StartseiteMagazinGesellschaftWillkommen im Dschungel

Willkommen im Dschungel

Wer kennt ihn nicht, den Disney-Trickfilm mit Mogli, dem Menschenkind? Nun hat Ralph Tharayil, Bühnen-Bern-Hausautor der Spielzeit 2024/25, das Märchen unter dem Titel «Mogli oder this way is not the way to the waterfall (wirklich nicht)» weiterentwickelt, und in die Gegenwart versetzt. Eine Figuren-Collage, die fasziniert und schockiert.

Das Dschungelbuch ist eine berühmte Sammlung von Erzählungen des britischen Autors Rudyard Kipling, erstmals 1894 veröffentlicht. Die Geschichten handeln vom Menschenkind Mogli, dessen Mutter getötet wurde und das nun im indischen Dschungel bei Tieren aufwächst. Es lernt, den Gesetzen des Urwalds zu folgen, wird von Wölfen aufgezogen, von Panther Baghira und Bär Balu beschützt und muss sich gegen den bösen Tiger Shir Khan behaupten.

Pantomime, betonte Körperlichkeit bis hin zum wildern Tanz prägen die Inszenierung.

Thematisch geht es um Ausgrenzung oder das Dazugehören, um Anpassung oder Eigenständigkeit. Die Erzählungen betonen Werte wie Freundschaft, Loyalität und das Leben im Einklang mit der Natur. Weltberühmt wurde Mogli durch einen Disney-Trickfilm im Jahr 1967 «Probiers mal mit Gemütlichkeit». Seither sind die Geschichten mehrfach verfilmt worden.

Moglis Beziehung zur Wildnis ist symbiotisch und von Konflikten geprägt: Die Tiere lehren ihn das Überleben. Gleichzeitig verstösst das Menschenkind immer wieder gegen Dschungelregeln, etwa durch den Einsatz von Feuer. Der Tiger Shere Khan sieht ihn als Bedrohung, was zu Spannungen führt und Mogli schliesslich vertreibt.

Der Bub muss erkennen, dass er kein Tier ist. Letztlich kehrt er in die menschliche Welt zurück, sehnt sich aber nach der Freiheit der Wildnis, die ihn geprägt hat: Schwielen an Knien und Ellenbogen zeugen von seinem Leben auf allen Vieren.

Auf den Bühnenwände projizierte Videoaufnahmen verstärken das Dschungelgefühl. 

Kiplings Geschichte hat reale Wurzeln: Im 19. Jahrhundert entdeckte ein Waldaufseher in Indien einen jungen Mann, der behauptete, von Wölfen grossgezogen worden zu sein. Solche «wilden Kinder» unterstreichen das Thema: Die Wildnis formt den Menschen, doch zivilisatorischen Sünden trennen die Menschheit letztlich von der Natur. Mogli symbolisiert den ewigen Zwiespalt zwischen Naturverbundenheit und menschlicher Gesellschaft.

Der indische Dschungel steht für Wildheit, Schönheit und Natur. Foto PS

Der erste Teil der zweistündigen Aufführung (ohne Pause) spielt in grünem Urwaldlicht. Tharayils Fortschreibung ist keine lineare Geschichte, sondern eine Sammlung von Figuren-Collagen im Hier und Jetzt. Die Spielenden sind gekleidet in erdfarbene Overalls. Neue Figuren wie Mata Hari oder der Grieche Tantalos tauchen auf. Der Panther Baghira verwandelt sich in eine Spinne, die als Erzählerin fungiert und die Geschichten verwebt. Die Zuschauenden entwickeln die Geschichten im eigenen Kopf fort, während auf der Bühne immer neue Bilder entstehen.

Betonte Körperlichkeit und Interaktion

Speziell an der kraftvollen Inszenierung von Regisseurin Miriam Ibraihim ist auch, dass die Rollen unter den drei engagierten Spielenden (Lou Haltinner, Claudius Körber und Ali Kandas) nicht klar verteilt sind. Streckenweise agieren sie als ausdrucksstarke Einzelfiguren, manchmal als gemeinsamer Stimmkörper. Pantomime, betonte Körperlichkeit, wilder Tanz, beissende Satire, Interaktion mit dem Publikum sind weitere Merkmale der ungewöhnlichen Inszenierung: sprachlich wie körperlich sehr beeindruckend.

Der Dschungel steht für Wildheit, Schönheit und Natur. In Moglis Dschungel verläuft die Trennlinie zwischen Wolf und Mensch verläuft. Das wird in Tharayils Bühnenstück deutlich. Beim Übergang vom Film-Dschungel in die reale Welt werden die Brutalitäten, die Ausnutzung, die Unterdrückung, die Umwelterzestörung, die drohende Apokalypse des Globus unübersehbar.

Mogli stolpert in den zivilisationsroten Menschendschungel. Foto PS

Als Mogli im zweiten Teil den schützenden Naturdschungel verlässt, wechseln das Licht und die Kostüme auf Zivilisationsrot. Der Menschenjunge stolpert in den Menschheitsdschungel – nach Indien, Pakistan und Bangladesh, wo Millionen von Kindern mit blutigen Händen schuften. Dann reist er in die Türkei, wo die rechtsextremistischen grauen Wölfe die Menschen terrorisieren: Nun sind Wölfe keine treuen Rudelgefährten mehr, sondern Schattenjäger, welche protestierende Kurden in Angst und Schrecken versetzen. Hier prallen Moglis Instinkte auf die Verletzungen des Gesetzes, nicht des Urwalds, sondern der menschlichen Abgründe.

Tantalos bringt eine weitere Dimension in die Mogli-Geschichte, die der Umweltzerstörung. Als der aus der griechischen Mythologie bekannte, unermesslich reiche König auftaucht, wird schnell klar, dass es der Rohstoffmagnet und Wirtschaftstycoon nicht gut meint mit uns, sondern die Umwelt mit Litium verseucht und die Gesellschaftsordnung auf den Kopf stellt.

Im Naturdschungel herrschen Ordnung und Frieden.

Diese Begegnungen zerreissen Moglis Weltbild. Kinderarbeit zeigt ihm die Ausbeutung der Schwachen; die türkischen Wölfe die Perversion von Loyalität, Tantalos die Rücksichtslosigkeit gegenüber der Natur. Nicht Tiere sind die Bestien, sondern die Menschen, welche die Rudelgesetze des Naturdschungels pervertieren und Profit über Schutz, Unterdrückung über Selbstbestimmung stellen.

Fantasie oder Halluzination?

Plötzlich flüstert die Erzählspinne, Weberin der Geschichten, dass alles nur Fantasie sei, ein halluzinierter Albtraum. Kinderarbeit, falsche Wölfe, türkische Schatten: blosse Hirngespinste, die man abschütteln kann. Mitnichten. Die Lüge zerreisst wie faule Lianen im Urwald. Stattdessen dröhnen die Lautsprecher: Die wahre Katastrophe ist keine Erfindung. Unaufhaltsames Gift aus Bergbauabfällen verunreinigt das Grundwasser, wie in unzähligen realen Skandalen.

Stühle und Kissen werden aufgeschichtet: die Welt versinkt im Chaos.

Es wird dunkel, ein Zwielicht des Endes. Stühle und Sitzkissen werden den Zuschauenden entzogen. Das Bühnenbild zerfällt, schmilzt im Hitzestau des Klimachaos zu einem Schweinestall, einem Schuttberg der Zivilisation. Die Welt versinkt.

Stürme toben, Meere steigen, Städte kollabieren unter ihrem eigenen Abfall. Mogli, der Grenzgänger, sucht den Wasserfall der Erlösung, jenen heiligen Ort aus Kiplings Buch, Symbol für Reinigung und Neubeginn. Im Hier und Jetzt findet er ihn nicht. Kein sprudelnder Fluchtweg, kein Neustart.

Menschliche Gier

Die Welt geht unter, nicht durch Tigerpranken, sondern durch menschliche Gier und Rücksichtslosigkeit. «Nach der Zerstörung kommen wir», flüstern die Geier. Der Dschungelknabe, der einst den Wasserfall suchte und das Feuer zähmte, ertrinkt im Sumpf der Hybris. Seine Tragödie mahnt uns: Der böse Traum ist wahr geworden.

Ohne Wasserfall bleibt am Ende die Frage: Können wir uns retten, oder ist die Apokalypse unser unausweichliches Schicksal?

Titelbild (v.l.n.r.): Ali Kandas, Claudius Körber und Lou Haltinner: Inspiriert vom Dschungelbuch fragt das Stück, ob der Dschungel heute in unseren Städten steckt. Fotos: Yoshiko Kusano.

Weiter Aufführungen in Vidmar 2 (Liebefeld):
25.2./ 28.2./4.3./7.4./14.4./15.5.2026

LINK

Bühnen Bern 

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH15 0483 5099 1604 4100 0

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-