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Cezanne war ein Pionier

Die Fondation Beyeler (Riehen BS) widmet Paul Cezanne erstmals eine Einzelausstellung. Er war ein Pionier der modernen Kunst. Mit rund 80 Werken fokussiert die Ausstellung auf die späten, bedeutenden Arbeiten des französischen Malers.

Paul Cezanne (1839-1906) gehört zu den Grossen der Malerei. Der Südfranzose schrieb seinen Namen ohne Accent aigu (é), daran hält sich auch die Ausstellung Cezanne in der Fondation Beyeler und wir uns in diesem Bericht. Cezanne war ein Einzelgänger und verkaufte zeitlebens nur wenig Bilder. Erst die jüngere Generation um den Kunsthändler Ambroise Vollard, – der ihm 1895 eine Ausstellung in Paris ausrichtete – erkannte den neuartigen Ansatz in seiner Malerei. Pablo Picasso nannte ihn «Vater von uns allen». Bis heute berufen sich Kunstschaffende auf Cezanne als ihr Vorbild.

Le jardin des Lauves, um 1906. Foto: © R +E. Bühler

Die Ausstellung setzt in der Mitte der 1880er Jahre ein, nachdem sich Cezanne vom Impressionismus emanzipiert hatte. Er kehrte Paris den Rücken und wagte in seiner Heimatstadt Aix-en-Provence einen radikalen Neuanfang. 58 Ölgemälde und 21 Aquarelle mit Landschaften, Stillleben, Badenden, Figuren und Porträts sind thematisch geordnet in Riehen zu sehen. Die Leihgaben stammen aus weltweit bekannten öffentlichen und aus privaten Sammlungen.

Blick in die Ausstellung. Foto: © R + E. Bühler

Auf Wunsch des Vaters sollte Paul Cezanne Jurist werden. Doch es zog ihn zur Kunst. Mit seiner eigenwilligen Arbeitsweise nahm ihn die Kunstakademie nicht auf. So belegte er in Paris Kurse an freien Kunstschulen und arbeitete vor allem im Kreis der Impressionisten, besonders des älteren Camille Pissarro. Es war eine Schule des Sehens, der differenzierten Wahrnehmung von Farben in der Natur. Die fliessende Malweise der Impressionisten entsprach ihm jedoch auf die Dauer nicht.

Montagne Sainte-Victoire von Les Lauves aus gesehen, Öl auf Leinwand, um 1904/05. © The Nelson-Atkins Museum of Art, Kansas City, Missouri

In Aix-en-Provence liess ihn die Montagne Sainte-Victoire nicht los. Immer wieder stellte er die Staffelei vor dem Berg auf. Zwischen den 1880er Jahren und seinem Tod malte er ihn dreissig Mal in Öl und fertigte zahlreiche Aquarelle an. Er vertraute seiner eigenen Seh- und Malweise, verzichtete auf die traditionelle Zentralperspektive und die Wiedergabe von klassischer Anatomie.

Sein Ziel war nicht mehr, die Natur getreu abzubilden, sondern er schöpfte aus dem Malprozess selbst. Er wählte sein «Motiv», wie er es nannte, und liess es mit allen Sinnen in einer Art meditativem Schauen auf sich wirken und «realisierte» sein inneres Farb- und Formempfinden auf der Leinwand. Die Farben setzte er mit kraftvollen schraffierten Pinselstrichen auf die Leinwand in «taches colorées». Diese «Farbflecken», zusammengesetzt aus verschiedenen Nuancen, erscheinen wie Farbstrukturen in seiner Malerei.

Montagne Sainte-Victoire von Les Lauves aus gesehen, Öl auf Leinwand, um 1904. Privatbesitz. Foto: © Christie’s Images / Bridgeman Images

Eine Eigenheit seiner späten Jahre sind offene, unbemalte Stellen auf der Leinwand. Die «vollendet – unvollendeten» Bilder, wie sie die Ausstellung im Jahr 2000 im Zürcher Kunsthaus nannte, laden die Betrachtenden ein, das Werk zu vollenden. Das Auge ergänzt die Lücken. Seine Bilder mit den Leerstellen üben geradezu eine Sogwirkung aus und führen die Betrachterin über die Landschaft hinaus in eine magische Welt.

Unterholz / Sous-bois (Chemin du Mas Jolie au Château Noir), 1900-1902 (rv)

Cezanne war ein äusserst langsamer Maler, was für seine Modelle herausfordernd war. Die meisten Porträts zeigen seine Frau Hortense. Sie liess die anstrengenden Sitzungen bewegungslos und geduldig über sich ergehen. Auf den Bildern wirkt sie in sich gekehrt und zugleich kraftvoll. Der Kunsthändler Ambroise Vollard musste für sein Bildnis 115 Mal im Atelier erscheinen. Doch kurz vor Vollendung gab der Künstler auf: Die letzten offenen Stellen auf der rechten Hand wagte er nicht zu malen, weil er befürchtete, das ganze Bild zu ruinieren.

Portrait von Mme Cezanne, 1888-1890. Foto: © R +E. Bühler

Auch Blumenstillleben sind heikel. Seine Versuche mit Pfingstrosen scheiterten, sie welkten vorzeitig. Äpfel eignen sich dafür besser. Mit ihnen lassen sich geometrische Formen gestalten, auch Farbkontraste von Grün und Rot. Durch den Verzicht auf die Zentralperspektive schafft Cezanne in den Stillleben eine gewisse Disharmonie wie in Fruits et pot de gingembre: Das drapierte Tuch über der Tischkante erscheint wie eine bewegte Landschaft am Abgrund, die Äpfel könnten vom Tisch herunterrollen und neben dem stabilen bauchigen Ingwertopf könnte das schiefe Regal kippen. Cezanne konstruiert die Komposition in einem labilen Gleichgewicht und erzeugt damit eine Spannung, die einen immer wieder hingucken lässt.

Früchte und Ingwertopf / Fruits et pot de gingembre, 1890-1893. Ein überraschendes Wiedersehen mit diesem Gemälde, das 2023 für die Rettung des Museums Langmatt in Baden verkauft werden musste. (rv)

Ein weiteres zentrales Motiv sind die Badenden in blau-grünen Farbtönen. Cezanne greift das Thema immer wieder auf und variiert es. Er verwebt Körper und Landschaft so eng miteinander, «dass die Badenden in den Rhythmus der Bäume übergehen, die Kurven des Flussufers aufnehmen oder gleichsam wie Pflanzen aus dem Boden wachsen», schreibt der Kurator Ulf Küster. Ein paradiesisches Arkadien, in dem die Figuren mit der Natur zu verschmelzen scheinen.

Gruppe von Badenden / Groupe de baigneuses, um 1895. Ordrupgaard, Kopenhagen. Foto: © Anders Sune Berg

Seinen Gesprächspartnern gegenüber äusserte Cezanne gern, er sei ein «Primitiver», im besten Sinn einfach, unverbildet und ursprünglich: «Ich habe ein träges Auge, wenn mich ein Kopf interessiert, mach ich ihn zu gross.» Die exakt-naturalistische Darstellung interessiert ihn nicht, sondern das, was ihm subjektiv wichtig erscheint. Dies zeigt sich eindrücklich im Bild Le garçon au gilet rouge. Der rechte Arm des Jungen ist anatomisch zu lang, doch für Cezanne konnte er nicht lang genug sein.

Der Knabe mit der roten Weste / Le garçon au gilet rouge, 1888-1890. © Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich.

Bis zum Lebensende befragt sich Cezanne in Selbstporträts: «Ach, auch wenn ich schon alt bin, bin ich doch immer in den Anfängen». Eine letzte Porträtserie widmet er seinem Gärtner Vallier. In Öl oder Aquarell erscheint das Bild eines ruhig sitzenden, in sich gekehrten alten bärtigen Mannes mit Filzhut auf dem Kopf, das rechte Bein über das Linke geschlagen, die Hände entspannt übereinander. Die beiden Männer – der alte Gärtner Vallier und der alte Maler Cezanne – scheinen eins zu werden, wie die historische Aufnahme von Emile Bernard zeigt.

Der Gärtner Vallier / Le jardinier Vallier, Aquarell, um 1906 (rv). «Paul Cézanne in seinem Atelier in Les Lauves», 1905. Foto: Emile Bernard (1868-1941). © Paris, Musée d’Orsay

Titelbild: Blick in die Ausstellung, Foto: © R + E. Bühler   

Bis 25. Mai 2026
Cezanne. Ausstellung in der Fondation Beyeler, Riehen/Basel
Der Kurzfilm am Ende des Rundgangs «Cezanne on art», 2025, basiert auf Zitaten des Künstlers.

Katalog zur Ausstellung, Hrsg.Ulf Küster, mit Essays und zahlreichen Abbildungen, auf Deutsch und Englisch, Hatje Cantz Verlag, Berlin 2026, CH 62.50

 

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1 Kommentar

  1. Eben komme ich von der Cezanne-Ausstellung der Fondation Beyeler nach Hause: erfüllt von wunderbaren Eindrücken und von wertvollen Anregungen. Primär kommen diese selbstredend von Cezannes Werken, doch auch vom einfühlsamen und instruktiven Text von Ruth Vuilleumier im Seniorweb, für den ich mich herzlich bedanke.

    Dann möchte ich auch persönlich die Leserinnen und Leser motivieren: Gehen Sie hin, die Begegnung mit Paul Cezanne und seinem Werk lohnt sich bestimmt. Achtung: frühzeitig per Mail Tickets bestellen, es könnte am Schluss eng werden.

    Nochmals vielen Dank an Ruth.

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