Zeilenschinder

Lange war Zeilenschinder eine gebräuchliche Bezeichnung für einen Journalisten. Eine weibliche Form ist mir nie begegnet. Reporter und andere Zeitungsschreiber ohne feste Anstellung – heute sind das Freelancer – wurden so bezeichnet, weil sie dazu neigten, möglichst ausufernd und weitschweifig zu berichten. Kein Wunder, wurden sie doch per Zeile bezahlt.

Dieser Honorarmodus hat sich bis heute erhalten, aber das Zeilen schinden ist nicht mehr allzu häufig. Vielleicht, weil die «Freien» doch etwas besser bezahlt werden. Oder weil die Texte heute kompakt auf den Punkt gebracht werden müss(t)en.

Ein Beispiel, das zwar nicht für viel mehr Honorar sorgt, eher auf Gedankenlosigkeit des Schreibenden hinweist, gefällig? «Sportwoche: Die Kinder lernen den Stemmbogen auf den Skiern.» Ein treuer Leser, der seine Zeitungen mit kritischem Blick liest, und mir immer wieder Beispiele liefert, fragt sich zu Recht: Wo sonst sollen denn die Kinder den Stemmbogen lernen, wenn nicht auf den Skiern? Es gibt zwar auch Pfeilbogen, Torbogen, Lichtbogen, Regenbogen – aber die sind alle denkbar ungeeignet.

Ein weiteres Beispiel, ganz ohne Schnee: «Er ist das, was man einen Macher nennen würde». Ein ganz schöner Umweg, um zu sagen «Er ist ein Macher». Und dazu noch falsch. Denn der Konjunktiv, die Möglichkeitsform, verlangt eine Erklärung nach dem «würde». «Man würde ihn einen Künstler nennen, wenn er ein bisschen Talent hätte.» «Sie sind das, was man eine Diebesbande nennen könnte, denn sie klauen wir die Raben.»

«Der Viadukt ist auch heute immer noch in Benutzung…». Das ist ebenfalls ein Satz mit ziemlich viel leerer Luft. «Der Viadukt wird immer noch genutzt», würde reichen. Und benutzt wird eine Strasse oder einer Brücke schon gar nicht. Benutzt werden Gegenstände, Werkzeuge zum Beispiel, ein Telefon oder ein Zahnstocher, genutzt werden Zeit oder Gelegenheiten.

War das alles zu spitzfindig? Dann erinnern wir uns am besten an den Onkel an der letztjährigen Familienweihnacht: «Onkel Hans machte spitzfindige Bemerkungen zur Arbeitsmoral und zum Kontostand seines Neffen». Nein, machte er nicht, selbst wenn es ihn gäbe, den soeben erfundenen Onkel. Er machte spitze Bemerkungen.

Zum Schluss noch ein Titel, der keinem Zeilenschinder zugeschrieben werden kann, weil zu kurz: «Schneefall öffnet die Loipen». Man stelle sich das bildlich vor: Da kommt der Schneefall – eine Schneefällin gibt es nicht – mit einem Schlüssel in der Hand und öffnet die Loipenanlagen. Wie öffnet man eine Piste, eine Schneespur? Da müssen Sie den Journalisten fragen. Aber keinen Zeilenschinder.

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