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Wir Alten haben die Zwei am Rücken

Kaum eine Gruppe, die sich nicht diskriminiert fühlt. Kaum ein Grüppchen, das sich nicht als benachteiligt sieht. Weisse, Farbige, Dünne, Dicke und alle LGBTQIA+-Praktikantinnen empfinden sich als vernachlässigt.

Und wir Alten?

Alte vs. Junge. Da wirds politisch. Und damit schwierig. Bleiben wir deshalb beim Alltag. Er ist anschaulicher – vor allem, wenn wir ihn mit Selbsterlebtem illustrieren.

Weil ich ein Konto auflösen wollte, gehe ich zur Bank. Der junge Angestellte, dunkler Anzug, rote Krawatte, kaum dem Ei entsprungen, kümmert sich um mich. „Haben Sie einen Computer“,fragt er mich. „Mein junger Schnösel, ich habe hintereinander ein Dutzend Compis gehabt. Der erste war ein schnussliger Macintosh 124k“ Das Bank-Küken hat nun hoffentlich was gelernt: Es ist diskriminierend, uns Alte gesamthaft als IT-Verweigerer zu sehen.

Oft hören und lesen wir, dass die Enkelin dem Grosi das Smartphone einrichtet. Was für eine liebevolle Aufmerksamkeit. Aber sie ärgert mich. Weil: Grosi, auch Groseli, Grosspapi, Papi, das geht im Privaten. In den Medien geht sowas überhaupt nicht. Es ist diskriminierend. Es verniedlicht uns Seniorinnen und Senioren und macht uns zu Kuschelfiguren. Niemand sagt oder schreibt, dass Grosi Karin Keller-Sutter mit Opa Donald Trump ein schwieriges Verhältnis habe. Eben.

Ausserdem stimmt das Grosi-Enkelin-Klischee sehr oft nicht. Viele Seniorinnen wissen besser als ihre Grosskinder, wie man mit der teuflisch komplizierten Bildbearbeitung Gimp arbeitet. Viele Senioren wissen besser als ihre Töchter, wie man mit VPN Geotracking aushebelt.

Unser Redaktionsleiter Linus Baur musste 2024 seine 18 Jahre alte Katze einschläfern lassen. Linus wollte wieder ein Büsi im Haus haben. Die Familie hatte jahrzehntelang Katzen gehalten. Er wusste also, was auf ihn zukäme. Doch in mehreren Tierheimen erklärte man ihm, dass er mit 81 zu alt sei. Dies, weil das Büsi vielleicht länger lebe als er und er möglicherweise später nicht mehr fähig sei, das Tier zu versorgen. Hallo Tierschützer, das ist diskriminierend. Traut man uns nicht zu, dass wir für unsere vierbeinigen Mitbewohner vorsorgen?

Freiwilligenarbeit ist wichtig. Freiwillige Arbeiterinnen und Arbeiter fordern kein Geld. Das ist lobenswert. Doch: Was nichts kostet, ist nichts wert, sagt der Volksmund. Hat die Freiwilligenarbeit deswegen ein etwas angeschlagenes Image? Jein. Viele hochkompetente Freiwillige halten wichtige Institutionen am Laufen. Und doch: Wir benützen ein Beispiel um die Kehrseite zu zeigen. Frau Balsiger, Name geändert, bringt im Heim jeden Abend nach der Tagesschau unentgeltlich den körperbehinderten Herrn Locher zu Bett. Sie tut das, weil Herr Locher die Tagesschau als Informationsquelle braucht und weil das Personal um diese Zeit schon weg ist. Das funktioniert, bis die Heimleitung Frau Balsiger erklärt, dass sie das nicht mehr darf. „Die Gleichbehandlung, verstehen Sie.“

Das Projekt „Jedes Alter zählt“ ist der Uni Zürich angegliedert. Es will die Altersdiskrimierung an möglichst vielen Fronten bekämpfen. Das ist ein würdiges Ziel. Stutzig macht, dass im siebenköpfigen Projektteam nur eine einzige Person im AHV-Alter ist. Klar: An einer Uni stehen die qualifizierten Mitarbeitenden eher in der Lebensmitte als im Seniorenalter. Aber einer Institution, welche Senioren Arbeitsplätze offen halten will, würden ein paar Ältere gut anstehen – selbst wenns nur Quoten- oder Alibi-Seniorinnen wären.

In der Schweiz gibt es unzählige Forschungs-, Informations- und Beratungsstellen, die sich mit dem Alter beschäftigen. Wir Senioren sind demnach ergiebige Forschungsobjekte. Viel weniger begehrt sind wir hingegen als Mitentscheidende oder Mitgestaltende.

Noch ein paar weitere Diskriminierungsknüppel: Wir bekommen von den Banken keine Hypotheken mehr. Wir können bestehende Hypos nicht mehr erhöhen. Die Banken begründen dies mit der finanziellen Tragbarkeit. Dabei sind Ü65 mit AHV und PK die sichersten Gläubiger. Das Einkommen fliesst bis ans Lebensende, die Werte der Liegenschaften entwickeln sich nur in eine einzige Richtung: nach oben.

Und weiter: Wir können ab einem gewissen Alter keine Leasingverträge mehr abschliessen. Wir erhalten keine Konsumkredite. Wir können nicht bei allen Agenturen ein Auto mieten. Andere Verleihstellen vermitteln uns nur Schwachstrom-Pfupferli. Für all das sollen wir zu alt sein. Der 19-jährige Neulenker darf fast alles, wir Seniorinnen und Senioren hingegen stehen im Schilf.

Bilder: Emojis, Pixabay, pst

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5 Kommentare

  1. Höchste Zeit in diesem Alter daran zu arbeiten, das EGO zu reduzieren.
    Das geht hervorragend anhand der beschriebenen «Diskriminierungen».
    All das nicht zu ernst nehmen.

    Wenn der grösste Wunsch ist, wieder eine Katze zu haben-in Griechenland gibts viele solche Tiere, die sich gerne adoptieren lassen. Und Tierärzte, die zu notwendigen Zeugnissen verhelfen-ebenso.

    Wer unentgeltliche Arbeit möchte-findet solche. Einfach mit offenen Augen und offenem Herzen um sich schauen-z.B. bei Senioren für Senioren.

    Und weshalb nicht mal gemütlicher mit einem Fahrzeug unterwegs sein?

    M.E. ist das alles eine Einstellungssache.

    Das Alter kann eine wunderbare Sache sein- mit unverplanter Zeit, ohne Stress durch Erwerbsarbeit usw.usw.

    Und Hypotheken habe ich problemlos bekommen-einfach vielleicht nicht zu Top Konditionen-aber sind wir Eigentümer nicht schon privilegierter als viel Nicht-Eigentümer?

    Das «Grosi» finde ich auch nicht so prickelnd-aber mich deswegen ärgern? Das würde ja perfekt zum Zeitgeist passen.

    Übrigens: ich befinde mich im 82. Lebensjahr.

    Valerie Fojtu

    • Da bin ich ganz bei Ihnen Frau Fojtu! Es gibt doch fast nichts schlimmeres, als das Gejammer eines privilegierten alten Mannes auf diesem Niveau.

      Natürlich gibt es echte Diskriminierung im Alter, z.B die Misshandlungen in Alters- und Pflegeheimen aber auch im privaten Umfeld. Ebenso diskriminierend empfinde ich das Wegschauen in der Gesellschaft, besonders jedoch in Politik und Wirtschaft. Da haben die über 50 Jährigen kaum mehr eine Chance einen adäquaten Job zu bekommen. Wenigstens wird sich das infolge des Fachkräftemangels etwas verbessern.
      Wir alle wissen, dass die Bevölkerung immer älter wird, jedoch kaum kommuniziert wird, dass die Bedürfnisse im Alter sich sehr unterscheiden von den Jüngeren. Hoffnung gibt es durch die zunehmenden Engagements verschiedener Altersorganisationen, die sich immer lauter für Senior:innen stark machen und Sie, Peter Steiger, könnten da mit Ihrer Fantasie und Kreativität auch dazu beitragen. Oberflächlichkeiten haben wir nach meiner Meinung schon zur Genüge.

  2. Danke Herr Steiger für den Artikel. Wobei , wenn wir «Alten» oder Senioren uns immer wieder ducken, nicht auch auf die Strasse gehen …

    Gem. Wiki: Der internationale Tag der älteren Generation (engl. International Day of Older Persons) wird auf Beschluss der Vereinten Nationen vom 19. Dezember 1990 seit 1991 an jedem 1. Oktober begangen.

    Da bin ich gespannt was in 14 Tagen abgeht !

    Erich Kohler

  3. Lieber Herr Steiger
    ich finde Ihren Artikel spannend und durchaus gerechtfertigt und definitiv nicht als «Gejammer eines alten (es fehlt nur noch das Wort «weissen») Mannes». Ich empfinde Ihre Aufzählung von «Diskriminierungsknüppeln» bemerkenswert und wohl leider allzu oft den Tatsachen entsprechend. Missstände, die nicht erkannt und artikuliert werden bleiben bestehen.

  4. Allseits gewendet, ich kann keine Zwei auf meinem Rücken entdecken. Nun gut, vielleicht bin ich ein hoffnungsloser Optimist.
    Um eines meiner Konti aufzulösen, reicht ein Auftrag am Kompi, mein junger Schnösel sitzt irgendwo im Jura oder Oberwallis, seine Frage um die Endgültigkeit beantworte ich mit einem Klick.
    Ehrlich, ich nehme zuweilen auch gerne die Hilfe unserer 53jährigen Tochter in Anspruch, wird’s kompliziert kommt der beste Tipp von dem zweitjüngsten 11jährigen Enkel. Jeannine gibt Ihnen gerne ein Büsi ab, wenn die Enkelin versprochen hat, es zu sich nehmen. Das ist zwar eine kleine Notlüge, aber sei’s drum.
    In unserem mittelalterlichen Städtchen mit 1052 Einwohnende hat es sechzig (!) Vereine; keiner dieser Clubs würde funktionieren ohne uns Alte. Die Stadtführungen werden in französisch von Gérard (86) und in deutsch von mir (82) betreut, bénévole naturellement. Im ganzen Canton gibt es keinen einziger Bürgermeister, der noch im aktiven Berufsleben steht.
    Komme ich ab und zu in meine erste Heimat, bin ich mit meinem 308er Peugeot bestens versorgt; da bin ich schon zufrieden, wenn es mal 80 km/h werden. Zurück zu den Banken: Den meisten Auslandschweizern wurden die schweizerischen Bankverbindungen gekündigt. Eine glückliche Fügung, meine Bank hat mir meine Konti belassen. Zum Preis von CHF 25 pro Konto und Monat. Grosszügigkeit hat eben seinen Preis.
    Lieber Peter Steiger, es ist Ihnen wieder gelungen, Sie kleiner agent provocateur. Bravo!

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