Nach 54 Aufführungen endet Mitte August auf der Bregenzer Seebühne die Oper «Der Freischütz» von Carl Maria von Weber. Die 7000 Plätze in der Bregenzer Bucht waren jeden Abend zu über 95 Prozent besetzt. Auch am vergangenen Samstag, als ein Redaktor von Seniorweb das Spektakel genoss.
Die Geschichte der romantischen Oper basiert auf Sagen, Legenden und handelt vom Kampf zwischen Gut und Böse in einem unwirtlichen Dorf kurz nach dem Dreissigjährigen Krieg: Der junge Amtsschreiber Max liebt Agathe, die Tochter des Erbförsters Kuno. Doch damit Max sie heiraten kann, muss sich der ungeübte Schütze einem archaischen Brauch unterwerfen und einen Probeschuss absolvieren, für ihn eine unerfüllbare Herausforderung.

Die Dorfbevölkerung wird Zeuge des Kampfs zwischen Max und Kaspar.
Das weiss auch der zwielichtige Kriegsveteran Kaspar, der den Amtsschreiber (Als Helfer des Teufels) dazu überredet, mit ihm um Mitternacht in der Wolfsschlucht Freikugeln zu giessen, die niemals fehlgehen. In seiner ausweglosen Situation schliesst Max in der Wolfsschlucht einen Pakt mit dem Satan. Was er nicht weiss: Sechs der verfluchten Freikugeln treffen, die siebte aber lenkt der Teufel dorthin, wo er will.
Unterdessen versucht seine Verlobte Agathe vergeblich in der stürmischen Nacht Schlaf zu finden. Am Morgen ihres Hochzeitstages packt sie eine düstere Vorahnung. Selbst ihre beste Freundin Ännchen kann sie nicht aufmuntern. Und als es vor der versammelten Dorfbevölkerung zum Probeschuss kommt, hat Max auch die siebte Kugel geladen. Er legt an, zielt und drückt ab …
Eigenwillig bearbeitet und modernisiert
Bearbeitet und inszeniert hat die Oper der deutsche Regisseur Philipp Stölzl. Die Première fand bereits im Juli 2024 statt. Stölzl kombinierte ein grosses Spektakel, filmische Dramatik und eine deutliche Modernisierung der Charaktere. Klassische Opernkenner und das jüngere Publikum gleichermassen anzusprechen, war ein erklärtes Ziel. Auch 2025, im Jahr der Wiederaufnahme.

Spektakuläre Bühnenbilder auf dem See sind das Markenzeichen der Bregenzer Festspiele.
Dem Schauspieler Moritz von Treuenfels gebührt das grösste Lob für seine witzige Interpretation und athletische Leistung als Mephisto Samiel. Die Wiener Symphoniker spielen im Jahr ihres 125. Geburtstages tadellos, mit Hingabe und viel Einfühlungsvermögen. Zuverlässig wie immer singt der Prager Philharmonische Chor. Der bis auf die obersten Ränge verständliche Bregenzer Sound, ermöglicht durch eine ausgeklügelte Übertragungstechnik, ist einmal mehr perfekt.
Die Inszenierung besticht durch ihre szenische Opulenz sowie eine radikal neue Deutung der Rolle des Teufels. Regisseur Philipp Stölzl stellt Samiel klar ins Zentrum des Geschehens: Nicht länger nur der «böse Geist» im Hintergrund, entwickelt sich Samiel zur eigentlichen Hauptfigur und zum dramaturgischen Motor des Abends.
Der Teufel als Erzähler und Unterhalter
Der Teufel ist äusserst präsent, wendig und charismatisch. Mit ihm wird das Böse greifbar, gleichzeitig aber mit ironischem Witz gebrochen. Durch eigens für diese Produktion gereimte zusätzliche Texte von Jan Dvořák, spricht Samiel das Publikum direkt an und führt quasi als höllischer Conférencier durch die gesamte Handlung. Er kommentiert das Geschehen, stellt dem Publikum Fragen: “Wollen Sie ein richtig fettes Happy-End?”. Er spielt mit Erwartungen und Rollenbildern.

Agathe, Max und Ännchen.
Die Inszenierung lebt dabei von filmischen Effekten, einer Eis- und Wasserlandschaft, in der das rund 50 köpfige Ensemble agiert, und spektakulären optischen Höhepunkten. So tauchen Badenixen aus dem Wasser auf und verschwinden wieder darin. Oder Samiel reitet auf einem Pferdeskelett über die Bühne.
Aufwändiges Bühnenbild
Die künstlerische Umsetzung des Bösen ist vielschichtig: Samiel wird nicht nur als Versucher, sondern als eine mitunter fast unterhaltsame Instanz gezeigt, die das Gute und Böse inszeniert und dabei immer wieder mit klugen Regieeinfällen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht.
In der Schlüsselszene der Wolfsschlucht inszeniert Philipp Stölzl mit viel Sinn für Gänsehautmomente und unterstützt von eindrucksvollen Stunts, Pyrotechnik sowie tonaler Raffinesse des Dirigenten Enrique Mazzola, das unheimliche Treiben um die Freikugeln, wobei Samiel als «Spiritus Rector» fungiert.

Der Teufel manipuliert Max.
Das Ende der Bregenzer „Freischütz“-Produktion bleibt im Sinne dieser Teufelsinterpretation besonders düster: Agathe wird – abweichend vom traditionellen Schluss – getötet und Max gehängt, was Samiels Allmacht zwar bekräftigt, aber auch Fragen nach Schein und Spiel mit Moral aufwirft.
Doch dann entscheidet sich der Teufel – nach einer letzten Befragung des Publikums – die Geschichte zu drehen: Die erschossene Agathe steht auf und fällt Max glücklich in die Arme. Glücklich ist auch das Publikum, das sich bereits auf die Bregenzer Festspiele 2026 freut.

Ännchen, verzaubert von Badenixen.
Insgesamt überzeugt die Inszenierung durch ihre dramaturgische Genauigkeit, einer faszinierenden Mischung aus grossem Spektakel und tiefgehender Reflexion, vor allem aber durch Moritz von Treuenfels’ Samiel – als brillanter, unheimlicher und zugleich höchst unterhaltsamer Dreh- und Angelpunkt der Aufführung.
Samiels Macht gründet sich auf psychologischen Druck, Verführung und ein raffiniertes Spiel mit Schuld, Moral und Erlösung. Von Webers modernisierte Oper zeigt, dass das Böse nicht plump, sondern oft verführerisch und äusserst clever daherkommt.

Titelbild: Teufel Samiel zusammen mit seinem Gehilfen Kaspar. Fotos: © Bregenzer Festspiele: Daniel Ammann / Anja Köhler
Die letzten Aufführungen des «Freischütz» finden an folgenden Daten statt:
8., 9., 10., 12., 14., 15., 16., 17. August 2025 (Dernière) – jeweils um 21:00 Uhr.
Vorschau auf das Jahr 2026
2026/27 wird auf der Seebühne in Bregenz Giuseppe Verdis «La Traviata» gezeigt. Première ist am 22. Juli 2026. Der Vorverkauf startet am Montag, 29. September 2025.
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