Wie mit einem Kaleidoskop zeichnet die US-Amerikanerin Virginia Evans in ihrem Bucherstling «Die Briefeschreiberin» das Leben ihrer Romanfigur Sybil van Antwerp auf, lässt anfänglich dunkle Stellen mit jedem Brief etwas heller werden, helle Farben dafür zurücktreten. Lesende sind gefordert, denn die verschiedenen, oft ineinander verflochtenen Ebenen lassen sich nur nach und nach ganz erfassen.
«Bücher sind dickere Briefe an einen Freund», dieses Zitat des deutschen Schriftstellers Jean Paul hat sich Daniel Keel, der Gründer des Diogenes Verlags auf sein Briefpapier drucken lassen. Ob Virginia Evans diesen Satz kannte, als sie ihren Debütroman «Die Briefeschreiberin» verfasste? Für ihre Figur Sybil, Starjuristin, Freundin, scharfsinnige Kritikerin, (gewesene) Ehefrau und immer noch Mutter und Grossmutter und, mit über 70, im Ruhestand, ist der schriftliche Kontakt das, was ihr Leben ausfüllt.
Sybils Leben spiegelt sich in ihren Briefen wie die wechselnden Farben in einem Kaleidoskop.
Sie schreibt, immer von Hand, an ihren Bruder, ihre Kinder (eher weniger), an Freundinnen, Freunde, ehemalige Berufskollegen, einen Jugendlichen im «schwierigen Alter», an Autoren und Autorinnen, deren Romane sie kritisch würdigt oder hinterfragt – kurz an alle, mit denen sie Kontakt hat. Oder auch nicht.
Sie schreibt geistreich, humorvoll, empathisch und ehrlich und findet dabei meist den richtigen Ton. Gut, bei ihrer Tochter Fiona weniger, da muss sich ihre Freundin aus Jugendtagen manchmal so einschalten, wie es nur enge Freunde dürfen: klar und offen, auch wenn sie weiss, dass sie Sybil damit verletzt.

Für die Lesenden präsentieren sich die Briefe, aneinander gereiht, ohne erklärende Zwischentexte, wie ein Fotoalbum mit zum Teil alten, vergilbten, dann wieder neueren Bildern von Personen, die man nicht kennt. Genauer: Die man nach und nach kennenlernt und damit immer etwas mehr oder von einer anderen Warte aus in das Leben von Sybil eintaucht.
Allgegenwärtig ist der Unfalltod ihres mittleren Kindes, Gilbert, im Alter von acht Jahren. Seitdem, also vor fast 40 Jahren, lässt Sybil «das Leben» nicht mehr an sich heran, schafft mit den Briefen einer Art Distanz. Ihren Ehemann lässt sie gehen, zu den beiden anderen Kinder ist der Kontakt locker, ihr Kanzleipartner, Richter Donelly verschwindet nach der Pensionierung in der Versenkung, obwohl sie überall als das erfolgreiche «geniale Juristenduo» bekannt waren. Und ihr aufmerksamer Nachbar, der sie mit kleinen Aufmerksamkeiten verwöhnt, wird jeweils mit einer distanzierten Dankesfloskel abgespiesen.
Dass diese Trauerfront mit über 70 Jahren Risse bekommt, hat viele Gründe. Ist es die zunehmende Einsamkeit, die auch auf einem Geheimnis gründet, das immer virulenter wird? Die Erkenntnis, dass sie dabei ist, auch ihre Tochter zu verlieren, die ihre Sorgen lieber ihrer Patin anvertraut? Oder ist es dieser Gutschein, den Sohn Bruce ihr zum Geburtstag schenkt. Für einen Gentest! Denn Sybil ist, wie auch ihr geliebter Bruder, als Kleinkind adoptiert worden. In einer liebevollen Familie aufgewachsen, war das für sie lange kein Thema. Oder dann ein verdrängtes.
Dieser Gentest, zuerst achtlos zur Seite gelegt, weckt aber doch ihre Neugier. Es dauert lange, etliche Briefe und einen empathischen Briefwechsel mit einem in die USA eingewanderten Syrer lang, bis es klar wird: Sie hat eine Schwester, nein, eine ganze Familie. In Schottland! Die Annäherung der beiden «Schwestern», die vorher nichts voneinander wussten, ist behutsam, zurückhaltend. Ein subtiles Porträt eines gesellschaftlichen Problems, das hochaktuell ist.
Mit über 70 Jahren zu erfahren, dass man aus dem fernen Schottland stammt, ist überraschend. Eine Reise dorthin klärt vieles.
Die Vergangenheit, allerdings in anderen Form, holt Sybil auch mit den Schmähbriefen eines Anonymen ein. Es geht um ein Gerichtsurteil aus ihrer Zeit als Richterin. Jetzt im Alter, konfrontiert mit dem Wissen, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt, zu leben und noch weniger, zu lesen und zu schreiben, stellt sich Sybill der Erkenntnis, dass sie und ihr Büropartner damals, zu hart geurteilt und damit eine Familie zerstört haben.
Etwas Romantik darf nicht fehlen, auch nicht bei der über 70 Jahre alten Sybil. (Bilder pixabay)
Dann wäre da noch der Kontakt mit dem geistreichen, kulturinteressierten und in jeder Hinsicht sehr unterhaltsamen Mick Watts aus Texas, der sie, zu ihrem Unbehagen, sogar heiraten möchte. Sie, die mit dem Verlust ihres Augenlichts zu kämpfen hat und weiss, dass ihr nicht mehr viel Zeit für ein eigenständiges Leben bleibt. Hat da Liebe wirkich noch Platz? Und wie steht wohl ihr Nachbar, der hilfsbereite Theodore dazu? Der Brief ihres sterbenden Exmanns, so voller Liebe und Zuneigung, bewirkt, dass Sybil für einmal die Worte fehlen. Bis ganz zum Schluss, wo sie doch noch Abschied nimmt, auch von ihrem vor 40 Jahren verstorbenen und ein Leben lang betrauerten Sohn.
Es sind traurige, überraschende, berührende, kritische, manchmal auch ziemlich widerborstige Briefe, nicht an einen Freund, wie Jean Paul schreibt, vielmehr an viele Adressaten. Sie laden ein in die Welt der Sybill van Antwerp. Ein spannendes, lustvolles Lesevergnügen.
«Die Briefeschreiberin» der Autorin Virginia Evans erscheint mit heutigem Datum (27.8.2025) im Goldmann Verlag. ISBN: 978-3-442-31784-4
