Der Kolumnist trinkt ihn gerne, versteht allerdings nullkommanix vom Wein. Er glaubt, dass ein Grossteil der Konsumenten ebenfalls nichts weiss. Hier gibt er Tipps, wie man diesen Mangel kaschiert.
Letztes Jahr hat ein Walliser Gericht einen Weinhändler zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Die Justiz bestrafte ihn, weil er billigen Wein falsch deklarierte und zu teuer verkaufte. Gerne würde ich bei diesem Geschäftsmann ein paar Kartons des beanstandeten Weins erwerben. Ich liesse mich wissentlich über den Tisch ziehen, weil ich die Differenzen zwischen billig und teuer nicht erkennen kann. Ich spüre zwar Unterschiede, weiss aber nicht, was gut und was schlecht ist.
Wein-Exhibitionismus beobachte ich häufig bei Senioren. Seniorinnen sind weniger zeigefreudig. Man ordert einen Wein, der im Laden mindestens 25 Franken und im Restaurant wengistens einen Hunderter kostet. In der Gastwirtschaft macht der Kellner oder die Sommelière ein bisschen Klamauk mit dem Getränk. Der vermeintliche Kenner steckt seine Nase tief ins Glas und blickt dann kennerhaft in die Runde. Er schwenkt den Wein, nimmt geziert ein Schlückchen und urteilt dann mal expertenhaft zurückhaltend, mal mit bürgerlich gedämpften Orgasmustönen. Es ist, Verzeihung, grosser Guggus.
Nun gebe ich gerne zu, dass es unter den wirklich renommierten Weingurus solche gibt, die wissen, was sie tun, schreiben und sagen. Sie haben ihre Riechnerven trainiert und ihre Geschmackknospen geschult, sodass sie Qualität von Fusel unterscheiden können. Doch die grosse Riege der Weinpalaverer füllt ihre Lücken mit Schwurbel.
Das Elementare: So werden wir zum Kenner in kundiger Runde
Seniorweb lässt seine Leserschaft nicht im Stich und hilft, sich im önologischen Labyrinth zurechtzufinden.
Beispiel
So reden sie, die Wörterklempner.
Das bedeutet das Blähdeutsch wirklich.
🍷
Jetzt gehts richtig los.
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Die ausgewogene runde Säure macht diesen Wein zum unterhaltsamen Begleiter.
Hochstaplerdeutsch für Beinahe-Essig. Viel lieber hätte man am Tisch einen wirklichen Begleiter, eine reale Begleiterin.
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Ein hübscher Alltagswein, der zu jeder vergnüglichen Geselligkeit passt.
Hoppla, das ist der önologische Tiefschlag. Plörre für saufende Proleten.
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Der Wein muss noch reifen. Hat aber Potenzial.
Funktioniert vom Magdalener Magsch-dänn-ehner bis zum Grand Cru Legume. Achtung: Bei einem Château Mouton Rothschild 1972 ist diese Aussage nicht wirklich passend.
🍷
(Etikette anschauen und trinken) So und nicht anders habe ich mir diesen Wein vorgestellt.
Damit kommt man immer durch. Es ist der Schlüsselsatz, wenn Kommentare gefragt sind und man weder weiss, wo Bordeaux liegt noch wer der Herr Oechsle war.
Meinungsdiversität. Wenigstens sind sich die beiden einig, dass das Getränk rot ist.
(Bild AI, Fotor, pst)
Wir haben oben das Grundwissen erworben. Jetzt überzeugen wir mit Details.
Die Weinsprache präsentiert viel Überraschendes. Mit den unten gesammelten Begriffen glänzen Sie auch auf allerhöchstem Niveau. „Das Bukett“, so beginnen die Weinmeister, erinnere an:
– fermentierte Sojasauce
– regennasse Strassen
– gekochten Fenchel
– durchweichte Apfelkerne
– frisch geerntete Heidelbeeren
– sonnengetrocknete Quitte
– edelfaule Kiefernrinde
Wo eine Weinflasche steht, ist auch der Fettnapf nicht fern.
Der Kolumnist verrät Interna. Als seine Angetraute das noch nicht war, machte er mit ihr einen Blindtest. Sie wollte nicht. Aber nach allerlei amourösen Bemühungen machte sie dann doch mit. Die beiden waren in Italien. Das Glas mit dem Tankstellen-Algerier stand links. Rechts war das Glas mit Vecchie Vigne Soave DOC 1978. Sie tippte auf den falschen Wein, jenem aus der Tanki. Trotzdem heirateten sie. Das war und ist gut so.

Genial!
Trinkt doch einfach den Wein der euch schmeckt und vergesst das Geschwafel.
Wenn jemand gerne sagt, WARUM ein Wein ihm schmeckt, so ist das kein «Geschwafel».
Trinken Sie, was Sie wollen, lieber Ueli – aber bitte ohne Schmähung von Leuten mit etwas höherem Anspruch.
Es gab auch mal einen formidablen Ausdruck, mit dem man Eindruck machen konnte. Emil hat das mal herrlich vorgetragen.
Zu hören und zu sehen im Internet: ‚Emil Steinberger: «Der Wein repupiert‘
Naja, allerlei skurrile – weil kaum nachvollziehbare – Weinbeschreibungen muss man immer mal wieder lesen («Hasenbauch»!). Sie stammen allerdings meist von profilbedürftigen Profis. In meinem Kreis von einigermassen sachkundigen Amateur-Weinfreunden kommt solches Schwurbeln nicht vor. (Das Feststellen von genügend guter Säure hingegen schon – denn diese ist ein wichtiger Faktor der Weinqualität; mit Essig hat das nichts zu tun.)
Es ist bei Lebensmitteln (einschliesslich dem Wein) wie bei der Kunst und der Musik: Etwas einfach «gut» zu finden, ist ziemlich banal. Interessant wirds, wenn man auch sagen kann, warum. Der Genuss wächst, je mehr man weiss und seine Empfindungen auch differenziert ausdrücken kann. Darüber sollte man sich nicht lustig machen.
Die Weintrinker, die Herr Steiger der Lächerlichkeit preisgibt, einmal mehr, sind Angeber und Wichtigtuer, die bei jedem Thema zu finden sind. Schade finde ich, dass es diesmal den Wein trifft, ein Kulturgut der Menschheit, das es seit Jahrtausenden gibt. Die hanebüchenen Weinbeschreibungen und lustigen Bildchen, die uns so genüsslich präsentiert werden, gehören in Witzblätter oder ins Cabaret (Emil).
Man muss kein Weinexperte sein um guten und ehrlichen Wein geniessen zu können. Weingeschmäcker sind bekanntlich verschieden; wenn der billige Algerier von der Tanke jemandem schmeckt, so what. Wer jedoch noch nie einen nach allen Regeln der Weinhandwerkskunst produzierten Bio Wein probiert hat, verpasst echte Weinkultur und Genuss pur.
“Ich spüre zwar Unterschiede, weiss aber nicht, was gut und was schlecht ist.”
Gut ist, lieber Peter Steiger, was Ihnen, vor allem Ihnen schmeckt.
«Goûtons voir si le vin est bon»
Das Auge sagt Ihnen etwas über die Farbe, lebendig oder verfärbt und stumpf, auch die untrainierte Nase riecht Unebenheiten wie den Zapfen und anderes und wenn es ganz hinten bei den Stockzähnen nicht kratzt, reicht das für Sie völlig .
Weitläufige phantasiereiche Kommentare machen nur Angeber und Weinhändler.
«S’il est bon, s’il est agréable»
«J’en boirai jusqu’à mon plaisir»
PS: Alle 10 Jahre wird ein grosser Weinskandal im Wallis publik, entscheiden Sie selbst.