StartseiteMagazinGesellschaft"Der Dichter und sein Henker"

«Der Dichter und sein Henker»

Der dänischen Widerstandskämpfer Kaj Munk (Foto) steht im Zentrum eines Tatsachenromans von Gregor Saladin. «Der Dichter und sein Henker» handelt vom Schweizer Gestapoagenten Louis Nebel, der 1944 den Dichterpfarrer umbrachte.

Historische Romane bauen auf Fakten, echte Namen, verifizierte Daten. Die wahren Gegebenheiten werden in Archiven, Büchern, Zeitungen oder im Gespräch mit Zeitzeugen recherchiert. So geschah es auch mit dem Buch des pensionierten Basler Journalisten und Ex-Mediensprechers des Bundesamts für Verkehr, Gregor Saladin. Herausgekommen ist ein interessantes Zeitdokument, ein Doppelporträt über zwei Männer, deren Charaktere gegensätzlicher nicht sein könnten.

Pfarrer und Widerstandskämpfer

Da ist auf der einen Seite der 1898 geborene Kaj Munk, der in einer christlich-piätistischen Umgebung im ländlichen Dänemark aufwuchs, Pfarrer wurde, dessen Leidenschaft aber das Schreiben von Theaterstücken war. Munk gehört zu den wichtigen Theaterautoren des 20. Jahrhunderts, dessen Stücke noch heute auf dänischen und schwedischen Bühnen gespielt werden.

Munks Familie beim Eislaufen in Kokkelykke. (Foto Königliche Bibliothek Kopenhagen).

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Nachbarland Deutschland und der Besetzung seines Landes durch Hitlers Schergen machte sich Munk einen Namen als Widerstandskämpfer. «Ich kann in Deutschland nichts an den Tatsachen ändern. Aber ich kann und muss verhindern, dass diese Entwicklung auch auf mein Land überschwappt. Ich muss ein Stück schreiben, das dagegenhält,» berichtete er.

Nicht nur in seiner Gemeinde redete Munk den mit Deutschland sympathisierenden Dänen ins Gewissen und organisierte zusammen mit Gleichgesinnten die Rettung zahlloser dänischer Juden. Stets um die Sicherheit seiner Familie besorgt, wog er ab zwischen mutiger Rede und bewusstem Schweigen. Dabei entschied er sich meist dafür, die Dinge beim Namen zu nennen und kam mehr als einmal mit den eigenen Bischöfen in Konflikt.
Die Kirche von Vedersø, in der Munk als Pfarrer tätig war. (Foto Gregor Saladin).

Radikalisierter Hochstapler

Gegenpol in Saladins lesenswertem, im Basler Reinhardt-Verlag erschienenen Roman, ist der 1912 geborene Schweizer Louis Nebel, der in einem kleinbäuerlichen Umfeld in Hochwald (Schwarzbubenland) aufwuchs, sich zu Beginn der dreissiger Jahre am Lehrerseminar in Solothurn radikalisierte, die Ausbildung abbrach und auf die schiefe Bahn geriet. Mehrfach reiste der Nazi-Bewunderer nach Deutschland und träumte von Geld, schnellen Autos und hübschen Mädchen. Ein Polizeibericht fasste seinen Lebenswandel folgendermassen zusammen: «Er lebte auf hohem Fuss und trieb sich mit Halbweltdamen in hiesigen Barwirtschaften herum. Er soll auch von solchen Damen unterstützt worden sein.»

Der Nazi: Gefängnisfoto von Louis Nebel (Foto Polizeimuseum Kopenhagen).

Nach Strafverfahren, Gefängnisurteilen und Konflikten mit der Militärjustiz setzte er sich 1943 nach Deutschland ab, wo ihm die Aufnahme in die Waffen-SS vorerst verwehrt wurde. Die Deutschen schickten den radikalisierten Schweizer ins Elsass, wo er französische Oppositionelle und Landsleute ausspionieren sollte. In der Agentenschule West in Holland wurde er im Umgang mit Schusswaffen und Sprengstoff ausgebildet. Ende 1943 erhielt er, gemeinsam mit weiteren Gestapomännern, den von Himmler initiierten Befehl, mehrere Dänen umzubringen. Hitler und seinen Ministern war zu Ohren gekommen, dass mutige Widerstandskämpfer zum Kampf gegen die deutschen Besatzer aufriefen.

Verstoss gegen Predigtverbot

Das Opfer: Ein nachdenklicher Kaj Munk. (Foto Königliche Bibliothek Kopenhagen).

Zu den Zielpersonen gehörte auch Kaj Munk. Trotz eines Verbots hatte der Pfarrer im Dezember 1943 in der Kopenhagener Liebfrauenkirche gepredigt: «Wir wollen mit Gottes Hilfe versuchen, das Volk zum Aufruhr zu bringen. Denn ein christliches Volk, das tatenlos zusieht, wenn seine Ideale mit Füssen getreten werden, gibt dem tödlichen Keim der Verwesung Einlass in seinen Sinn, und Gottes Zorn wird es treffen.» Munk war sich bewusst, dass die Predigt nicht ohne persönliche Folgen für ihn bleiben würde.

Im Dunkeln der Nacht reiste er zu seiner Familie ins Dorf zurück. Wenige Tage später, am 4. Januar 1944, wurde er in Vedersø von einem SS-Kommando abgeholt, dem auch der Schweizer Louis Nebel angehörte. Die Nazi-Schergen fuhren Munk in einen Wald, hiessen ihn aussteigen und erschossen ihn rücksichtslos von hinten.

Louis Nebel (rechts) auf einem Gefängnisausflug. (Foto Kaershoveedgard Museum).

Sämtliche Fakten, auch die Details der Beerdigung und der zahnlosen Justizverfahren gegen das Mordkommando in Dänemark, hat Autor Saladin im Schweizerischen Bundesarchiv, im CIA-Archiv in Washington, in dänischen Zeitungen und mündlichen Überlieferungen sowie bei Besuchen vor Ort recherchiert. Wo es verschiedene Versionen der Ereignisse gab, wählte der Autor die wahrscheinlichste. Nur wenige Lücken zu einzelnen Gegebenheiten mussten von Saladin eigenhändig gefüllt werden.

Pikantes Detail und persönliche Motivation für die aufwändigen Recherchen war die Tatsache, dass es sich beim Gestapomann Louis Nebel um den Ex-Ehemann von Gregor Saladins Grosstante handelte.

Radikalisierungsgefahr aktueller denn je

Der Roman wirft die Frage auf, wie sich eine Gesellschaft, wie sich Einzelpersonen gegenüber einer menschenverachtenden Politik verhalten und wie weit eine wirtschaftliche oder politische Zusammenarbeit gehen darf. Autor Saladin ist es auch ein Anliegen, mit seinem Tatsachenroman auf die Radikalisierungsgefahr Jugendlicher hinzuweisen, die heute im islamisch-terroristischen Umfeld nicht von der Hand zu weisen ist.

Buchcover: Bildmontage aus Fotos der Seiten 38 und 136.

Wann und wie der von der Schweiz 1947 ausgebürgerte Nebel verstarb, ist unbekannt. «Es ist unwahrscheinlich, dass ihm in seinen letzten Stunden seine abscheulichen Taten in den Sinn kamen und er so etwas wie Schuld oder Reue empfand,» vermutet Autor Saladin am Schluss seines Romans.

Ähnlich präsentierte sich das Bild in Dürrenmatts Klassiker «Der Richter und sein Henker», dessen Titel dem vorliegenden Buch zur leicht abgewandelten Schlagzeile verhalf.

Titelfoto: Kaj Munk am Schreibtisch. (Foto Königliche Bibliothek Kopenhagen. Alle Fotos und Zitate stammen aus dem Buch.)

Der Dichter und sein Henker, Gregor Saladin, Friedrich Reinhard Verlag 2025, ISBN 978-3-7245-2723-7

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