Auf den Spuren von achtzehn Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Geschichte und Gegenwart führt uns Cyrill Stieger in kleineren und grösseren Wanderungen durch die Schweiz: «Wander Orte. Literarische Werke und ihre Schauplätze», erschienen im orte-Verlag.
Es gibt viele Gründe zu wandern, manchen ist der Weg durch die Landschaft eine Freude, anderen eine Notwendigkeit. Robert Walser (1878-1956) zählte zu denen, die sich zeit ihres Lebens zu ausgedehnten Wanderungen – eigentlichen Märschen – gedrängt fühlten. Zunächst um seine Heimatstadt Biel herum und im Jura, später von Herisau AR aus, wo er die letzten 23 Jahre seines Lebens verbrachte. Mit ihm, dem König der Spaziergänger, beginnt Cyrill Stieger seine Sammlung von Einführungen in literarische Werke zusammen mit Beschreibungen von Wanderungen. Über diese wissen wir durch Walsers guten Freund Carl Seelig: Wanderungen mit Robert Walser. – Wichtig ist dabei stets, was die beiden zu essen bekamen: meistens kräftige Hausmannskost, dazu oft Bier oder ein Glas Wein.
Der unermüdliche Wanderer
Der Spaziergang, den der Autor in diesem Kapitel vorstellt, ist nicht zu anstrengend: Er führt zum Rosenberg in St. Gallen, einem schönen Abschnitt des Robert-Walser-Pfads, des ersten Literaturpfads in der Schweiz, 1986 geschaffen.
Cyrill Stieger beginnt in der Nordostschweiz und begleitet uns von dort aus durch die ganze Schweiz, mit Schwerpunkten im Aargau und einem Abstecher ins Maderaner Tal, in verschiedene Berner Gegenden, ins Tessin und ins Wallis. Das vorletzte Kapitel ist Charles Ferdinand Ramuz (1878-1947) und seinem Derborence gewidmet, wo Literatur und Wanderung sich ergänzen, und als letztes folgt Stefan Zweig (1881-1942) mit einer Antikriegserzählung Episode am Genfer See, die heute so berührt wie damals nach dem Ende des 1. Weltkriegs.
Die Freundschaft beim Wandern pflegen
Stefan Zweig traf am östlichen Ende des Genfer Sees Romain Rolland (1866-1944), Schriftsteller, Musikkritiker und Pazifist. Die beiden gingen oft gemeinsam am Seeufer spazieren, zwischen Montreux und Villeneuve und – besonders zu empfehlen: zu den Ausläufern des Rhone-Deltas. Diese stimmungsvolle Landschaft steht heute unter Naturschutz.
Das Schloss Chillon liegt zwischen Montreux und Villeneuve
Das Reizvolle der vorliegenden Sammlung von Texten, im Laufe der Jahre vom Autor als Literatur und als Landschaft erkundet, liegt genau in dieser Kombination: Wir entdecken Wanderwege mit schönen Ausblicken und erfahren in den literarischen Episoden, was sich dort ereignet hat oder was der Schriftsteller, die Schriftstellerin sich erdacht hat.
Wandern mit Fernsicht
Blättern wir noch einmal zu den Anfangskapiteln: Von Heiden, dem Kurort mit Blick über den Bodensee, wandert der Autor über den Kaien nach Grub AR in Begleitung von Henri Dunant (1828-1910), der dort von 1891 bis zu seinem Tod lebte. Klar, Cyrill Stieger wandert nicht mit dem Begründer des Roten Kreuzes persönlich über die Appenzeller Hügel, vielleicht mit Eveline Hasler (geb. 1933), am wahrscheinlichsten mit ihrem Buch Der Zeitreisende. Das ist so anschaulich geschrieben und zugleich gespickt mit allen Informationen, als vernähme der Autor Dunants Geschichte während der Wanderung.
Dann tritt auch noch Friedrich Glauser (1896-1938) auf: Sein letzter Kriminalroman mit Wachtmeister Studer spielt nämlich im renommierten, aber momentan geschlossenen «Ochsen» in Grub AR. Noch einmal treffen Wanderung und Literatur aufeinander. Der Autor findet in Glausers Roman eine Menge Einzelheiten, die im realen Dorf eine Entsprechung haben.
Auf literarischen Themenpfaden
Friedrich Glauser begegnen wir später im Buch ein zweites Mal. Der über die Schweiz hinaus bekannte Schriftsteller wurde wegen seiner Suchtkrankheit nicht weniger als sechs Mal in die Heil- und Pflegeanstalt Münsingen (heute: Psychiatriezentrum) im Berner Aaretal eingewiesen. In Matto regiert benutzt Glauser Détails aus seinen dortigen Aufenthalten. In Münsingen und in Bern selbst war man darüber schockiert, aber der Roman wurde ein Bestseller, schreibt Stieger. Heute gibt es dazu einen Themenweg. Der ist ein Teil des Emmentaler Literaturwegs, der wichtigen Etappen im Leben von Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) gewidmet ist. – Nebenbei: Es gibt auch einen Kulturweg «Unterwegs zu Gotthelf». Cyrill Stieger schreibt über «Das Reich der schwarzen Spinne».
Im Emmental
Um von Dürrenmatts Der Richter und sein Henker zu erzählen, führt uns der Autor allerdings nach Ligerz am Bielersee, wo Dürrenmatt wohnte, bevor er sein Haus am Rande von Neuchâtel erwarb. Wer wie Cyrill Stieger die liebliche Landschaft und ihre Bewohnerinnen und Bewohner ebenso gut kennt wie Dürrenmatts Roman, wird sich nicht wundern, wie viele Bezüge Stieger zwischen beiden entdeckt. Es besteht kein Zweifel, dass wir dort Wanderungen finden, die das Herz erfreuen, und gut essen können wir auch.
Blick über den Bieler See auf die Weinberge um Ligerz
Der Dichter schaut, während er geht
Unmöglich können wir von Literatur und der Erhabenheit der Schweizer Berge sprechen, ohne Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) zu erwähnen. Vor oder nach seinen Aufenthalten in Italien pflegte der Dichterfürst an verschiedenen Orten der Schweiz Halt zu machen, sei es, um die Schönheiten zu geniessen, sei es, um Freunde zu sehen. Cyrill Stieger wählt einen Besuch Goethes am Staubbachfall in Lauterbrunnen aus und zitiert das berühmte Gedicht:
Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es.
Wie stets verbinden sich Gedanken über das Gedicht mit der Beschreibung einer gemütlichen Wanderung, diesmal nach Stechelberg.
Es ist nicht der Sinn dieses Beitrags, sämtliche Kapitel dieses reichhaltigen Buches zu erwähnen. Auf eines – vielleicht wenig bekanntes – soll hier noch hingewiesen werden: Am Ende der Welt hat Stieger nämlich Karl Kraus’ Rückzugsort und Liebesnest in Tierfehd entdeckt. Wie kommt der kluge und scharfzüngige österreichische Literat ins hinterste Glarnertal? – Allerdings nennt der Autor gleich andere Schriftsteller, die dort ebenfalls gewandert sind.
Am Ende des Tales befindet sich noch heute das Hotel Tödi, damals Curanstalt und Gasthof Tödi. Dorthin zog sich Karl Kraus (1874-1936) zurück, um sein berühmtes Weltkriegsdrama Die letzten Tage der Menschheit fertigzustellen – und er traf sich dort öfters mit seiner heimlichen Geliebten, einer böhmischen Baronin. Karl Kraus schien sich im engen Tal wohlzufühlen.
Stieger zitiert ein Gedicht: . . . Der weltbefreite Geist ist wieder jung . . . Ob Sie zuerst lesen oder zuerst wandern oder spazieren gehen, bleibt Ihnen überlassen. Beides ist gleichermassen zu empfehlen.
Cyrill Stieger © Verlagshaus Schwellbrunn Appenzeller Verlag
(Foto: Andreas Butz)
Der Autor Cyrill Stieger (geb. 1950) studierte Slawische Philologie und Osteuropäische Geschichte. Nach vier Jahren als Assistent am Seminar für Osteuropäische Geschichte der Universität Zürich arbeitete er drei Jahre lang an der Schweizer Botschaft in Moskau. Von 1986 bis 2015 war er Auslandredakteur und Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung mit Schwerpunkt Osteuropa und Balkan. Er lebt in Zürich und ist Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift orte.
Cyrill Stieger: Wander Orte. Literarische Werke und ihre Schauplätze. Mit einem Nachwort von Urs Faes. 2025 Verlag Orte (Verlagshaus Schwellbrunn) 216 Seiten. ISBN 978-3-85830-338-7
Titelbild: Blick vom Emmental her aufs Gantrischgebiet
(wenn nicht anders erwähnt: Fotos mp)

