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„Carmen“ unter freiem Himmel

Die Oper „Carmen“ mit über 100 Darstellenden unter freiem Himmel: ein grossartiges Erlebnis. Seniorweb hat sich vergangene Woche den Bizet-Klassiker in Verona angeschaut und sich über die Geschichte der weltberühmten Arena informiert.

Die Arena von Verona ist eines der grössten und besterhaltenen römischen Amphitheater der Welt. Sie wurde etwa im Jahr 30 n. Chr. ausserhalb der damaligen Stadtmauern von Verona erbaut und ursprünglich für Gladiatorenkämpfe und sonstige Wettkämpfe genutzt. Heute ist sie jeden Sommer Schauplatz von gigantischen Opern-Freilichtspielen.

Die eindrucksvolle Architektur, eine Fassade aus weissem und rosa Kalkstein, fasste einmal über 30’000 Zuschauende. An den Opernaufführungen der Neuzeit ist die Arena mit 8000 Plätzen fast immer voll besetzt. Trotz den grossen Menschenmengen wirkt die Ambiance vor und in der Arena ungezwungen, fast familiär. Man kennt sich, lernt sich kennen und hält bei einem Apéro ein Schwätzchen. Wer vor der Aufführung essen möchte, findet in der nahen Altstadt bezaubernde Lokale mit freundlicher Bedienung sowie exzellenten Speisen zu vernünftigen Preisen. Ein Gedränge haben wir auch bei Zutritt und nach Ende der Vorstellung nicht erlebt.

Wechselnde Nutzung

Über die Jahrhunderte verzeichnete die Arena wechselnde Nutzungen: Nach einem schweren Erdbeben 1117 diente sie zeitweise als Steinbruch für die wachsende Stadt. Legendär ist auch der sogenannte “Flügel” (l’ala) – heute erhaltene Bögen des äusseren Rings, die der unvollendeten Fertigstellung und mittelalterlichen Bauplänen zugeschrieben werden.

Die Arena war auch Schauplatz bedeutender geschichtlicher Ereignisse, so 1278 bei den letzten grossen Hinrichtungen der Katharer durch die Inquisition. Die Katharer waren eine christliche Reformbewegung, die von der katholischen Kirche brutal verfolgt wurde. Nach dem Untergang der Bewegung in Südfrankreich flohen viele Überlebende nach Norditalien, insbesondere in die Region um Verona und an den Gardasee, wo viele Mitglieder hingerichtet wurden.

Beginn der Opernfestspiele

Erst in der Moderne entstand das Interesse, die Arena als Musiktheater wiederzubeleben. Den Durchbruch brachte das Jahr 1913: Anlässlich des 100. Geburtstages von Giuseppe Verdi wurde seine Oper Aida am 10. August 1913 unter freiem Himmel, ohne elektrische Beleuchtung, aufgeführt. Die Aufführung war der Traum des Veroneser Tenors Giovanni Zenatello, verwirklicht mit Unterstützung von Ottone Rovato, dem Dirigenten Tullio Serafin, Chorleiter Ferruccio Cusinati und dem Architekten Ettore Fagiuoli, der das erste Bühnenbild entwarf. Seit diesem historischen Tag entwickelte sich die Arena di Verona zum bekanntesten und grössten Open-Air-Opernhaus der Welt. Die Festspiele werden seit 1919 jährlich wiederholt – mit kurzen Unterbrechungen während Kriegszeiten sowie der Pandemie – und festigten das internationale musikalische Renommee der Stadt.

Entwicklung und Besonderheiten

1936 wurde eine feste Veranstalterorganisation gegründet, die 1998 in die private Stiftung “Fondazione Arena di Verona” umgewandelt wurde. Die Arena ist für ihre grossartigen Inszenierungen und ihre hervorragende Akustik berühmt und zieht jeden Sommer tausende Musikfreunde aus der ganzen Welt an. Neben Opern sind in der Arena auch Ballette und grosse Konzerte zu erleben, darunter Auftritte von Berühmtheiten wie Maria Callas, Luciano Pavarotti, Andrea Bocelli und internationalen Stars aus anderen Musikrichtungen.

Die spektakulären Bühnenbilder, Massenszenen und sogar lebende Tiere machen die Aufführungen zu einem besonderen Erlebnis. Die Oper “Aida” von Verdi hat einen festen Platz im Sommerprogramm, weshalb die Arena als „Aida-Hochburg“ gilt. Seit 1976 ergänzt das Teatro Filarmonico das Programm als zweite Spielstätte. In diesem Jahr sorgte eine Neuinszenierung von Giuseppe Verdis „Nabucco“ unter der Regie von Stefano Poda für internationale Schlagzeilen: ein High-Tech-Spektakel mit modernen Lichteffekten und futuristischen Kostümen, das musikalisch hervorragend, aber szenisch für manche irritierend wirkt.

Farbenfrohe Kostüme

Für uns stand am vergangenen Freitag die Oper „Carmen“ von Georges Bizet auf dem Programm. Seit meiner Jugend gehört sie zu meinen Lieblingsopern. Noch nie habe ich „Carmen“ mit über über 100 weiteren Sängerinnen und Protagonisten, Pferden, Eseln und einem Kinderchor auf der Bühne gesehen. Aus dem Graben erklangen die Ohrwürmer des tollen Festival-Orchesters. Eindrücklich auch die abwechslungsreiche Beleuchtung, erstaunlich, wie gut man den Gesang ohne Mikrofonverstärkung im 2. Rang hören konnte.

Erstklassig war vergangenen Freitag auch die Besetzung der Hauptrollen: Carmen: Aigul Akhmetshina. Don José: Francesco Meli. Escamillo: Giorgi Manoshvili. Micaëla: Mariangela Sicilia. Nebenrollen. Frasquita: Daniela Cappiello. Mercédès: Sofia Koberidze. Le Dancaïre: Jan Antem. Le Remendado: Vincent Ordonneau. Zuniga: Gabriele Sagona. Morales: Giulio Mastrototaro. Die Produktion stammt von Franco Zeffirelli, die farbenfrohen Kostüme von Anna Anni. Dirigent war Francesco Ivan Ciampa.

Beeindruckende Zuschauerzahlen

Laut dem aktuellen Opernbericht wird Verona in den Top Ten der italienischen Opernhäuser gelistet. In der aktuellen Spielzeit sahen 82‘000 Personen eine „Carmen“-Aufführung, gefolgt von „Aida“ mit 77‘000 Zuschauenden. Auch bezüglich Umsatz lag „Carmen“ an der Spitze, gefolgt von „Aida“, dem „Barbier von Sevilla“ und „Tosca“. Rund ein Drittel des Opernpublikums in Verona stammt aus dem Ausland.

Meine Empfehlung: Wer nicht in Verona übernachten möchte, kann problemlos mit dem öffentlichen Bus anreisen. Nach Ende der Vorstellung fährt ein spezieller Bus die Opernfans zurück an den Gardasee. Die Vorstellung beginnt um 21 Uhr und dauert – mit zwei Pausen – gut vier Stunden. Ins Bett kommt man somit erst gegen zwei Uhr morgens. Auch im Sommer 2026 werden in Verona wieder fünf Opernklassiker zum besten gegeben.

Titelbild: Die Arena ist heute nicht nur architektonisches Symbol, sondern auch ein lebendiges Kulturdenkmal und weltweit bewunderter Veranstaltungsort. Fotos NT/PS/ Ennevi /Courtesy of Fondazione Arena di Verona.

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Arena Verona

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