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Abgelehnte Alte?

Der bekannte Alterssoziologe Reimer Gronemeyer hat für seine neuestes Werk einen drastischen Titel gewählt: «Die Abgelehnten. Warum Altersdiskriminierung unserer Gesellschaft schadet.» Aber sind viele Alte nicht geradezu privilegiert?

Das Buch beginnt mit folgenden Sätzen: «Ab sechzig haben sie keine Aufstiegschancen  mehr im Beruf. Mit siebzig wird ihnen kein Kredit mehr bewilligt. Über achtzig wird es schwer, noch einen Pflegeplatz zu bekommen: Für alte Menschen wird die Lage unübersichtlich – sie müssen mit Ablehnung rechnen. Und die Krise, die inzwischen alle spüren, verschärft die Lage.» Gilt dies nur für die Lage in Deutschland? Und wie Gronemeyer in einem Interview im ARD zugibt, überspitzt er die Situation in seinem Buch «Die Abgelehnten». Er zeigt aber ein Problem auf, das auch in der Schweiz nachweisbar ist.

Im Kapitel mit der Überschrift «Einsam, arm und krank» weist Gronemeyer auf drei Säulen der Altersdiskriminierung hin. Grund für Einsamkeit kann eine in vielen Alltagssituationen empfundene Ablehnung sein. Wer sich verkriecht, um der Ablehnung zu entfliehen, handelt vielleicht nachvollziehbar, aber sicher disfunktional. Wer arm ist, überlegt sich mit dem Blick aufs Portemonnaie zweimal, ob er an Festen oder Vereinsanlässen teilnehmen kann.  Auf die für die Alten entwickelte Unterhaltungs- und Reiseindustrie muss er selbstverständlich verzichten. Wer krank ist und auf medizinische und soziale Unterstützung angewiesen ist, fühlt sich oft unnütz und als eine Belastung für die Gesellschaft, was ihm auch gelegentlich von anderen im Alltag und in Pflege- und Betreuungsinstitutionen mehr oder weniger deutlich signalisiert wird.

Das Kapitel über den Generationenkonflikt wird mit folgendem Zitat eingeleitet: «Lass mich in Ruhe mit deinen Weisheiten, Papa. Ich habe Google. Und du hast das Klima ruiniert, Frauen belästigt und keine Ahnung, wie man eine App installiert.» Überspitzt, aber hilfreich um am  konstruktiven Austausch zwischen den Generationen mitzuarbeiten.

Prof. Dr. Reimer Gronemeyer, geb. 1939, hat Theologie und Soziologie studiert und wurde 1975 Prof. für Soziologie an der Justus-Liebig-Universität in Giessen, wo er sich mit Fragen des Alterns beschäftigte. Werke: (mit Oliver Schultz): Die Rettung der Pflege. Wie wir Care-Arbeit neu denken und zu einer sorgenden Gemeinschaft werden (München 2023). Das 4. Lebensalter: Demenz ist keine Krankheit. (München 2013)

Formen der Altersdiskriminierung

In einem Resümee hält Gronemeyer fest, die persönliche Diskriminierung alter Menschen sei eher ein Randphänomen, hingegen werde die entpersonalisierte strukturelle Diskriminierung «immer radikaler und gefährlicher»:

  • In der Öffentlichkeit (auf der Strasse, in den Medien) gebe es keine ausgeprägte Altersdiskriminierung, in der Arbeitswelt insbesondere bei Frauen schon eher. Aber da sei man daran, Gegenmassnahmen zu ergreifen, und in Zeiten des Fachkräftemangels würden Diskriminierungen zurückgedrängt, schliesslich brauche man ältere, erfahrene Mitarbeiter. Soweit keine Alarmstimmung.
  • Starke Diskriminierungsgefahr ortet Gronemeyer im Gesundheitsbereich, bei Pflegebedürftigkeit, bei Altersarmut und Alterseinsamkeit.
  • Die Beschleunigungsgesellschaft entwerte Erfahrungen der Alten.
  • Bedenkenswert die Bemerkung, «dass Altwerden und Altsein immer mehr zum Arbeitsfeld von Sozialarbeitern, Geragogen, Altenbetreuern, Alterspädagogen, gerontologischen Fachleuten etc. wird. Das Alter wird von einer Lebensphase mit eigenen Rollen, Aufgaben, Sichtweisen und Hoffnungen zu einem veranstalteten Lebensabschnitt.»
  • Krass diskriminierend sei der Versuch der Abschaffung des Alters durch «Transhumanismus, Anti-Aging-Industrie, KI, Automatisierung und blindem Fortschrittsglauben».
  • Milieus, in denen man alt werden konnte, wie Familie, Nachbarschaft, Kirche, Vereine seien abgeschmolzen. Organisiertes Essen für Senioren, «das Inklusionsangebot, der Seniorennachmittag oder der Sitztanz im Altencafé» sind gutgemeinte Angebote für Alte, welche die Ungeborgenheit von Alten nur punktuell aufheben können.
  • Die grausamste Altersdiskriminierung sei «die metaphysische Obdachlosigkeit des Alters in unseren Zeiten. Meine Grossmutter wartete auf das Paradies. Alte Leute heute warten auf die Umsetzung ihrer Patientenverfügung.»

Strategien gegen Altersdiskriminierung

Von Altersdiskriminierungsbeauftragten hält Gronemeyer wenig, besser findet er, wenn Alte «Sand im Getriebe einer besinnungslosen Fortschrittmaschinerie» sind.  Ein Traum wäre etwa: «Die Alten besinnen sich auf ihre Erfahrungen und Kompetenzen und weigern sich, im mainstreamigen Trott mitzumachen. Stattdessen erfinden sie und vertreten sie Wege, die nicht nur den Eliten nützlich sind, sondern die einen langsameren, sensibleren, bodenständigen Weg in die Zukunft weisen, auf dem Alte und Junge gemeinsam gehen können.»

Beispiele:

  • Alte bauen Freundschaften und Netzwerke auf, «in denen der Weg in eine lebensfreundliche, selbstbegrenzte und verlangsamte Gesellschaft bedacht wird.
  • Alte leugnen das Alter nicht. «Aber sie versuchen, nicht darüber zu jammern, sondern weise und gelassen in der Akzeptanz des Unvermeidlichen zu leben.»
  • Öffnung des Blicks «für die Schönheit und Einmaligkeit des Lebens».
  • «Resistenz und Renitenz gegen die lächerlichen Versprechungen der Anti-Aging-Industrie.»
  • «Die Bereitschaft zur Kritik am eigenen Lebensstil» ohne alles als falsch zu verwerfen.
  • Die Alten könnten als «Leuchtsignal für die Gesellschaft» so leben, «dass Befreiung und nicht Egomanie zur Grundmelodie des Lebens und damit auch des Alters werden kann.»
  • Statt das Altwerden zu bekämpfen und sich der juvenilen Lebensgier auszuliefern, könnten Alte «sich darum bemühen, die Tiefen und Höhen des Alters, den Schmerz und die Schönheit dankbar anzunehmen und den verbleibenden Rest intensiv zu leben.»

Hier die letzten Sätze seines pointiert geschriebenen Buchs, das wertvolle Analysen und Anregungen bietet: «Es wird immer welche geben, die die Konflikte anheizen. Aber die anderen sind besser dran: diejenigen die der Diskriminierung der Versöhnung entgegensetzen. Die Liebe ist eine unerschöpfliche Quelle, man muss nur gemeinsam daraus trinken.»

Auch im Gespräch mit Ulrich Timm auf ARD findet Gronemeyer versöhnliche Worte. Statt sich in einer Partei für die Alten oder sich in einer Alterslobby für das Wohl der Alten zu engagieren, plädiert Gronemeyer für das ganz konkrete Aufeinanderzugehen unter den Alten und zwischen Jung und Alt, um zu einem konstruktiven Zusammensein und Zusammenwirken zu gelangen (vgl. die letzten zwei Minuten im Gespräch mit Ulrich Timm).

Buch: Reimer Gronemeyer: Die Abgelehnten. Warum Altersdiskriminierung unserer Gesellschaft schadet. München 2025. ISBN: 978-3-426-65988-5

Fotos: Screenshots von bs aus dem Gespräch von Ulrich Timm mit Prof. Reimer Gronemeyer vom 7.6. 2025 auf Tagesschau 24.

Website von Reimer Gronemeyer

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Das Buch habe ich (noch) nicht gelesen. Aber nach Lektüre dieses Beitrags meine ich, dass Professor Gronemeyer die zentralen Probleme anspricht und vor allem auch Lösungsansätze bietet. Was wir uns zu Herzen nehmen sollten, uns untereinander zu solidarisieren und eine Alterslobby aufzubauen. Was nicht heisst, dass wir uns gegen alles und die anderen Generationen abschotten, sondern dass wir offen und im Dialog für unsere Belange einsetzen.
    Ich freue mich auf Mitstreiter*innen. (Das ist ernst gemeint.)

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