Wer die Katastrophe von Crans-Montana aus der Nähe oder durch Berichterstattungen mitverfolgt hat, war tief betroffen und erschüttert. Ich litt mit den Opfern und ihren Angehörigen. Es bleibt die Frage, wie so etwas geschehen konnte. Es kam zu Erklärungen und Schuldzuweisungen. Mein Fazit: So etwas darf einfach nicht geschehen, denn es war nicht ein schicksalhaftes Ereignis wie Erdbeben, Unwetter oder ein Tsunami. Es war menschengemacht und dürfte einfach nicht sein. Darum gab es Schuldige, die angeklagt werden. Unter den vielen Berichten las ich Kommentare mit allgemeinen Vorwürfen. Sie klagten den Hedonismus in einer kommerzialisierten Welt an. Moralisieren hilft bei solchen Ereignissen nicht.
Die Trauer nach der Katastrophe in Crans-Montana war gross und sehr bewegend. In der landesweiten Trauerminute, als alle Kirchenglocken im Land läuteten, herrschte betretene Ruhe. Junge Menschen und Repräsentanten der Gesellschaft sprachen bei Gedenkanlässen berührende Worte. Alle, die redeten, wussten, dass das Leben weitergehen muss. Die Trauer, die nicht vergeht, bleibt individuell. Dass sich für direkt Betroffene das Leben für immer verändert hat, wird unerbittlich im Gedächtnis haften bleiben
Solche Ereignisse rufen in Erinnerung, dass es im Leben keine Sicherheit gibt. Das Leben ist beständig im Fluss. Der sichere Halt fehlt. Gott schweigt. Es gibt keine letzte Versicherung für ein gelingendes Leben. Die Frage nach dem Warum eines Schicksals findet keine befriedigende Antwort. Sie endet bei der menschlichen Grundbefindlichkeit, dass das Dasein zwischen Leben und Tod schwebt. Leben und Tod ist ein Lebenswiderspruch; und erinnert, dass eine Spaltung alles Menschsein durchdringt: Freude und Leid, gelingendes und misslingendes Leben, Gewinn und Verlust, Liebe und Hass, Optimismus und Pessimismus. Die Kulturgeschichte hat von diesem Widerspruch Anfang und Unendlichkeit, Himmel und Hölle abgeleitet. Sie fand im Widerspruch keine schlüssigen Antworten. Mit Hoffnung und Glauben möchte man sie überspringen.
Mitten in dieser Aporie, wie Philosophen den unauflösbaren Widerspruch nennen, spielt der Zufall die wichtigste Rolle. Der Zufall bestimmt das Leben mit. Schon bei der Zeugung wählt der Same zufällig aus, wie es zum Leben kommt und was es grundsätzlich ermöglichen wird. Keine höhere Macht leitet die Sämlinge. Die Natur als Ganzes ist das reiche, vielfältige Feld des Zufalls. Was eine Person an Talenten und Begabungen besitzt und sogar, was sie aus ihnen macht, hängt weitgehend vom Zufall ab. Wen die Liebe trifft, wird vom Zufall getroffen. Man nennt ihn den Pfeil Amors. Paare sagen oft, ein Sekundenblick habe sie zusammengeführt.
Auch in Crans-Montana spielte der Zufall eine Rolle. Man konnte Stimmen von Menschen hören, die nicht in der Bar waren, weil sie zufällig aufgehalten wurden oder früh aus der Bar weggegangen waren. Eine ungewollte, zufällige Verzögerung zu einer abgemachten Zeit in der Bar zu erscheinen, konnte Leben retten. Beim Massacker im Zuger Kantonsrat von 2001 erzählte mir ein Freund, er habe eine halbe Minute vor den Schüssen, den Saal kurz verlassen müssen und so habe er das Massaker heil überlebt.
Glück oder Pech sind oft Kinder des Zufalls, den man nicht beherrscht. Er zeigt, wie unsicher das Leben ist. Gedanken nach der Trauer führen uns zur Gesetzlichkeit des Lebens, die nicht einfach mit einer Ursache-Wirkung erklärt werden kann. Sie ist oft vielmehr die Folge der Karambolage der Lebenswürfel.
