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Inge Schädler, politisch unterwegs mit 87

Als ich Inge Schädler letzthin auf dem Bahnhof Winterthur traf, wusste ich nicht, dass sie mir bald von ihrer eindrücklichen politischen Biographie erzählen würde. Hier einige Auszüge.

Als wir uns kurz nach 15 Uhr in der Unterführung des Bahnhofs Winterthur trafen, fuhren wir ins Coop-Restaurant hoch und bestellten je eine Apfelschorle, sie mit naturtrübem, ich mit klarem Apfelsaft. Sie kam gerade von einer Sitzung des Schweizerischen Seniorenrats in Bern, hatte also bereits knapp vier Stunden Fahrt mit dem ÖV hinter sich und wirkte zurückhaltend munter.

Bargeld

Da sich Inge im letzten VASOS-Newsletter für den Gegenvorschlag des Bundesrates zur Bargeld-Initiative in einem schriftlichen Statement eingesetzt hatte, sprachen wir zunächst kurz darüber: Die Bargeld-Initiative ist unbeholfen, bringt unnötige Probleme mit sich, die der Gegenvorschlag des Bundesrates überwindet, da bisherige Gesetzestexte zu unserer Währung und zum Bargeld auf die Verfassungsstufe überführt werden. Wenn der Gegenvorschlag am 8. März über die Bargeld-Initiative obsiegt, ändert sich nichts. Aber das Bargeld, das emotional stark bewegt, erhält einen Rückhalt. Die Diskriminierungsgefahr von Kindern und älteren Menschen, die nicht mit digitalen Zahlungsmitteln wie Debit-Karten, Kreditkarten oder anderen Bezahl-Apps bezahlen können oder wollen, wird in Erinnerung gerufen. Wer in Postautos, bei öffentlichen WC-Anlagen, in Geschäften oder anderswo mit Kleingeld bezahlen möchte, darf nicht von diesen Angeboten ausgeschlossen werden. Da waren wir uns einig. Deshalb ein klares Nein für die Bargeld-Initiative und ein klares Ja für den Gegenvorschlag des Bundesrates.

Inge Schädler (87), politische Aktivistin 

Mit drei Jahren am Mai-Umzug 

Inge wurde in der Wohngenossenschaft Friesenberg Zürich sozialisiert, durfte als Dreijährige zum ersten Mal an den Mai-Umzug mit ihrem Vater, der in der SP und der Gewerkschaft Unia Mitglied war. Der Vater nahm seine Tochter von klein auf auch mit an die Urne zu Wahlen und Abstimmungen. So wuchs Inge in einem linken Milieu auf. Nach dem 2. Weltkrieg pilgerte 1945 die ganze Genossenschaft Friesenberg auf den Uetliberg, um den Frieden zu feiern. Inge war sieben Jahre alt. «Als wir auf dem Uetliberg ankamen, fragte ich meinen Vater: Wo ist jetzt der Frieden?»

Sekundarschule, höhere Töchterschule, Schule für soziale Arbeit

Inge besuchte im Friesenberg die Primar- und Sekundarschule, dann die höhere Töchterschule («Wir waren in der Klasse nur zu zweit aus einer Arbeiterfamilie») und entschied sich, an der Schule für soziale Arbeit weiter zu studieren. Da der Zugang zur «Soz» erst mit 21 möglich war, machte sie zunächst zwei halbjährige Sprachaufenthalte im Welschland und in England und arbeitete nebenbei als Sekretärin. An der «Soz» gab es damals einen Numerus clausus und Interessierte mussten eine Aufnahmeprüfung machen. Aufnahmebedingungen waren neben Sprachkenntnissen auch ein halbjähriges Vorpraktikum. Das machte sie bei der Tuberkulose-Stiftung, da ihre Grossmutter an TB gestorben war und die Familie dort regelmässig einen Gesundheits-Check-Up machen musste. Die «Soz» dauerte zweieinhalb Jahre und Inge schloss ihre Ausbildung zur Sozialarbeiterin 1963 ab.

Arbeit bei der Vormundschaftsbehörde

Ihre erste Stelle als Sozialarbeiterin fand Inge in der Vormundschaftsbehörde Winterthur (1963 – 1966), wo sie für die Abklärung von behördlichen Massnahmen zum Schutze von Kindern zuständig war und die Leitung und Weiterentwicklung der Pflegekinderaufsicht übernahm. Da damals insbesondere Familien aus Italien beraten wurden, entschloss sich Inge nach drei Jahren, noch besser italienisch zu lernen. Da sie eine Ausbildung als Sozialarbeiterin hatte, besorgte ihr Pfarrer ihr eine Stelle bei den Waldensern in Palermo. Da Inges Vater ein religiöser Sozialist um Leonhard Ragaz war, war eine Verbindung von Kirche und SP-Politik auch für Inge naheliegend, denn die religiösen Sozialisten folgten der «Vision eines demokratischen, genossenschaftlichen, pazifistischen, ökologischen und auch schon feministischen Sozialismus.» (aus der Website der Religiös-Sozialistischen Vereinigung der Deutschschweiz).

Bei den Waldensern in Palermo und bei Heks

Zunächst arbeitete Inge als freiwillige Mitarbeiterin im Diakonischen Zentrum Palermo bei den Waldensern und wurde von 1967 bis 1983 Heks-Auslandmitarbeiterin im Palermo bei der Waldenserkirche, wo sie an vorderster Front in vielen Projekten mitarbeitete oder sie leitete: Einzelhilfe bei armen Familien in den Slumgebieten rund um Palermo; nach dem Erdbeben 1968 in Westsizilien Organisation von Nahrungsmitteln und Zelten; Aufbau eines Dorfes in der Gemeinde Vita im Erdbebengebiet mit 20 Fertighäusern; Aufbau einer Bibliothek und Gründung einer Frauengenossenschaft; Mittelbeschaffung durch Vortragsreisen in Deutschland.

In und um Palermo war Inge Schädler 19 Jahre politisch aktiv. (Foto Wikimedia commons)

Rückkehr in die Schweiz (1983) und Weiterarbeit bei Heks

Die Rückkehr nach 19 Jahren in Italien und die Aufnahme der Arbeit in einem Büro an der Zentrale der Heks in Zürich war nicht einfach: «Ich fragte mich da schon, wo bin ich hier eigentlich?» Aber bald war sie wieder anpackend und gestaltend unterwegs: 1983  bis Mai 1985 Leitung der Regionalstelle Aargau/Solothurn; 1985 bis 1989 Mitglied der Dreierleitung des Flüchtlingsdienstes; Januar 1990 bis Dezember 1990 Nothilfe nach dem Erdbeben in Armenien; 1991 bis 1995 Leiterin des Auslandsektors für Entwicklungszusammenarbeit und Europadienst. Danach übernahm Inge eine Stabstelle für Sozialaufgaben des Zentralsekretärs des Heks, und war Beauftragte für Qualitätsmanagement. Sondereinsätze folgten wiederum in italien (Mitentwicklung der Mandatssteuer), in Kambodscha (Abklärungen nach einer Anzeige wegen Veruntreuung von Finanzen durch das Lokalteam), Nothilfe nach grossen Überschwemmungen in Norditalien; Unterstützung bei Heks-internen Personalfragen.

Von einem Einsatz in Eritrea stammt der  Halskettenanhänger, den Inge bei unserer Begegnung trug.

Politische Arbeit nach der Pensionierung

Nach der Pensionierung begab sich Inge nicht in den «wohlverdienten» Ruhestand. Ihr politisches Engagement packte sie weiterhin. Sie wirkt mit in den lokalen SP-Sektionen (zuletzt in Winterthur Veltheim, wo sie jetzt wohnt), aber auch kantonal und national in der SP 60+ als Mitglied der Geschäftsleitung und in der Arbeitsgruppe Sozialpolitik. Im 88. Lebensjahr ist sie auch Vizepräsidentin der VASOS, im Vorstand des Schweizerischen Seniorenrates und dort Fraktionspräsidentin der VASOS.

Nach knapp zwei Stunden verliessen wir das Coop-Restaurant und ich war tief beeindruckt von einer politischen Person, die sich lange vor Ort für das Wohl von Bedürftigen eingesetzt hat und nach der Pensionierung vor allem bei der SP60+ und bei der VASOS politisch mitgestaltet.

Titelbild: Inge Schädler erzählt über ihren politischen Lebenslauf. (Fotos bs)

 

 

 

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1 Kommentar

  1. Grossen Dank für diesen Artikel. Ich bin auch tief beeindruckt von dieser engagierten politischen starken Frau. Eine echte Heldin!
    Ich wünsche mir in den offiziellen Medien mehr solche Berichte anstelle der Aufmerksamkeit, welche die Machtpolitik mit ihren „Narzisten erhält.
    An Inge Schädler möchte ich meine Bewunderung und einen respektvollen Dank weiterleiten.
    Cécile Stadelmann, bildende Künstlerin….

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