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Sergey Radchenko: «Putin Ist der Schlimmste»

«Wir fühlen uns nicht verantwortlich für den Tod der Menschen in der Ukraine, weil wir diesen Krieg nicht angefangen haben», Putins Kernaussage vor seinen Getreuen und der  Weltpresse. Was treibt den Mann zu einer derartigen Lüge an? Ist es verletzter Stolz? Fühlt er sich nicht ernst genommen? Nimmt er Rache, weil Barack Obama Russland «als Regionalmacht» bezeichnet hatte? Ist es, weil er im Schatten von Trump und Xi Jinping steht und nur zu gerne auf Augenhöhe mit den Beiden Weltmachtpolitik bestimmend betreiben würde? Und deshalb Europa schnell aus den Angeln heben will, weil von dort ein Haftbefehl ausgestellt wurde? Der Name darauf: Putin.

Ich sitze im Zug von Zürich nach Bern, lese das bemerkenswerte zweiseitige NZZ-Gespräch mit dem Historiker Sergey Radchenko (45), Professor an der Johns Hopkins School  in Washington, der sich intensiv mit Russland und Putin wissenschaftlich auseinandersetzt. Ich stosse auf einen kleinen Satz, der mich stocken lässt: «Es gab während des Kalten Kriegs Momente, in denen die Sowjetführung annahm, dass die Amerikaner tatsächlich einen Angriff planten». Blasse Erinnerungen kommen in mir hoch, auch schemenhafte Bilder. Da war doch was.

Ich sitze in den 60iger Jahren allein mit meinem Schwiegervater (1907- 1979) nach dem Mittagessen in der Wohnküche in Musberg bei Stuttgart. Die Frauen kümmerten sich um ihre Themen. Es war jeweils der Zeitpunkt, an dem er aus seinem bewegten Leben sehr zurückhaltend erzählte. Und ich mich getraute, ihm zu seiner Rolle in Nazi-Deutschland, zu seiner Soldatenzeit und zu seiner Kriegsgefangenschaft in der UdSSR Fragen zu stellen.

Als Kleinunternehmer wurde er erst Ende 1943 einberufen. Zuerst war er in Frankeich bei Versorgungstruppen im Einsatz, später kämpfend im Kaukasus, wo er mit seiner Kompanie Anfang 1945 in Kriegsgefangenschaft geriet. Zuerst landete er in einem Kriegs-Gulag in Sibirien, später als Fachmann in einem holzverarbeitenden Betrieb in Litauen, wo er mit wenig Schlaf schuften und hungern musste. Und wenn seine Kolonne das verordnete unmenschliche Mass nicht schaffte, Schläge einzustecken hatte. Nach vier Jahren dufte er zurück zu seiner Familie. Er haderte nicht, ärgerte sich aber über die Kriegsgewinnler in seinem Alter, die nicht für die Nazis in den schrecklichen Krieg hatten ziehen müssen und sich nach dem Krieg als Handwerker, Bauern zu Hause die Taschen vollstopfen konnten.

Er sprach nie von Russen. Er sprach vom Russ. D’Russ vernichtete den grossen Teil unserer Kompanie. D’Russ steckte uns ins Kriegsgefangenenlager. Ich habe das damals als seine persönliche Redensart verstanden und nicht hinterfragt. Heute, 60 Jahre später, ist mir klar geworden, was er damit zu charakterisieren versuchte: von höchster Instanz gegebene, männliche, hoch erreichte Stärke. Die weissrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch sagte einmal, wie im Gespräch zu lesen ist,  dass sie den «Homo sovieticus» zu früh beerdigt habe. Er sitze nämlich jetzt im Kreml, der unantastbare Russ.

Es ergab sich, dass an einem Sonntag ein Nachbar zu uns stiess, sich von uns einladen lassen wollte: Helmuth Stolte. Mein Schwiegervater war ihm gegenüber skeptisch, ich hatte nichts dagegen. Stolte hatte erfahren, dass ich anwesend war. Er wollte mich dazu animieren, beim Internationalen Roten Kreuz IKRK in Genf nach seinem im Krieg verschollenen deutschen Kameraden zu recherchieren.

Im Verlauf des Gesprächs wurde mir klar, dass ich nicht nur einem leidenschaftlichen Gebirgsjäger gegenübersass, sondern einem besessenen Nazi, der noch einmal gegen den Russ in den Krieg ziehen wollte. Der angeblich über ehemalige Wehrmachts-Offiziere beste Kontakt zu hohen US-amerikanischen Stellen hatte und an den regelmässigen Treffen der «Ehemaligen» erfuhr, dass die USA tatsächlich erwogen, die Sieger-Armee Russland aus Europa hinter die Grenzen Russlands zu verbannen. Das hätten die Amerikaner nach Stolte und seinen Kameraden sofort nach dem 2.Weltkrieg tun sollen, Russland sei geschwächt, die von Russland besetzten osteuropäischen Staaten wären kein Hindernis gewesen. Im Gegenteil. «Wir hätten Ruhe vom Russ gehabt», meinte er.

Das war damals für mich die Sicht eines Hochstaplers. Sonderbar ist aber, dass Putin und sein Aussenminister Lawrow immer davon reden, dass sie die Ukraine, Europa von den Nazis befreien wollen. Das ist wohl der Grund, dass sich die AfD immer stärker nach Trumps Washington ausrichtet. Radchenko sagt im Gespräch, dass hinter dem kalten Machtstreben der Sowjetführer verletzte Gefühle standen. Die Sowjetführer im Kreml hätten «sich verzehrt danach, als Führer einer Supermacht anerkannt» zu werden. Diese Forderung nach weltweiter Anerkennung sei bei Putin noch weit ausgeprägter. Dafür nutze er seine Macht noch skrupelloser als es die Sowjets je getan hätten. Er hält den russischen Präsidenten für weit gefährlicher als seine kommunistischen Vorgänger Stalin, Chruschtschow, Breschnew, um die wichtigsten zu nennen.

Als Putin vor ein paar Tagen sagte, er sei bereit, gegen Europa Krieg zu führen, kam die von Radchenko formulierte Dreistigkeit zum Ausdruck: Ihr Europäer seid nichts wert, ihr seid nicht einmal in der Lage, für euch selbst einzustehen. Die Europäer unterstützen die Ukraine mit 90 Milliarden. Die eingefrorenen 200 Milliarden russischen Gelder lassen sie vorerst unangetastet. Noch agieren sie vorsichtig. Noch unterschätzen sie die Dreistigkeit Putins. Er ist der Schlimmste

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2 Kommentare

  1. Auf Putins Machtgier und sein Verständnis eines russischen Grossreiches hätten wir, aufmerksame Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, schon längst achten sollen.
    Das genaue Jahr im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts weiss ich nicht mehr, als ich einen ausführlichen Artikel, wahrscheinlich in der ZEIT, gelesen hatte über Putins (Wunsch-) Vorstellung vom Grossreich Russland, mit Landkarte.
    Darauf war die gesamte Ukraine nebst anderen Ländern als Teil des «Russischen Reiches» dargestellt. Damals, eventuell 2010, war noch keine Rede von einer Besetzung der Krim oder der Schaffung von russischen Vasallen wie Donezk und Luhansk. – In Mittel- und Westeuropa oder in Amerika pflegte man blind die eigenen Wünsche nach ewigen Frieden. – Wem wäre das zu verdenken.
    So haben alle Verantwortlichen die Anzeichen verschlafen, die darauf hinwiesen, wie der russische Herrscher nach und nach in den verlorenen früheren Sowjetstaaten seinen Fuss setzte (Tschetschenien, Georgien, Moldawien).
    Die Geschichte der Ukraine ist besonders tragisch: Im 19. Jahrhundert (im Zarenreich) wurde ihre Sprache verboten. Wer sich als Künstler (Dichter, Maler, Komponist) weiter entwickeln wollte, musste nach Moskau reisen. Als das Zarenreich 1917 zerbrach, gab es in der Ukraine starke Unabhängigkeitsbestrebungen, die von den Bolschewiki unterdrückt wurden.
    Eines der grössten Traumata der Ukrainerinnen und Ukrainer war der Holodomor (1936/7), eine Hungersnot riesigen Ausmasses, verursacht von Stalins Landwirtschafts-Misswirtschaft und seinem Versuch, die ländliche Bevölkerung durch Hunger unter die Herrschaft der Sowjets zu drücken – es gelang ihm! Wieviele Millionen Menschen in der Ukraine, der Kornkammer der Sowjetunion starben, ist nicht dokumentiert: zwischen 3 – 7 Millionen.
    Eine höchst verhängnisvolle Episode war der Kampf von Stepan Bandera für einen unabhängigen Staat Ukraine: Er suchte Unterstützung bei der deutschen Naziarmee. Er scheiterte klar. Sein Bruder Wassyl wurde im KZ Auschwitz gefangen, wo er starb. Aber die russischen «Nazi-Vorwürfe» beziehen sich heute noch auf die Banderas im 2. Weltkrieg. – Für Putin ein gefundenes Fressen, allerdings längst nicht mehr lebendig.
    Das sind u.a. die historischen Hintergründe, auf die sich Radchenko stützt.

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