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Eine alternde Gesellschaft als Zukunftschance?

Am 2. Nationalen Alterskongress der Pro Senectute vom 22. Januar in Biel wurden Chancen und Herausforderungen der demographischen Entwicklung unter ca. 400 Fachpersonen diskutiert. Welche Chancen bietet eine alternde Gesellschaft?

Philippe Wanner, Professor am Institut für Demografie und Sozioökonomie der Universität Genf präsentierte in seinem Referat einige bedenkenswerte Zahlen, als er Zahlen aus der Schweiz von 2025 mit prognostizierten von 2055 verglich:

  • Zunahme von 47% der über 65-Jährigen von 1,81 Millionen auf 2,67 Mio
  • Zunahme von 89% der über 80-Jährigen von 543’000 auf 1’030’000
  • Zunahme von 193% der über 90-Jährigen von 98’000 auf 288’000
  • Zunahme der über 65-Jährigen pro 100 Erwerbstätige von 33 auf 45

Die Menschen in der Schweiz leben länger und bleiben oft bis ins hohe Alter gesund, da sie einerseits stark auf ihre Gesundheit achten, sich gesund ernähren, sich genügend bewegen, weniger rauchen und Alkohol konsumieren, Sport treiben und sinnvolle Freiwilligenarbeit leisten usw. Bei Pflegebedürftigkeit ist die medizinische Versorgung besser und professioneller geworden.

Anderseits ist gemäss Bundesamt für Statistik die Kinderzahl pro Frau im Jahr 2024 auf 1, 29 und damit auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen zurückgegangen. Junge Paare bleiben oft ohne Kinderwunsch, sehen wegen der Klimakrise und anderen Krisen eher pessimistisch in die Zukunft oder haben Schwierigkeiten, Beruf, Familie, Kindererziehung und Freizeitaktivitäten miteinander ohne allzu grossen Stress zu vereinbaren. Doris Bianchi, die Direktorin des Bundesamtes für Sozialversicherungen, präsentierte Zahlen, die von den einen als ermutigend, von andern als zu gering interpretiert werden: 31% der Kinder werden von Grosseltern mitbetreut, 42% der Kinder unter vier Jahren. Vier von 10 Kindern besuchen eine Kita oder Tagesschule.

2. Nationaler Alterskongress im Kongresshaus Biel (Foto @ Pro Senectute)

Individuelle Chancen und Herausforderungen des Alterns

Sich im Alter möglichst gesunden Aktivitäten zu widmen, ist für viele mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Wichtig ist auch, sich gegenüber technologischen Veränderungen offen und lernwillig zu verhalten, um die Chancen digitaler Lern- und Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen. Geborgenheit im Familien- und Freundeskreis, sinnvolle Engagements in der Freiwilligenarbeit, in Vereinen, bei kreativem Tun und im geselligen Austausch verschaffen einem einen anregenden Platz in der Gesellschaft. So können Ältere für Jüngere eine wertvolle Ressource sein, wie Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider in ihrem Referat hervorhob: «Nie zuvor gab es so viele ältere Menschen, von deren reicher Lebens- und Berufserfahrung jüngere Generationen profitieren können – besonders in herausfordernden Zeiten wie diesen.»

Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider betont die Bedeutung der Älteren für die Gesamtgesellschaft (Screenshot von bs aus dem Kurzvideo zum Alterskongress)

Und das liebe Geld? Klar ist das wichtig. Vorsorgen, sparen, investieren, verschenken, vererben … Einen Überblick über die finanzielle Lage der Bevölkerung zwischen 55 und 80 gab Nadia Myom von der Swisslife.

Gesellschaftliche Herausforderungen des Alterns

Vielen älteren Personen geht es finanziell gut, andere sind arm. Gemäss der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe waren 2023 rund 708 000 Personen von Einkommensarmut betroffen, davon rund 176 000 Erwerbstätige. Die Armutsquote betrug 8,1%. Armutsgefährdet sind 16,1 % der Bevölkerung der Schweiz. Pro Senectute ging 2022 davon aus, dass 295 000 Menschen im Pensionsalter von Altersarmut gefährdet  und 46 000 ausweglos arm sind. Wer arm im Alter ist, ist auch bedroht zu vereinsamen. Freiwilligenarbeit, geselliges Zusammensein, sich in der digitalen Welt zu bewegen sind dann oft nur reine Theorie. Zudem macht Armut krank und Geld für eine adäquate pflegerische Unterstützung fehlt. Hier besteht gesellschaftlicher Handlungsbedarf. Weder Ältere noch Jüngere dürfen in der reichen Schweiz von Armut gegeisselt werden.

Mit der Zunahme von älteren und hochaltrigen Menschen steigt der Pflege- und Betreuungsbedarf. Die Care-Arbeit und das Gesundheits-, Pflege-, Betreuungs- und Begleitungswesen müssen erneuert werden. Gesunde Ältere müssen verstärkt für nicht medizinische Pflege- und Betreuungsarbeit geschult werden und in Zeiten des Fachkräftemangels muss die Zusammenarbeit zwischen Professionellen und Freiwilligen verbessert werden.

Die Diskriminierung von älteren Menschen, die nach der Pensionierung noch arbeiten wollen, sollte nicht nur in Zeiten des Arbeitskräftemangels längst Geschichte sein.

Das Wohnen und die Raumplanung sollten altersfreundlich sein und Partizipation und intergenerationelle Begegnungen fördern. Denkanstässe und Erfahrungen aus der Praxis gab es am Beispiel der Region Biel-Seeland.

Prix Merci

Eveline Widmer-Schlumpf bei ihrer Rede (Foto bs)

In ihrem Schlussvotum lancierte Eveline Widmer-Schlumpf, Stiftungsratspräsidentin von Pro Senectute Schweiz, den Prix Merci. Der Prix Merci wird im «Internationalen Jahr der Freiwilligen 2026» erstmals Ende 2026 von der Pro Senectute an «eine freiwillig, freitätig oder ehrenamtlich engagierte Person von Pro Senectute» verliehen. Die Pro Senectute beschäftigt über 17 000 Freiwillige und ermöglicht so den Freiwilligen selbst wie den unterstützten Personen wertvolle Erfahrungen oder wie Eveline Widmer-Schlumpf sagte: «Freiwilligenarbeit ist nicht umsonst, sie ist unbezahlbar.»

Nationaler Alterskongress der Pro Senectute. Programm, Präsentationen, Fotos

Titelbild: Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider und Eveline Widmer-Schlumpf, Stiftungsratspräsidentin der Pro Senectute, am 2. Nationalen Alterskongress der Pro Senectute in Biel (Foto @ Pro Senectute) 

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1 Kommentar

  1. Ausgezeichneter Artikel mit relevanten Infos. Nur das Wort Freiwilligenarbeit stört immer wieder in diesem Kontext. Wie wäre es denn mit Pro Bono, für das Gute?

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