StartseiteMagazinKulturDas Wandatheater auf Tournee

Das Wandatheater auf Tournee

Das feministische Theaterkollektiv «der grosse tyrann» führt das Publikum an verschiedene Spielorte durch Zürich und stellt mit dem Stück «Wandatheater» den Einzug der Frauen ins Theater vor.

Das seit 2012 bestehende feministische Theaterkollektiv der grosse tyrann fokussiert auf weibliche Ikonen, wie etwa die frühe Sozialistin Flora Tristan, die japanische Aufräumexpertin Marie Kondo, Seniorweb hat darüber berichtet, oder Lucia Joyce, die Tochter von James Joyce. Die aktuelle Produktion führt zu den Ursprüngen des Freien Theaters, des Wandertheaters, als Frauen die Bühne eroberten. Mit historischen Fakten, Balladen und aufwendigen Kostümen wird das Publikum überrascht – nicht bequem im Theaterfauteuil sitzend, sondern unterwegs.

Die Neuberin als Erzählerin und die burleske Wandertheater-Schauspielerin

Während nahezu 2000 Jahren kam das abendländische Theater ohne Frauen aus. Die weiblichen Rollen wurden mit Männern, den sogenannten Mädchen-Darstellern, besetzt. Erst am Ende der Renaissance betraten erstmals Berufsschauspielerinnen die europäische Bühne. Bereits damals wurde nicht allein ihre Schönheit, sondern auch die hohe Bildung einiger früher Komödiantinnen anerkannt. Ein regelrechter Starkult um die hervorragendsten Interpretinnen machte sich breit, sie wurden mit Geschenken und Huldigungen überhäuft, von Künstlern porträtiert und nach ihrem Tod mit Gedenkschriften geehrt. Die Theatertruppen wurden häufig nach den Namen ihrer weiblichen Stars benannt. So wie das aktuelle Wandatheater nach Wanda Wylowa, der einzigen professionellen Schauspielerin innerhalb des feministischen Theaterkollektivs.

Singspiel und Possen der Wandertheater-Schauspielerin

Bereits ab 1580 sind Komödiantinnen auch als Prinzipalinnen, als Leiterinnen von Wandertheatertruppen nachweisbar. Eine von ihnen war Friederike Caroline Neuber (1697-1760). Die Neuberin war im 18. Jahrhundert berühmt und prägte die deutsche Theaterlandschaft. Als Dichterin, Theaterreformerin und strenge Prinzipalin gehörte sie zu den besten im Land. Caroline Neuber übersetzte Molière, verfasste gesellschaftskritische Texte und schrieb mehrere Dramen, die sie mit ihrer Truppe aufführte. Wo immer sie spielte, wurde sie zum Stadtgespräch: Adlige, das Bürgertum, Bauern, Handwerker, alle trafen sich vor der Bretterbühne der Neuberin – nicht aber Frauen, für sie galt das Theater zu anstössig.

Historische Abbildung der Neuberin auf dem Theaterprospekt

Heute ist sie beinahe vergessen. Zu Unrecht wie Wandatheater in den lustvoll gespielten Szenen aufzeigt. Caroline Neuber revolutionierte das Wandertheater, das damals aus grobem Spektakel, grausigem Erleben mit Unmengen von Rinderblut in Schweinsblasen bestand. Die «komische Person», im Deutschen «Hans Wurst» genannt, war kein kluger Narr mit spitzer Zunge, sondern ein derber, triebgesteuerter Komödiant, der mit Fressen, Fluchen und schamlosen Spässen das Publikum zum Lachen brachte. Ein Ventil für die niedersten Instinkte, die auf der Bühne hemmungslos ausgelebt wurden. Hans Wurst, eine männlich geprägte Figur, frauenfeindlich und rücksichtslos, heute als «toxisch maskulin» bezeichnet, bot Unterhaltung ohne Tabus, nichts für zarte Gemüter, aber ein Publikumsmagnet. Mit seinem derb-komischen Humor bringt er auch das Publikum des Wandatheaters zum Lachen und zieht Schaulustige aus der Umgebung an.

Passend zur Figur tritt der Hans Wurst im typisch rot-gelben Kostüm mit weisser Halskrause und grünem Herz auf der Brust aus dem Herren-WC heraus und treibt hier seine Spässe zum Gaudi des Publikums.

Die Neuberin als Prinzipalin war wie eine heutige Intendantin verantwortlich für die künstlerische und geschäftliche Leitung, stellte das Ensemble zusammen, wählte die Stücke aus, bestimmte die Rollenbesetzung, erhob allerdings auch Anspruch auf die beifallsträchtigen Hauptrollen. Sie suchte die Schauplätze, führte den Schriftverkehr, bat um Unterstützung bei Mäzenen und verwaltete die Finanzen des Unternehmens.

Die Performerinnen berichten von ihren Erfahrungen als Theatermacherinnen, links die Kostüm- und Bühnenbildnerin Maude Hélène Vuilleumier, daneben die Musikerin Rosanna Zünd.

Wandatheater sieht im Leben der Neuberin einen Spiegel der Zeit: der frühe Kampf der Frauen um ihre eigenen Ideale, um Selbstbestimmung und Führungspositionen. Herausforderungen und Kämpfe, die den Performerinnen nur zu vertraut sind. Aus diesem Grund treten sie mit ihren persönlichen Erfahrungen als Theaterfrauen in Erscheinung und schaffen in der Szene Staatsaktion spielerisch eine Brücke zur Gegenwart.

Rosanna Zünd am Keyboard hinter der kleinen beweglichen Bühne

Das Stück beschränkt sich nicht auf das gesprochene Wort. Die Szenen werden von Balladen, Tanz und Singspielen begleitet. Die gemeinsam erarbeiteten Verse hat die Musikerin und Komponistin Rosanna Zünd vertont. Sie begleitet die Lieder auf dem Akkordeon oder am Keyboard, das auf der beweglichen kleinen Bühne (einem Einkaufswagen) mitgeführt wird. Zum Schutz der Instrumente und der Verstärkeranlage unter einem grossen roten Sonnenschirm.

Barocke Balletteinlage am Zürichsee

Wie alle Stücke von der grosse tyrann wurde Wandatheater im Kollektiv entwickelt. Für Regie und Konzept zeichnet Liliane Koch. Sie ist als Theatermacherin auf dokumentarische Theaterstücke und feministische Performances spezialisiert. Im Stück tritt sie als Neuberin, aber auch als Hans Wurst auf. Die aufwendigen Kostüme schuf die Kostüm- und Bühnenbildnerin Maude Hélène Vuilleumier, sie ist auch für das Bühnenbild zuständig. Die akrobatisch agierende burleske Wandertheater-Schauspielerin wird von Wanda Wylowa verkörpert. Die Schauspielerin wurde für ihre Theater-, Film- und Fernsehauftritte mehrfach ausgezeichnet. Im Vorjahr mit dem Prix Walo.

«Die Neuberin hat viel gewagt. Als Pionierin unverzagt. Theater revolutioniert», heisst es im Refrain des Singspiels über die Neuberin.

Fotos: rv

Aufführungen
«Wandatheater. Ein Stadtrundgang von der grosse tyrann»
Samstag, 30./31. August und 3./4. September, um 18 Uhr
(mit Znacht)
Hardturmbrache, Förrlibuckstrasse 237, 8005 Zürich

Samstag, 6. September, um 18 Uhr
Kraftfeld, Lagerplatz 18, Sulzer-Areal, 8400 Winterthur

Samstag, 13. September, um 18 Uhr
Zeughausareal Uster, Berchtoldstrasse 10, 8610 Uster

Tickets gibt es hier

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