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Was für ein grüner Sommer!

Leise kündet sich der Herbst an. Die Laubbäume tauschen ihre Farben und werden bunt. Was aber war das für ein üppiger, grüner Sommer! Bei uns immer genügend Regen, während weit herum Wälder brannten und Wiesen in der Hitze darbten. Dass da und dort die Cervelats nicht auf das heisse Eisen im Garten gelegt werden konnten, war eine Bagatelle. Schon kurz nach der Blütezeit der Kirschen-, Birnen- und Apfelbäume wandten sich die emsigen Bienen verstreuten Blüten zu.

Ich bewunderte die Landschaft im grünen Kleid und selten fiel mir die unendliche Vielfalt von Grün so intensiv auf wie in diesem Jahr. Jede Art Baum hatte sein eigenes Grün und die gemähten Wiesen und die von jungem Getreide spriessenden Äcker grenzten sich klar voneinander ab. Die verschiedenen Nuancen von Grün bezauberten mich und ich versuchte, ihre Farbe zu benennen. Es gab das zarte, das helle, das dunkle Grün. Das genügte aber noch lange nicht für die Unterscheidung. Es brauchte Vergleiche.

Ich fuhr mit dem Bus entlang dem See, wo auf der entfernten Seite der Wald bis an sein Ufer gelangt. Das leuchtende Grün in ihm nannte ich Smaragdgrün. Es erinnerte an ein magisches Schmuckstück. Grün begann mich zu fesseln. Ich betrachtete die Landschaft wie mit neuen Augen. Es gab das frische Grün der Buche, das Lindengrün und abwechselnd verschieden dunkle Tannengrün.

Ich sass in einer Gartenwirtschaft unter einem olivengrünen Blätterdach. Ein Gast nörgelte und er wirkte auf mich giftgrün wie Nesseln. An einem anderen Ort blähte sich einer unter Männern am Tisch auf und ich nannte ihn für mich einen krötengrünen Typ. Ich fühlte mich nicht wohl. Viel lieber wäre ich mit einem Glas Wein unter dem weitausladenden Blätterdach eines Ahorns oder eines knorrigen Kastanienbaums verweilt. Gelassen schauend beglückt durch die grüne Welt.

Der Zug fährt über eine ausgedehnte Fläche, dann windet er sich in einer Schlangenlinie durch verbuschte und waldige Hügel. Die parzellierten Flächen auf der Ebene wirken wie das Zusammenspiel eines grossen Teppichs. Neben grünen Feldern sticht ein ockerfarbenes Viereck heraus. Ein Acker, der gerade abgeerntet oder auf dem Korn frisch gesät wurde. Es ist wie bei Bildern von Paul Klee, der seine farbigen Flächen zusammenstückelte zu einem harmonischen Bild.

Ich wanderte durch einen Buchenwald, der gerade die Blätter ausgetrieben hatte. Mich beflügelte das zarte, ja keusche, unbefleckte Grün, durch das die Morgensonne auf eine steile Felswand schien. War das nicht wie ein Gemälde von Ferdinand Hodler oder von Franz Gertsch? Keiner wie Gertsch* spielte in seinen Gemälden so intensiv mit der Farbe Grün.

In solche Gedanken verstrickt, halte ich fest, wie sehr mich Dichter, Maler und Fotografen lehrten, die Landschaft zu sehen und zu entdecken. Der erste in der Schweiz, der überhöhend die Alpen schilderte, war der Berner Dichter Albrecht von Haller (1706-1777). Der Schweizer Maler Caspar Wolf (1735-1783) aus Muri machte Menschen auf die Wucht der Berglandschaft aufmerksam. Heinrich Danioth, der den Teufel in den Göschenen gemalt hatte, lehrte mich, die Landschaft farbiger zu sehen. Nicht zuletzt beschreibt Jeremias Gotthelf in farbiger Sprache die bäuerliche Welt und ihre Landschaft.

Woher kommt all das Wissen, das uns täglich begleitet? Wir sind Erben. Ein Wort von Goethe sagt: «Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.»

*Franz Gertsch – Museum in Burgdorf

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