Als Rainer Maria Rilke geboren wurde, war die Bundesverfassung der Schweiz 27 Jahre alt, das Deutsche Kaiserreich war gerade vier Jahre alt geworden und das Kaiserreich Österreich-Ungarn bestand noch weitere 43 Jahre. – kurze Momente im Verlauf der Weltgeschichte.
Am 4. Dezember 1875 wurde Rainer Maria Rilke in Prag geboren. Sein Vater war österreichischer Berufsoffizier, seine noch junge Mutter sehr kunstinteressiert, aber auch sehr auf sich selbst bezogen. In seinen jungen Jahren müssen diese gegensätzlichen Lebensentwürfe sehr an ihm gezerrt haben. Wie üblich, besuchte der junge René Maria, wie er damals hiess, die österreichische Militärschule Prag – und riss aus. Von seiner Mutter fürsorglich und zuweilen wie ein Mädchen behütet, hielt der Junge den Drill nicht aus. Er wurde seitdem von Privatlehrern unterrichtet und erlangte nach einigen Stationen sogar Hochschulreife mit Bestnote. Ein Gelehrter wurde Rilke nicht, er blieb ein Suchender, der lange Jahre auf Reisen war und zum Dichter wurde.
Rainer Maria Rilke (Foto 1900)
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren.
Und auf den Fluren lass die Winde los.
. . .
Vor kurzem las ich diese Verse aus Herbstag (1902 entstanden) in einem Schweizer Blogbeitrag und freute mich: Rilkes Gedichte – aus heutiger Sicht in einer vergangenen Epoche geschaffen – sind noch lebendig. Rilke schreibt kunstvoll, in bewusst gewählten Worten, aber verständlich und klar. In seinen Gedichten beschreibt er nicht nur, was er sieht, sondern was er beim Schauen fühlt. Es gibt wenige Dichter, die eine Sehenswürdigkeit so beschreiben: Die Schönheit von Rilkes Versen entspricht der Schönheit des Objekts:
Römische Fontäne. Borghese
Zwei Becken, eins das andre übersteigend
aus einem alten runden Marmorrand,
und aus dem oberen Wasser leis sich neigend
zum Wasser unten wartend stand,
. . .
Das schreibt Rilke, als er schon längst zum Reisenden geworden ist. Ist es Neugier, Interesse an fremden Landschaften und Menschen, der Wunsch, die grossen europäischen Kulturen kennenzulernen? Oder ist es auch die Suche nach sich selbst, sich im Spiegel des Fremden nach und nach selbst zu entdecken.
Portrait Rilkes von Paula Modersohn-Becker
Im norddeutschen Worpswede heiratet Rilke die Bildhauerin Clara Westhoff, die beiden haben eine Tochter, aber Rilke hält es nicht lange in dem damals berühmten Künstlerdorf. Wichtig für ihn wird die Bekanntschaft mit Lou Andreas-Salomé, mit der er durch Russland reist. Diese bemerkenswerte Frau, selbst Künstlerin, später auch Psychoanalytikerin nach C.G.Jung, hat viel Einfluss auf Rilke, wohl ohne ihn zu stark zu bedrängen. Sie überzeugt ihn, seinen Vornamen in Rainer Maria zu ändern, René kann zu leicht mit Renée verwechselt werden.
Paris ist eine weitere wichtige Station in Rilkes Leben. Er lernt Auguste Rodin kennen und erfährt viel über dessen Bildhauerkunst. Er wandert durch Paris – und schreibt Gedichte, die zugleich wunderschön und beklemmend sind:
Der Panther. Im Jardin des Plantes. Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
. . .
Wie kann Gefangenschaft, Hilflosigkeit und Sehnsucht nach freier Bewegung ausdrucksvoller beschrieben werden als in diesem Gedicht. In Paris entsteht Rilkes einziges grösseres Prosawerk: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Der gerade erwachsen gewordene Malte verlässt seine gut situierte Familie in Dänemark, um sich frei entfalten zu können, findet aber nur schwer zu sich. In Paris stellen sich Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg, die dem jungen Mann schwer zu schaffen machen. Der Roman in Tagebuchform bricht ab, was aus Malte wird, erfahren wir nicht. Interpretinnen und Gelehrte spekulieren darüber, wieviel Autobiografisches in diesem Buch steckt. Es genügt wohl zu sagen, dass der Autor über Gefühlszustände schreibt, die ihm selbst nicht unbekannt waren.
Rilke im Garten des Studios al Ponte im Garten der Villa Strohl-Fern in Rom 1904
Gerade das quirlige Pariser Grossstadtleben muss Rilke angeregt haben, sich mit den Errungenschaften der Moderne auseinanderzusetzen:
Alles Erworbene bedroht die Maschine, solange
sie sich erdreistet, im Geist, statt im Gehorchen, zu sein.
Dass nicht der herrlichen Hand schöneres Zögern mehr prange,
zu dem entschlossenern Bau schneidet sie steifer den Stein.
. . .
Die erwähnte Maschine mag uns in unseren Tagen veraltet erscheinen – das Problem, sich mit Werkzeugen und Hilfsmitteln auseinandersetzen zu müssen, über deren Handhabe und Nutzen Zweifel bestehen, stellt sich uns heute in noch höherem Masse.
Dass Rilke stets auf Reisen war, stets Freunde und Freundinnen besuchte, aber nie einen Ort zum Bleiben zu finden schien, bemerkten auch seine Zeitgenossen. «Er hatte kein Haus, keine Adresse, wo man ihn suchen konnte», schreibt Stefan Zweig, «kein Heim, keine ständige Wohnung, kein Amt. Immer war er am Wege durch die Welt, und niemand, nicht einmal er selbst, wusste im Voraus, wohin er sich wenden würde.»
Rilkes Grab auf dem Bergfriedhof von Raron VS
Rilke suchte ernsthaft einen Ort, wo er sich auf längere Zeit wohlfühlen würde, und fand ihn: das alte Schloss Muzot oberhalb von Siders VS. Wie abgemacht, schrieb Rilke seinem Mäzen Werner Reinhart nach Winterthur und dieser kaufte ihm 1921 das Schlösschen. Dort schrieb Rilke seinen letzten Gedichtzyklus Sonette an Orpheus, dem Dichter blieben aber nur fünf Jahre. Am 29. Dezember 1926, im Alter von 51 Jahren, stirbt er im Sanatorium Val-Mont bei Montreux an Leukämie. Sein Grab auf dem Bergfriedhof von Raron in der Nähe «seines Schlösschens» kann immer noch besucht werden.
XXII (aus den Sonetten an Orpheus)
Wir sind die Treibenden.
Aber den Schritt der Zeit,
nehmt ihn als Kleinigkeit
im immer Bleibenden.
. . .
Alles ist ausgeruht:
Dunkel und Helligkeit,
Blume und Buch.
Rilkes Werke sind sehr gut dokumentiert. Aus Platzgründen wurden die Gedichte hier nur in Ausschnitten zitiert. Geben Sie die erste Zeile in Ihre Suchmaschine ein und Sie werden das Gedicht im Ganzen lesen können.
Für weitere Informationen zu Leben und Werk von Rainer Maria Rilke besteht eine empfehlenswerte Webseite.
Als Hörspiel können Sie Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge im Südwestrundfunk Kultur noch bis 30.10.2026 nachhören.
Titelbild: Statue des Dichters Rainer Maria Rilke in Ronda / Spanien, in den Gärten des Hotels Reina Victoria. Bildhauer: Nicomedes Díaz Piquero (1966)
Alle Fotos: commons.wikimedia.org


Danke für den schönen Weckruf!
Mit herzlichem Gruss, hier einige Links:
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https://lyrik.ch/leemann/index_2.htm
Rolf A. Leemann
Liebe Frau Petzold,ich gratuliere ihnen zu diesem wunderbaren und sorgfältigen Artikel über Rilke mit eindrücklichen Bildauswahl!
Das tut wirklich gut, auf diese Art die Essenz seines Lebens nachvollziehen zu können, und das ermutigt zum Weiterlesen! Beste Wünsche und freundliche Grüsse,
Christine Ragaz, Geigerin