gstaad, BuchFestival Olten, Literaturtage Zofingen, Höhenflug Zug, Seetaler Poesiesommer, Burgdorfer Krimitage, woerdz – Spoken Word Festival Luzern, Eventi letterari Monte Verità und viele andere. Dazu organisieren Literaturhäuser und Literaturgesellschaften, Bibliotheken und Buchhandlungen während des ganzen Jahres literarische Veranstaltungen und stellen sich damit in den Dienst der Literaturvermittlung.

Doch warum eigentlich eine Lesung besuchen, wenn man Bücher doch auch zuhause auf dem Sofa oder auf dem Liegestuhl ungestört lesen kann? Was bringt das?

Das Zauberwort heisst Begegnung. Erst einmal Begegnung mit einem Text, den man selbstverständlich auch selbst und in Ruhe lesen kann. Vielleicht hat man das bereits getan. Vielleicht wird man es hinterher tun, je nachdem, wie einem die Lesung und/ oder der Autor, die Autorin gefallen hat. Denn zentral ist die Begegnung mit ihnen, den Vorlesenden, mit ihren Stimmen und der Art, wie sie sich zu ihrer eigenen Arbeit äussern.

Wichtig auch die Begegnung mit Moderatorinnen, die durch den Abend führen, ihre schreibenden Gegenüber, ihre Werke und Arbeitsweisen kurz vorstellen und im guten Fall kluge, gar provokative Fragen dazu stellen. Wünschbar auch Begegnung und insbesondere Austausch mit anderen Leserinnen und Lesern, vielleicht hinterher bei einem von den Veranstaltern offerierten Apéro. Weitere Motive, eine Lesung zu besuchen: Sich eine eigene Meinung bilden zu einem Buch, einen Text besser oder anders verstehen, Gelegenheit nutzen, dem Autor Fragen zu stellen. Eine persönliche Widmung im Buch oder mindestens eine Unterschrift der Autorin zu bekommen. Bei all dem aber ist eine legitime und äusserst menschliche Regung nicht ausser Acht zu lassen: Die Neugierde. Wie sehen Autorinnen und Autoren in Realität aus? Anders als auf den bearbeiteten Bildern? Wie wirken sie? Wie klingen sie? Wie sprechen sie über ihre Texte? Reagieren sie mit Humor auf überraschende oder allzu bekannte Fragen? Nehmen sie ihr Publikum ernst, geben sie sich freundlich und nahbar oder wirken sie müde oder lustlos? «Das Bild des Autors ist der Roman des Lesers», lautet die Überschrift eines Aufsatzes, publiziert 2012 vom deutschen Schriftsteller Wilhelm Genazino (1943-2018). Ist das nicht ein wunderbarer Satz?

Zum Schluss noch dies: Rein gar nichts spricht gegen stilles und konzentriertes Lesen zuhause, im Gegenteil. Toll, wenn das Buch obsiegt gegen die Verlockungen von Chats, Video-Streaming-Diensten, Lieblingsserien und endlosem Scrollen durch die Gallery auf dem Handy. Und gegen die müden Äuglein, die während der Tagesschau das erste Mal zuklappen. Nur, fühlt es sich nicht wie ein kleiner Sieg an, wenn wir uns einen Ruck gegeben, die Wohnungstür hinter uns zugezogen und abends mal wieder eine Veranstaltung besucht haben? Sofa und Liegestuhl laufen bestimmt nicht davon.

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