StartseiteMagazinKulturIm Reich von Dschingis Khan

Im Reich von Dschingis Khan

Mit der Ausstellung «Mongolei. Eine Reise durch die Zeit» eröffnet das Museum Rietberg in Zürich einen neuen Blick auf die zweitausendjährige Geschichte dieses grossen Reichs. Erstaunlich sind nicht nur Dschingis Khans Eroberungszüge bis nach Europa, sondern auch die frühe Urbanisierung. 

Die Reise beginnt in der Metropole Ulaanbaatar und führt zu den frühesten bekannten Stadtsiedlungen der Mongolei. In der Ausstellung Mongolei. Eine Reise durch die Zeit zeigt das Zürcher Museum Rietberg, dass zwar die nomadische Lebensweise bis heute bestimmend ist, aber zwischen dem 1. und 14. Jahrhundert bereits eine Urbanisierung mit weltweiten Handelskontakten einsetzte.

Mongolei. Foto: © Pascal Gertsch

Für die Schau in Zürich verliessen erstmals über 200 Museumsobjekte die Mongolei. Diese sowie aktuelle archäologische Forschungsergebnisse demonstrieren, wie relevant die urbanen Zentren in der Mongolei waren. Und wie sehr diese das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Herkunft prägten. Auch für die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung Europas und Asiens im Mittelalter waren die Metropolen der Mongolei von zentraler Bedeutung, erklärt das kuratorische Team Alexandra von Przychowski und Johannes Beltz.

Blick in die Ausstellung

Im Zentrum der Schau steht eine Jurten-Konstruktion mit Monitoren im Inneren. Hier stellen sich in kurzen Filmsequenzen Menschen aus Ulaanbaatar vor. Überdies sind Impressionen der modernen Stadt, auch im dichten Smog zu sehen und historische Aufnahmen von motorradfahrenden Hirten unterwegs in einsamer Steppe. Durch verschiedene Ausgänge der Jurte gelangt man zur eigentlichen Ausstellung, die um sie herum aufgebaut ist.

Das Reich der Xiongnu (3. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr.)

Fragment eines gestickten Teppichs aus einem Fürstengrab. Die Stickerei auf Wollstoff zeigt eine Prozession mehrerer Männer zu einem Feueraltar. Xiongnu-Zeit. Foto: © Museum Rietberg

Der erste Ausgang aus der Jurte führt zum Reich der Xiongnu. Dieser Stammesverband aus Reiternomaden kontrollierte weite Teile Zentralasiens. Ihre Herrscher waren die ersten, die feste Residenzen in der Mongolei errichteten. Durch archäologische Grabungen im Orchon-Flusstal wurden im Jahr 2017 Spuren einer durch Mauern befestigten Siedlung mit einem künstlichen See entdeckt. Gebrannte Dachziegel mit chinesischer Aufschrift weisen auf die Residenz der Xiongnu Herrscher hin.

Verziertes Zaumzeug mit Darstellung von Drachen, Gold, Silber (links); Gürtelschnallen mit Darstellung von mythischen Tieren, Gold (rechts). Xiongnu-Zeit

Mit den Xiongnu begannen Traditionen, die für die spätere Entwicklung der Mongolei bestimmend wurden. Pferde hatten für die Reiternomaden eine herausragende Bedeutung. Grabbeigaben wie Zaumzeug und goldene Schmuckplaketten sind ausgestellt, aber auch fein gearbeitete Gürtel aus Bronze, Silber und Gold für die Kleidung der Eliten: alle reichverziert mit ineinander verschlungenen Steppentieren wie Pferden, Raubvögeln, Raubkatzen oder mit mythischen Tieren wie Drachen, geflügelten Wesen, Einhörnern und Mischwesen.

Seidenstoffe aus China waren das wichtigste Handelsgut für die Xiongnu.

Der Handel war für die Hirten der mongolischen Steppengebiete essenziell, denn dadurch erhielten sie Güter, die sie selbst nicht produzierten. Funde aus reich ausgestatteten Gräbern belegen, dass die Xiongnu bereits Handelsbeziehungen über ganz Eurasien unterhielten. Da sie traditionell nur gefilzte Wollstoffe herstellten, waren Seidenstoffe aus China umso begehrter. Aus dem Westen importierten sie römisches Glas, Silberschmiedewaren und Perlen.

Karabalgasun, Hauptstadt der Uiguren (744-840)

Karabalgasun, Ausgrabungen der Palaststadt mit Blick auf den über dreizehn Meter tiefen Brunnen. Foto: © Deutsches Archäologisches Institut

Nach dem Sturz zweier Türkenreiche 744 n. Chr. übernahm ein Clan der Uiguren die Herrschaft in der Mongolei. Im Orchon-Tal gründeten sie ihre Hauptstadt Karabalgasun. Diese entwickelte sich im 8. und 9. Jahrhundert zum internationalen Schmelztiegel nomadischer und sesshafter Kulturen und zu einem bedeutenden Handelszentrum auf der nördlichen Seidenstrasse. Ruinen der Stadt sind bis heute sichtbar: Eine 80 Meter breite Hauptstrasse, die an ummauerten Vierteln mit Wohnhäusern, Werkstätten und Tempeln vorbei auf die Palaststadt zuführt. Auf einem Video kann man der archäologischen Grabung eines über dreizehn Meter tiefen Brunnens folgen.

Bügeleisen aus der Zeit der Uiguren. In Karbalgasun wurde chinesische Seide nicht nur gehandelt, sondern auch weiterverarbeitet: Das mit glühender Holzkohle gefüllte Bügeleisen wurde über den Stoff gezogen, um die Seide zu glätten.

Karakorum, Metropole in Dschingis Khans Reich (1235-1388)

Dschingis Khan regierte zwischen 1206 und 1227. Er und seine Nachfolger errichteten ein Imperium, das von Ungarn bis Korea, von Sibirien bis an den Indus reichte. Der Grosskhan hatte es geschafft, die mongolischen Stämme zu vereinen und zu einer schlagkräftigen Armee aufzubauen. Seine Truppen fegten über Asien und Europa und gewannen eine Schlacht nach der anderen.

Mongolische Krieger beim Kampf, 1. Viertel 14. Jahrhundert. Staatsbibliothek zu Berlin, Preussischer Kulturbesitz, Orientabteilung. Foto: © Museum Rietberg

Die Herrscher hielten in der Mongolei einen mobilen Hofstaat. Aber für das immer grösser werdende Reich gab Dschingis Khan seinem Sohn 1220 den Auftrag, eine Hauptstadt zu gründen. 1235 wurde Karakorum als Zentrum für Verwaltung, Handel und Handwerk zum multikulturellen Knotenpunkt: Uigurische Beamte, chinesische, persische und europäische Handwerker und Kaufleute kamen hier zusammen. Handwerker und Künstler kamen freiwillig oder wurden verschleppt. Sie arbeiteten für die Mongolen, die sich deren Kenntnisse nicht aneigneten. Gegenüber den verschiedenen Religionen war Dschingis Khan tolerant, Hauptsache man betete für ihn und anerkannte seine göttliche Abstammung.

Sh. Sainzul, Porträt von Dschingis Khan, 2022. Foto: © Museum Rietberg

Es gab viele unterschiedliche Sprachen und Schriften. Reisende und Händler mussten mehrsprachig sein. Archäologen fanden Manuskripte aus dem 7. bis 14. Jahrhundert, die in mehr als zwanzig Sprachen und Schriften abgefasst sind. Dschingis Khan erkannte früh, wie wichtig die Schrift für die Verwaltung und besonders die Gesetzgebung seines Staates war und liess eine mongolische Schrift entwickeln.

Karakorum wurde 1388 von chinesischen Truppen zerstört. Heute lassen sich nur noch Spuren der Stadtanlage erkennen. Für die Mongolen gilt Karakorum als Keimzelle und Geburtsstätte ihres Nationalstaates. In der Schau treten mongolische Kunstschaffende mit neu geschaffenen Arbeiten in einen Dialog mit historischen Artefakten und spannen einen Bogen zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Titelbild: «Evolution», 2022, Gemälde von Azjargal, Davaadorj (*1988 Mongolei). Foto: © Museum Rietberg   Fotos: © Museum Rietberg und rv

Bis 22. Februar 2026
«Mongolei. Eine Reise durch die Zeit», im Museum Rietberg in Zürich
Illustrierter Katalog zur Ausstellung, CHF 29.00

 

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH15 0483 5099 1604 4100 0

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-