Barbi Marković hat für das Zürcher Schauspielhaus eine moderne Variante des Tschechow-Stücks «Drei Schwestern» geschrieben. Regisseurin Christina Bona Maria Tscharyiski präsentiert auf der Pfauenbühne eine turbulente Inszenierung mit Hang ins Absurde.
In Anton Tschechows Klassiker trauern die drei Schwestern einer verlorenen Vergangenheit und dem früheren Leben in Moskau nach und schaffen es nicht, in ihrer Gegenwart zu leben. Die serbisch-österreichische Schriftstellerin Barbi Markovic nennt ihr Stück «3 Schwestern» und knüpft lose an die Figuren von Tschechow an. Präsentiert werden drei Schwestern in einer Wiener Altbauwohnung, die schicksalshaft miteinander mit den eigenen Zöpfen verwebt sind und sich unablässig in Grundsatzfragen streiten. Ausgebreitet wird das heutige Weltelend mit viel Witz und Ironie.
Umbruch markieren
Zu Beginn wird gross und grün ein QR-Code auf einem Screen angezeigt. Das Publikum wird eingeladen, sich via WhatsApp einzuloggen, um das Geschehen mitlesen zu können. Alsbald erkennt man das Geschwistertrio durch einen transparenten Vorhang und gefilmt mit einer Kamera über der Bühne schlafend auf grün und blau leuchtenden Kuben (Bühnenbild: Michal Simon). Aufgewacht in überdimensionierten Schlafsäcken verhandeln und streiten sie über die schwesterliche Verbundenheit, thematisieren heutige Bedrohungen, Nöte und Krisen. «Wir sind da, um einen Umbruch zu markieren», sagt Marija, die Älteste der drei Schwestern.
Mit langen Zöpfen eng miteinander verbunden (v.l.): Lena Urzendowsky als Lejla, Sabine Waibel als Marija und Verena Jost als Nina.
Bei einer Explosion der Gasheizung finden die drei Schwestern den Tod. Doch als Tote leben sie als Geister weiter in der alten Wiener Wohnung, teilen ihre schicksalhafte Zusammengehörigkeit mit der esoterischen Psychologin Evelyn Glanzl, die in die Wohnung eingezogen ist und die drei Hausgeister ahnend mit Kristallen zu bändigen versucht. Diese, nunmehr in Spider-Woman-Overalls gekleidet und mit ihren langen Zöpfen untereinander verbunden, beobachten und kommentieren das seltsame Wirken der neuen Hausbewohnerin, schildern sarkastisch die Weltlage, ziehen unter anderem über die Männer (Oligarchen und Immobilien-Magnaten) her, die die Welt in den Abgrund manövrieren. Doch die Zusammengehörigkeit wird brüchig, Lejla, die Jüngste, steigt aus und Evelyn Glanzl steht Kopf. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.
Temporeiches Untergangsspiel
Geboten wird ein temporeiches Untergangsspiel mit vielen spassigen Einlagen und absurden Wortspielereien. Zu loben ist der Auftritt der vier Schauspielerinnen Lena Urzendowsky als jüngste Schwester Lejla, Verena Jost als mittlere Schwester Nina, Sabina Waibel als älteste Schwester Marija und Karin Pfammatter als Psychologin Elvelyn Glanzl. Auf höchst virtuose Art verkörpern die drei Schwestern unterschiedliche Charaktere, die untereinander machtspielerisch sich abzugrenzen versuchen und doch schicksalhaft miteinander verknüpft bleiben. Einfach grandios, wie sie mit Mimik und Gesten einen szenischen Sog erzeugen, der das makabre Spiel vorantreibt und für etliche Zwischenlacher sorgt. Unvergesslich und mit viel Szenenapplaus bedacht bleibt der Auftritt von Karin Pfammatter als verschrobene Psychologin, wie sie mit vollgepackten Taschen von einem Grosseinkauf zurückkehrt und die erworbenen Produkte in atemberaubendem Tempo rekapituliert.
Das famose Quartett: Oben links auf dem Kubus Karin Pfammatter als Evelyn Glanzl, beobachtet von den drei Schwestern. Fotos: Arno Declair
Barbi Markovićs „3 Schwestern“ ist weniger ein Drama, mehr ein sezierender Blick auf das heutige Lebensgefühl zwischen Wunsch, Überforderung und Stillstand. Regisseurin Christina Bona Maria Tscharyiski gelingt es vorzüglich, den etwas gar repetitiven Text mit überraschenden Pointen in ein rasantes Spiel mit grossartig agierenden Schauspielerinnen umzusetzen. Dafür gabs am Premierenabend verdienten langen Applaus.
Weitere Spieldaten: 21., 23., 26., 29. Januar, 3., 8., 11., 17., 22. Februar, 2. März
