StartseiteMagazinKolumnenRenteneintrittsalter 65: Das Ziel des Lebens?

Renteneintrittsalter 65: Das Ziel des Lebens?

Immer im Januar ist in meinem Terminkalender eine spezielle Reise vermerkt: ein Freundschaftstreffen von Pensionierten, von Menschen also, in der Regel über 65 Jahre alt – dem ultimativen Renteneintrittsalter in der Schweiz. Nicht verwunderlich, dass sich in der Gesetzgebung vieles um diese ominöse Zahl 65 dreht.

Das Treffen findet meist in Basel statt, wo ich 16 Jahre lebte. So kann ich das kameradschaftliche Wiedersehen mit vielem Vergangenen vor Ort in Verbindung bringen. Denn immer, wenn ich in Basel weile, besuche ich die Rio-Bar, «den Basler Treffpunkt mit Kultstatus, in ‘dinere Stube’ direkt am Barfüsserplatz, am ‹Barfi›», wie es auf der Website der Bar heisst.

Insgeheim hoffe ich jeweils, auch meine damaligen Kumpels anzutreffen: Ewald Käser, der seine unveröffentlichte Gedichtsammlung stets bei sich trug, Christoph Mangold, der in seinem eben beendeten Roman blätterte, sowie Eva Caflisch und Klaus Kloter, die beide amüsiert daneben sassen. Natürlich sassen sie diesmal nicht da. Die Männer sind leider nicht mehr unter uns. Eva hingegen ist als Redaktorin bei seniorweb.ch nach wie vor – wie damals – eine engagierte Zeitgenossin.

Da rief aus der bekannten Ecke am Fenster eine Stimme: «Komm doch an unsern Tisch, wie damals!» Ich drehte mich erschrocken um und erkannte auf Anhieb kein mir bekanntes Gesicht. «Wir kennen uns doch. Werner Schmid, mein Name. Weisst du nicht mehr? Vor etwa 15 Jahren haben wir uns hier getroffen und sind ins Gespräch gekommen.» Die Gruppe rückte zusammen, ich setzte mich.

Er erzählte: «Damals stand ich zwei Jahre vor der Pensionierung. Ich hatte mir eigens einen Abrisskalender in einer Druckerei herstellen lassen – mit 730 Tagen. Ich erklärte dir, dass ich ab morgen jeden Tag ein Blatt abreissen werde und so stets weiss, in wie vielen Tagen ich in Rente gehe. Du warst erstaunt, ja skeptisch, und sagtest: Dann kannst du ja gleich zu Hause bleiben. Nein, das konnte und wollte ich mir nicht leisten. Heute  bin ich recht gut versorgt – und lade dich ein. So können wir weiter über die Vergangenheit sinnieren.»

So kamen wir auf einen Mann zu sprechen, der es ihm mit dem Kalender gleichtat: Urs Paul Engeler (75), der wohl gefürchtetste Schweizer Journalist der Jahre 2000 bis 2013. Seine fundierten Recherchen brachten die Karriere des SVP-Bundesratskandidaten Bruno Zuppiger zu Fall und zwangen den früheren Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand zum Rücktritt. Engeler schreibe wie ein Scharfrichter, sagten die einen; für seine Anhänger war er der beste Journalist der Schweiz.

Auch er hatte einen Abrisskalender in seinem Büro hängen. Auch er riss jeden Tag ein Blatt ab, bis seine Kündigung bei der «Weltwoche» am 30. Juni 2013 rechtens wurde, und er sich auf denselben Zeitpunkt pensionieren liess. Warum nur? Wir rätselten darüber. Zwar angefeindet, doch hoch respektiert und letztlich erfolgreich. Es waren sehr persönliche Gründe, über die er sich nur vage äusserte.

Wir rätselten weiter und kamen zur grundsätzlichen Frage: Warum ist das Renteneintrittsalter 65 immer noch ein derart festgezurrtes Lebensziel? Es ist einfach – und zugleich ohne echte Zukunftsaussichten. Einfach deshalb, weil die gesamte Gesetzgebung darauf ausgerichtet ist. Das reicht von grossen Fragen bis zu scheinbar kleineren: von der AHV über staatlich unterstützte Weiterbildungen im IT-Bereich, die nur für Menschen zwischen 18 und 65 vorgesehen sind, bis hin zu Hörgeräten, die für Personen über 65 deutlich weniger subventioniert werden als für Jüngere.

Wollen wir unser Land zukunftsgerecht weiterentwickeln, dürfen wir nicht einfach fortschreiben, was wir bisher erreicht haben. Das gilt insbesondere für die Altersvorsorge. Sie ist weiter zu solidarisieren. Und das Renteneintrittsalter ist dabei zu flexibilisieren. Menschen, die bereits 45 Arbeitsjahre hinter sich haben, sollen in Pension gehen können, ohne 65 Jahre alt zu sein. Wer hingegen erst mit 25 oder 30 ins Berufsleben einsteigt, darf – ja soll – ruhig bis 70 arbeiten können.

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