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Vom Leisten zum Leben

Unter diesem Titel lädt uns Lukas Niederberger ein, das Leistungsdenken in 10 Schritten zu hinterfragen, um zu mehr Lebensqualität zu gelangen.

Lukas Niederberger, ehemaliger Jesuitenpater und Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (2013 – 2023) hat das Buch «Vom Leisten zum Leben. Müssiggang ist aller Tugenden Anfang» kurz nach seinem 60. Geburtstag geschrieben. «Wenn mich früher jemand einen Workaholic nannte, erwiderte ich kopfschüttelnd, dass mein Beruf einer Berufung entspreche und damit eins sei mit Freizeit und Privatleben», schreibt er in der Einführung. Rückblickend fragt er sich, ob er sich zu stark über die Arbeit definiert und durch Leistung Anerkennung erwartet habe. Es erschütterte ihn, «wenn Freunde mehrere Monate in Burn-out-Kliniken verbringen mussten» oder Personen aus seinem Umfeld «Gefahr laufen, demnächst in einen solchen Erschöpfungszustand zu fallen. Die Gründe dafür sind zahlreich: vom eigenen Perfektionismus über private Herausforderungen bis zu Mobbing und mangelnder Wertschätzung am Arbeitsplatz.»

Lukas Niederberger, Philosoph und Theologe (Foto © privat)

Um eine Alternative zum oft unbewussten Leistungsdenken zu entwickeln, befragte Niederberger rund 50 zwischen 25 und 85 Jahre alte Personen aus seinem Umfeld und konsultierte Literatur aus Kunst und Wissenschaft.

Im Folgenden werden die 10 Schritte in Kürzestform beschrieben unter Verwendung der 10 Kapitelüberschriften:

  1. Arbeiten ist mehr als Leisten. Statt Arbeit auf «Leistungs-, Nützlichkeits-, Zweck und Effizienz-Denken» abzustützen, um damit «Lob und Belohnung» einzuheimsen, sei «Arbeit und Tätigkeit stärker als selbstbestimmtes und kreatives Handeln» zu verstehen.
  2. Geniessen ist mehr als Konsumieren. Echter Genuss schädige die Gesundheit nicht, führe nicht zur Abhängigkeit, gehe nicht auf Kosten anderer Menschen und der Natur und nicht auf Kosten zu erfüllender Aufgaben, brauche Unterbrechungen «oder gar Phasen des Verzichts» und sei finanziell gut verkraftbar. Genuss, der mehr sein wolle als Konsum, brauche Zeit, Fokussierung, Präsenz im Augenblick, Gelassenheit und positive sinnliche Wahrnehmung.
  3. Entschleunigen ist mehr als Pausieren. «Pausieren, Sich-erholen, Nichtstun, Abschalten und Herunterfahren hängen eng mit der Fähigkeit zum Loslassen zusammen.» Aber gerade Personen, die für Kinder, Mitarbeitende oder Patienten Verantwortung tragen, hätten Mühe mal abzuschalten, «Selbstsorge zu leben und sich Ich-Zeit zu gönnen.»
  4. Langeweile ist mehr als Interesselosigkeit. Langeweile könne eine Pforte zur Kreativität sein. «Wenn es uns gelingt, uns darauf zu konzentrieren, dass uns im Moment gar nichts anspricht, merken wir plötzlich, wo eigentlich unsere Interessen, Visionen, Wünsche, Träume, Fantasien und Pläne liegen und was uns von innen her wirklich anspricht.»
  5. Faulheit ist mehr als Nachlässigkeit. Faulheit könne mit dem Zustand einer Person (fehlende physische Kraft, Leiden an psychischer Antriebslosigkeit oder Erschöpfung, phlegmatische Veranlagung, fehlendes Selbstvertrauen, Forderung nach mehr Zeitautonomie) oder mit der Beurteilung der Aufgabe zusammenhängen (Aufgabe erscheint nicht dringlich oder gar sinnlos; Aufwand zur Erreichung des Ziels erscheint zu gross oder Methode ungeeignet; Skepsis gegenüber einseitig quantitativem Wachstum). Es gelte «das Bedürfnis von Leib, Geist und Seele nach Erholung ernst zu nehmen und sich über Trägheit zu erfreuen.»
  6. Aufschieben ist mehr als Trödeln. Für das Aufschieben könne es gute Gründe geben, etwa dass man müde oder die Aufgabe uninteressant sei. Manchmal erledige sich eine Aufgabe von allein oder es brauche Zeit, Dinge reifen zu lassen.
  7. Musse ist mehr als Träumen in der Freizeit. Musse werde erfahren bei innerer oder äusserer Ruhe, beim Yoga oder Meditieren, bei Freiheit von Arbeits-, Leistungs-, Zeit- und Termindruck, beim künstlerischen Wirken, beim Wandern, Schwimmen, Lesen oder Kochen, in Gemeinschaft mit Freunden oder im Zusammensein mit Tieren. In Mussestunden fühle man sich in selbstbestimmter Zeitlosigkeit mit sich und der Welt verbunden.
  8. Müssiggang ist mehr als Zeitvertreib. Müssiggang als das bewusste Aufsuchen von Musse wurde in der Geistesgeschichte kontrovers diskutiert, als aller Laster Anfang, oder wie Niederberger im Untertitel seines Buches suggeriert, als aller Tugenden Anfang. Bedenkenswert ist das Zitat von Franz Kafka: «Müssiggang ist aller Laster Anfang und aller Tugenden Krönung.» Niederberger rät zu einem «grosszügigen oder gar verschwenderischen Umgang mit der geschenkten Zeit.»
  9. Nichttun ist mehr als nichts tun. Bei der Erörterung des Nichttun nimmt Niederberger Impulse aus dem Tao Te King und des Zen-Buddhismus  auf: Nichttun als absichtsloses, zweckfreies, spontanes, intuitives Handeln ohne Effizienz- Gewinn- und Leistungsorientiertheit. Nichttun kann sich ereignen in der Meditation, im Schlaf, bei bewussten Pausen und Ruhezeiten oder «im bewussten Verzicht auf Aktionen und Reaktionen – bis hin zur bewussten Konsum-Askese.»
  10. Altsein ist mehr als nachberuflich sein. Der junge Alte, Lukas Niederberger, beginnt sich mit Begriffen zu dieser Lebensphase anzufreunden: Weisheitsphase, Reifephase, Erntephase, Seinsphase. Wie wird man ein Silberfuchs oder ein Best Ager. Wird man in der nachberuflichen Phase tendenziell zu einem Nostalgiker, Dauerurlauber, ewig Fitten, zu einem Leistungs-Junkie, Zeit-Totschläger, Kompensierer oder gar zu einem Weisen? Jedenfalls ermuntert Niederberger dazu, eine positive Einstellung zum Alter zu entwickeln – und da hat er recht. Schliesslich kann man sich da besser kennenlernen, seine Kreativität und Spiritualität weiterentwickeln, seine Partner- und Freundschaften neu entdecken, sich engagieren und sich «für soziale kulturelle oder ökologische Anliegen stark machen». Zudem sei es hilfreich, sich mit dem Lebensende aktiv auseinanderzusetzen.

Nach jedem Kapitel gibt es einen Übungsteil, den ich generös übergangen habe, da ich mir beim Üben als bereits eingeübter Rentner zu leistungsorientiert vorkäme. Auch will ich keine 10 Schritte machen vom Leisten zum Leben, schliesslich lebe ich schon voll mitten im Alter drin. Aber ich führe mir die 10 Schritte gerne zu Gemüte, um meinen Seniorenalltag kritisch zu befragen, ohne in eine Selbstoptimierungsfalle zu geraten.

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Zum Titelbild: Hugo Oehmichen (1843 – 1932): Müssiggang ist aller Laster Anfang. (Ölbild vor 1932). Lukas Niederberger setzt dem entgegen: Müssiggang ist aller Tugenden Anfang. (Bild  von wikimedia commons)

Buch: Lukas Niederberger: Vom Leisten zum Leben. Müssiggang ist aller Tugenden Anfang. Ostfildern 2025. ISBN: 978-3-8436-1604-1 (Print)

Zum Autor: «Lukas Niederberger ist Philosoph und Theologe, Kursleiter und Ritualbegleiter. Als ehemaliger Jesuitenpater prägte er das Bildungszentrum Lassalle-Haus für Spiritualität und soziale Verantwortung. Als Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) förderte und erforschte er zivilgesellschaftliches Engagement in der Schweiz. Und seit 2025 setzt er sich als Geschäftsführer der Stiftung Pro Patria für das materielle und immaterielle Kulturerbe der Schweiz ein.» 

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1 Kommentar

  1. Sicher ein lesenswertes Buch mit guten Absichten und es freut mich, dass es ein kluger Mann von heute geschrieben hat. Frauen haben diese Thematik gezwungenermassen schon länger für sich entdeckt, denn vor lauter Multitasking will Frau ja auch noch etwas vom Leben haben.
    Trotzdem, die vorgeschlagenen 10 Schritte zu einem «besseren Leben» bringen mich gedanklich zu den 10 Geboten (und Verboten) der christlichen Heilsbringung der Bibel. Es sind einfach die Maximalforderungen, die mich an der Durchsetzung zweifeln lassen.

    Die Schritte 8 und 9 kann ich jedoch voll und ganz nachvollziehen. In meinem hektischen Alltag als berufstätige Mutter, war Nichtstun ein Fremdwort, dazu noch mit hohen Ansprüchen an mein Tun, da gab es kaum Zeit für Musse. Heute sehe ich das natürlich anders, die jungen Mütter wohl auch. Umso mehr geniesse ich mein Rentnerdasein mit ganz viel Zeit für mich und ganz ohne schlechtes Gewissen.

    Seit meiner Pensionierung begleitet mich an der Wand hinter meinem Schreibtisch eine Grusskarte, die eine sehr entspannte Katze zeigt und der Spruch darunter: «Wie wundervoll ist es, nichts zu tun und sich anschliessend zu schonen». Es soll ein spanisches Sprichwort sein, das ich in meinen Alltag übernommen habe.

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