StartseiteMagazinKolumnenVom Mythos zum Konsumismus

Vom Mythos zum Konsumismus

Weihnachten war in meiner Kindheit ein wunderbares, grosses Ereignis. Der Geburt des Erlösers wurde in stiller, heiliger Nacht bedacht und mit Liedern im Kreis der Familie gefeiert. Hell leuchtete unser kleiner Christbaum. Einige Geschenke lagen darunter. Es herrschte eine magische Spannung. Die Frage, wer denn das Christkind sei, beschäftigte mich. Am Sonntag vor Weihnachten durfte ich mit meinem Vater in der Nähe des tiefverschneiten Waldes einen Christbaum holen. Ich mag mich gewundert haben, wie zielgenau Vater auf das schneebedeckte Tännchen zustrebte. Er hatte es wahrscheinlich schon im Herbst ins Auge gefasst.

Eingebettet in Geschichten, in denen Josef mit Maria vor Herodes flüchteten kam das erwartete Kind, von Engeln bejubelt, in einem Stall zwischen Ochs und Esel zur Welt. Erzählungen schürten die innere Spannung und die Stimmung bewegte die Sinne und das Denken.

Da heute die Geschichten, die Weihnachten ausmachen, grösstenteils wegfallen, frage ich mich, wie die Kinder das Weihnachtsfest erleben. Vermögen sie heute noch das kindliche zu Gemüt zu verzaubern? Sind alle Kinder, reich oder arm, von den gleichen Geschichten gefesselt? Ohne diese mythischen Geschichten regieren wohl andere Gedanken. Vergleiche und Neid gegenüber von Privilegierten drängen sich auf und dabei sicher oft die Frage, warum habe ich nicht auch ein so tolles Geschenk erhalten wie mein Kamerad?

Schaue ich auf mein Leben zurück, kann ich mich nicht an manche Momente des Neides erinnern. Mein Schulkamerad führte mich in die weihnachtlich geschmückte Stube seiner Familie. Der Christbaum stand mächtig da. Er reichte vom Boden bis zur Decke und überstrahlte mit farbigen Kugeln die kleinen, welche unseren mickrigen Baum zierten. Sie waren dreimal so gross und so bunt wie diejenigen an unserem Tännchen, der auf einem Tisch stand. Zugleich lag eine Bahnlandschaft am Boden, über die mein Kamerad eine neue Lok mit vielen Wagen steuerte. Das Christkind war nicht gerecht, hatte ich doch nur eine Bahn erhalten, auf der sich die Lok im engen Schienenkreis drehen konnte.

Zum Glück aber hatten wir beide die gleichen Weihnachtsgeschichten gehört und die gleichen Lieder gesungen. Wäre dies weggefallen, dann hätte uns der Blick auf die Geschenke wohl getrennt. An Stelle fesselnder Erzählungen hätten die Geschenke den Vorrang erhalten. Nicht die Kraft der grossen Geschichten und des alten Liedguts hätte vorgeherrscht, sondern der Vergleich und mit ihm das Konkurrenzgefühl.

Dennoch hatte der Blick auf die Geschenke etwas Trennendes. Wären die Geschichten verloren, wäre es zu jener Entmythologisierung des Ereignisses gekommen, von der ich vermute, dass sie den Weihnachten den alten Charme genommen hätte.

Nachdem heute die Geschäfte mit unglaublich vielen Angeboten für Delikatessen, Schmuck, modischen Kleidern, neuen digitalen Geräten lange schon vor dem Fest locken, bleibt von Weihnachten nur noch der Brauch des Schenkens und des Zusammensitzens übrig. Weihnachten wird reduziert auf die Vergleichbarkeit. Sie beleuchtet die Unterschiede zwischen den Menschen grell und klar. Im materiellen Dschungel jubilieren die Engel nicht mehr. Es verstummen die Lieder und das Festessen bestimmt einen anderen Geist. Es herrscht der Geist der Wettbewerbsgesellschaft.

Ich hoffe im Grunde, dass ich mit meiner Annahme nicht Recht habe und dass der Geist des schönen alten Brauches erhalten und vielleicht auch Zeit zum gemeinsamen Innehalten und für Besinnung bleibt.

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