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Zur Ganzheit finden – Wie bitte?

Zum 90. Geburtstag der renommierten Jung’schen Psychoanalytikerin Ingrid Riedel werden unter dem Titel «Mutig leben und zur Ganzheit finden» Texte aus ihrem reichhaltigen Lebenswerk herausgegeben.

Die Texte wurden ausgewählt und herausgegeben von Verena Kast und Christiane Neuen, «um den Horizont des Denkens und Schaffens von Ingrid Riedel nachzuzeichnen». Die Kapitelüberschriften geben Auskunft über Denk- und Gestaltungsräume von Ingrid Riedel:

  1. Träume als Wegweiser
  2. Von den Sinnen zum Sinn. Körpererfahrung als innere Welt
  3. Die innere Freiheit des Alterns
  4. Die Einweihung ins Leben. Die weise Frau als Initiationsmeisterin im Märchen «die Gänsehirtin am Brunnen»
  5. Erlösung aus tiefenpsychologischer Sicht
  6. Heilen – Geschmack am Leben wiedergewinnen.
  7. Malen als Selbstgestaltung.

Für Seniorweb beschäftigte ich mich näher mit dem dritten Teil «Die innere Freiheit des Alterns». Darin werden das erste und letzte Kapitel des gleichnamigen Buches von Ingrid Riedel, das 2025 in 7. Auflage erschienen ist (Erstauflage 2009), wiedergegeben.

Das erste Kapitel von «Die innere Freiheit des Alterns» trägt die Überschrift: «Altern: Leben ausschöpfen – und loslassen». Altern heisse, sich klar zu werden, dass das eigene Leben begrenzt sei, dass es zum grössten Teil durchlebt sei und nur noch ein kleiner Teil zur Verfügung stehe. Es komme jetzt einerseits darauf an, «mein besonderes Leben auszuschöpfen, nicht irgendein Leben, sondern mein ureigenes, das in mir angelegt ist.» Anderseits gelte es, loszulassen, Gelassenheit zu entwickeln, was zu einem neuen Gefühl von Befreiung führen könne. Allerdings gehe es nicht darum, vorschnell loszulassen, da gerade im hohen Alter sich vielleicht noch etwas entwickeln möchte: «Es gilt vielmehr, intensiv zu leben bis zuletzt.»

Das letzte Kapitel trägt die Überschrift: ««Leben ohne Warum» – Altwerden mit einem Gedanken von Meister Eckhart.» Ingrid Riedel erläutert darin ihr Verständnis des Loslassens in Anlehnung an den Mystiker Meister Eckhart (1260 – 1328). «Dieses Loslassen und Lassenkönnen befreit uns zum Beispiel zur Musse, zur Hingabe an Kunst, Literatur, Musik, zum Philosophieren, zum Nachdenken, zum Querdenken auch…Es befreit uns zu einem schöpferischen Tun, das kein Publikum braucht, weder Beifall noch Kritik. Denn es geschieht aus der Freude heraus, sich auszudrücken – ohne Warum.» Oder wie Meister Eckhart in Mittelhochdeutsch sagt: «sunder warumbe», ein Leben ausserhalb der Leistungsgesellschaft, ausserhalb der Marktlogik des Gebens und Nehmens, ohne Selbstsucht, ohne Ich-Befangenheit. «Den Sonderwillen und das egozentrische Sondersein loszulassen, um sich ebendiesem grösseren Sein, dem Sein selbst, zu öffnen und hinzugeben, das hiesse, sich in aller inneren Freiheit dem Leben zu geben, das sich mir schenkt und dem ich mich verdanke, das auch aus meinem Grunde lebt, aus meinem Ureigenen quillt, der ja dem Urgrund des Lebens angeschlossen ist und nun keine Begründung und kein Warum mehr braucht, weil es authentisch ist – in Übereinstimmung mit dem, was ich im Innersten bin. Es ist höchste Erfüllung und schönste Freiheit, das zu leben, was das Leben, an dem ich teilhabe, von mir will.»

Ingrid Riedel untersucht Impulse von Meister Eckhart auf C.G. Jung ausführlicher in ihrem Buch von 2024 «C.G. Jung und Meister Eckhart. Eine Begegnung.» Darin wird auch erläutert, wie Gelassenheit und Lebensfreude zusammenhängen können.

Dr. Ingrid Riedel, Jung’sche Psychoanalytikerin, Autorin und Psychotherapeutin (Foto © privat)

Der Titel des Buches wird nun klarer: «Mutig leben» kann heissen, aus eingefahrenen Pfaden und vorurteilshaften Strukturen über sich und die Welt auszubrechen und Neues zu wagen. «Zur Ganzheit finden» kann als Aufruf verstanden werden, über sein begrenztes Ego hinauszufinden zum grösseren tragendem Ganzen, auch zur Welt des Unbewussten, aus dem kreative Impulse entstehen können und zur Welt des Überbewussten, zur spirituellen Verbundenheit mit allem und zum überindividuellen, universellen Menschsein.

Zum Titelbild: Mandala einer unbekannten Patientin von C.G. Jung vor 1929 (von Wikimedia commons)

Interview mit Ingrid Riedel vom Mai 2025 unter dem Titel «Wir dürfen uns die Seele nicht nehmen lassen.»

Buch: Ingrid Riedel: Mutig leben und zur Ganzheit finden. Ostfildern 2025. ISBN: 978-3-8436-1590-7

Ingrid Riedel wurde 1935 in Schweinfurt geboren und erlebte 1945, wie ihr Elternhaus zerbombt wurde. Sie studierte evangelische Theologie, Germanistik und Religionspsychologie. Später machte sie eine Ausbildung am C.G. Jung-Institut in Zürich, wurde Hochschullehrerin und Psychotherapeutin mit einer Praxis in Konstanz.

 

 

 

 

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1 Kommentar

  1. Herzlichen DANK an Beat Steiger für die sehr informativen tiefgründigen Vorstellungen von lesenwerten Büchern.
    Meine Begeisterung für ist heute noch gewachsen, da ich Beat Steiger persönlich kennen lernen durfte an der Vernissage von Remo Roth in Muri. Danke und weiterhin Erfolg beim Schreiben von Buchbesprechungen, die jeweils echte Lebenshilfen werden können.
    Danke und Gruss von Hildegard

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