Machmud Darwisch (1941-2008), die «wichtigste Stimme» Palästinas, gilt als grösster Dichter seines Landes. Drei seiner Bücher hat der Lenos Verlag in deutscher Übersetzung herausgegeben. Nun folgt der vierte: Tagebuch der alltäglichen Traurigkeit, 1973 erstmals in Beirut veröffentlicht.
Dieses Buch enthält eine Sammlung von Essays, geprägt von den persönlichen Erfahrungen des Autors, gestaltet vom unbedingten Willen zum Ausdruck. Darwisch benutzt seine geschliffene, zuweilen poetische Sprache, um seine Befindlichkeit, seine Enttäuschung, seine Wut herauszuschreien. Der Palästinenser ist sich des Vielvölker-Erbes seiner Heimat bewusst, er schreibt Arabisch, hat im Gymnasium Hebräisch gelernt und bewegt sich zwischen beiden Welten. Trotz scharfer Kritik am Staat hat er israelische Freunde.
Was ist Heimat? Sie ist dein Leben und gleichzeitig deine Sache. Vor allem ist sie deine Identität.
Der dichteste der sieben Essays trägt den Titel Heimat – zwischen Erinnerung und Koffer. «Heimat» bedeutet nicht nur «zu Hause sein», es ist nicht nur der Geburtsort oder der Ort, an dem der Tod uns trifft. Ein Mensch wie Darwisch, der schon als Kind seine Heimat ein erstes Mal verliert, fragt nach dem Warum.
Das Exil löscht die Heimat nicht aus, aber es verwandelt sie in eine Frage.
Lieder können Heimat sein, oder Gedichtzeilen, mit Erinnerung behaftet. Es ist dem Autor bewusst, dass auch denen, die ihn aus seiner Kinder-Heimat weggewiesen haben, ihre Heimat verloren haben. Darwisch erinnert daran, wie viele Male die Menschen des Landes Palästina vertrieben wurden. Die Bibel ist voller Geschichten von Flucht und Heimkehr.
Für den Autor – für Palästinenser und Palästinenserinnen – fühlt sich die Rückkehr der Juden in «ihr Land» an, als würde ihnen die Heimat gestohlen. Zwei diametral entgegengesetzte Erfahrungen stehen sich gegenüber: hier die vor Pogromen flüchtenden Juden und Jüdinnen, dort die Menschen in Palästina, die in einem zerfallenen Staat leben. Bis ca. 1920 waren sie Untertanen des Osmanischen Reiches gewesen, anschliessend herrschte Grossbritannien als Kolonialmacht über Palästina.
Unter dem Eindruck des Holocausts hatten die Staaten der neu gegründeten UNO beschlossen, dass im Land Palästina der Staat Israel gegründet werden soll, was 1948 geschah. Während für die zionistische Bewegung, die besonders von Juden aus Osteuropa unterstützt wurde, ein viele Jahrzehnte alter Wunsch erfüllt wurde, war es für die Palästinenser und Palästinenserinnen de facto der Verlust ihres Landes. Denn dies alles geschah über ihre Köpfe hinweg. Aus diesem Konflikt entstanden Kriege, die uns bis heute erschrecken.
In dem Moment, als sie Bürger wurden, wurdest du Flüchtling.
Die jüdische Erinnerung ist das Fundament, auf dem ein Recht auf Palästina begründet wird.
Machmud Darwisch / wikimedia.org
An konkreten Beispielen erklärt Darwisch, worin die Hilflosigkeit und Verzweiflung seiner Landsleute besteht. Er zeigt, wie sich ein altes arabisches Dorf schon dadurch verändert, dass ihm im Hebräischen ein Buchstabe fehlt. Mit Bitterkeit erzählt er von einem befreundeten Maler, einem Israeli, der in einem alten arabischen Haus lebt und das alte orientalische Dekor pflegt, nicht um die früheren Besitzer zu ehren, sondern allein wegen dessen Schönheit. Daraus entsteht eine Diskussion über Nähe und Fremdheit zwischen Arabern und Juden – ohne, dass sie zu gegenseitigem Verständnis finden. Und darin liegt in meinen Augen die gravierendste Ursache dieses bald achtzigjährigen Konflikts: Respektvolles Zuhören, den anderen Akzeptieren gibt es in diesem Land – aber nur in kleinen Gemeinschaften.
Was ist die Heimat? – Deine Erinnerungen zu bewahren. Ihre Trauer ist mannigfaltig, und all ihre Feiern sind traurig.
Alle Titel der Essays geben einen ersten Eindruck, was der Autor vermitteln will. – Zudem ist Arabisch eine bildreiche Sprache. Hier ein paar Beispiele: Der Mond ist nicht in den Brunnen gefallen: ein Blick aus der Sicht eines Vaters auf den Verlust seiner palästinensischen Heimat. Wer fünfzig Araber tötet, zahlt einen Piaster: eine bitterböse Abrechnung mit den Methoden der herrschenden Israelis gegen Palästinenser. Auf dem Weg in die Welt – fremd in der Welt: Darwisch reiste viel, lebte in vielen verschiedenen Orten, stets empfand er sich als Flüchtling, der seine Heimat verloren hatte. Aus dieser Perspektive sind Bomben und Kämpfe auch «in der Welt» präsent.
Die Flüchtlinge, die der Nationalsozialismus vertrieben hat, haben eine Heimat in Palästina gefunden. Aber die Flüchtlinge, die der Zionismus vertrieben hat, wo werden sie leben?
Machmud Darwisch wurde 1941 in al-Birwa, einem kleinen Ort im Norden Palästinas geboren. Als 1948 der Staat Israel ausgerufen wurde, floh die Familie in den Libanon, kehrte aber im folgenden Jahr zurück und lebte in Galiläa – illegal, denn eine Rückkehr war Palästinensern im neuen Staat Israel nicht erlaubt. Der junge Machmud lernte in der Schule Hebräisch und machte sich in dieser Sprache mit den Klassikern der Weltliteratur und mit der Bibel vertraut.
Nach dem Schulabschluss lebte er in Haifa. Er wurde Journalist, arbeitete für verschiedene politisch links oder kommunistisch ausgerichtete Zeitungen. Immer wieder geriet er ins Visier der politischen und militärischen Behörden, musste ins Gefängnis und wurde in seinen Freiheiten eingeschränkt. Er begann ein Studium in Moskau, blieb dort nur kurz, lebte in Kairo, Beirut, auf Zypern, in Paris, in Amman. Er starb 2008 in Houston / Texas wo er sich einer Herzoperation unterziehen musste.
Machmud Darwisch (links) und Derek Walcott in Cordoba, Spanien (April 2006). Umm Nuniya / commons.wikimedia.org
Machmud Darwisch hatte sich stets politisch engagiert, hatte auch politische Ämter angenommen. Seine wichtigste Tätigkeit in diesem Rahmen war seine Arbeit für die PLO, damals unter Yasir Arafat. Da er die damaligen Friedensverhandlungen in Oslo ablehnte, legte er sein PLO-Engagement nieder. Als Literat, Dichter und Schriftsteller, Herausgeber wurde er weit über die Grenzen seiner Heimat geschätzt. Viele seiner Gedichte wurden vertont und weit verbreitet.
Machmud Darwisch: Tagebuch der alltäglichen Traurigkeit. Grundlegende Überarbeitung der Übersetzung aus dem Arabischen von Farouk S. Beydoun. Lenos Verlag 2025. 205 Seiten. ISBN 978-3-03925-046-2
Titelbild: Wandbild in der Altstadt von Tunis. Emna Mizouni / commons.wikimedia.org
Alle Zitate zwischen den Absätzen stammen aus dem Essay «Heimat – zwischen Erinnerung und Koffer».

