Über 200 Jahre wurde unter Verschluss gehalten, dass die wichtigste Frau an der Seite des dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson eine Sklavin war. Erst die Autorin Barbara Chase-Riboud gibt ihr mit dem Roman «Die unbekannte Sally Hemings» eine Identität und ihre eigene Geschichte zurück.
Zum 250. Jubiläum der Gründung der Vereinigten Staaten legt der Diogenes Verlag den Roman von Barbara Chase-Riboud über Sally Hemings neu auf. Er erschien erstmals 1979 in New York, in deutscher Übersetzung 1982 Die Frau aus Virginia. Die Biographie erzählt die komplexen Verhältnisse der Leibeigenschaft in den amerikanischen Südstaaten anhand einer einfachen, aber aufsehenerregenden Geschichte.
Die Autorin Barbara Chase-Riboud, geboren 1939, ist selbst Afroamerikanerin und eine international bekannte Zeichnerin und Bildhauerin. Sie lebt in Paris, auf Capri und in Rom. Die Geschichte von Sally Hemings, die als Sklavin die wichtigste Frau an der Seite von Thomas Jefferson war, liess sie nicht in Ruhe. Sie vertiefte sich in historische Quellen und verfasste Sally Hemings Lebensgeschichte.
Sie zeichnet das Bild einer stolzen, eigenwilligen Frau, die statt der Freiheit die Liebe wählte und zeitlebens um ihren Platz in Jeffersons Leben kämpfte. Die Liebesgeschichte zwischen der 14jährigen Sally Hemings (1773-1836) und dem 44jährigen Thomas Jefferson (1743-1826) beginnt in Paris, wo er fünf Jahre als Botschafter unterwegs war. Mit ihm reisten auch seine beiden Töchter; die junge Sklavin als Kindermädchen der siebenjährige Maria, genannt Polly. Die Autorin nennt Sally Hemings bewusst immer mit Vor- und Nachnamen, und anerkennt sie so in ihrer Würde als Frau.
Aufenthalt in Paris
Thomas Jefferson kam 1787 erstmals aus der Enge der Südstaaten in das offene Paris. Hier kannte man keine Sklaverei. Sally Hemings wird mit ihrem langen schwarzen Haar als «so gut wie weiss» beschrieben und war «hellhäutig genug, um in Paris als weiss zu gelten», schreibt die Autorin. Nicht zu vergessen, Sally Hemings Vater war ein weisser Gutsbesitzer. Zugleich war sie die Halbschwester von Jeffersons verstorbener Ehefrau Martha Wayles (1748-1782) und soll dieser sehr ähnlichgesehen haben. Über die komplexen Familienverhältnisse orientiert ein Stammbaum eingangs des Romans.
Plantagenbesitzer mit zwei Familien
In den Südstaaten hielten sich reiche Plantagenbesitzer gerne zwei Familien: eine offizielle mit der angeheirateten weissen Frau und eine verborgene mit einer Sklavin. Sallys Mutter Elisabeth Hemings hatte mit dem Gutsbesitzer John Wayles sechs Kinder, die alle sehr hellhäutig waren. Und trotzdem galten sie als «Schwarze», denn «nur ein einziger Tropfen schwarzen Blutes» machte einen Menschen zum Schwarzen. Ihre Lieblingstochter Sally erzog Elisabeth Hemings «für die dreifache Leibeigenschaft von Sklavin, Frau und Mätresse», ohne jemals ihre Rechte infrage zu stellen. «Hätte sie das nicht getan, ihre Tochter wäre nie aus Paris nach Hause zurückgekommen», ist die Autorin überzeugt. In Paris bekam Sally Hemings ein Gehalt, dort war sie nicht eine Leibeigene.
Sklavenkinder als Mehrwert
Auf seinem Landsitz Monticello in Virginia hielt Thomas Jefferson zu jener Zeit 364 Sklaven. Sally Hemings wuchs im Kreis von 25 Haussklaven auf – ihre Mutter war als Haushälterin Gebieterin über das Haus. Es war eine schöne Kindheit in einem familiären Umfeld. Alle Kinder, Weisse und Schwarze, spielten miteinander. Die Klassentrennung erfolgte erst als sie erwachsen waren. Kinder von Sklaven bedeuteten für einen Plantagenbesitzer einen Mehrwert, die er je nach Bedarf verkaufen konnte. Die Familien von Leibeigenen konnten sich nie sicher sein, auseinandergerissen und verkauft zu werden. Wie dramatisch das für die Menschen war, bringt einem das Buch ins Bewusstsein.
Thomas Jefferson durfte nach dem Willen seiner verstorbenen Ehefrau nicht wieder heiraten, das war sogar auf dem Grabstein eingemeisselt: «Es wird hier nie eine weisse Herrin geben». Somit war Sally Hemings für den Witwer die geeignete Geliebte, die er als Schwarze nicht heiraten konnte. Und die später, nach dem Tod ihrer Mutter, deren Aufgabe als Hausherrin übernahm. Sally Hemings konnte bereits als Kind lesen und schreiben. In Paris wurde sie kulturell gefördert und sprach perfekt Französisch. Sie lebte dort als freie junge Frau und begleitete «Master Jefferson», wie sie ihn nannte, ohne in der Gesellschaft aufzufallen.
Thomas Jefferson: Aufklärer und Sklavenhalter
Jefferson unterstützte in Paris die französischen Revolutionäre, soweit es sein Status als Diplomat zuliess. 1776 hatte er die Unabhängigkeitserklärung verfasst. Er war einer der Gründer der Demokratisch-Republikanischen Partei der Vereinigten Staaten und war später von 1801 bis 1809 der dritte amerikanische Präsident. Mit seiner privaten Bibliothek gründete er 1812 die Universität von Virginia. Doch zur Sklaverei hatte er ein zwiespältiges Verhältnis. Seine Vorstellungen vom Recht jedes einzelnen Menschen auf Leben, Freiheit und Glück galt vor allem für die Weissen, obgleich er die Aufhebung der Sklaverei befürwortete. Sally Hemings versprach er in Paris die Freiheit, ebenfalls für ihre künftigen gemeinsamen Kinder: Es waren insgesamt sieben, drei starben vorzeitig. Solange er lebte, sah er seine Geliebte als seinen Besitz an. Erst nach seinem Tod erlangte Sally Hemings die Freiheit.
Barbara Chase-Riboud. Foto: Grant Delin © Michael Rosenfeld Gallery
Als die Autorin das Buch 1979 erstmals herausgab, steckten «Black Studies an den amerikanischen Universitäten noch in den Kinderschuhen, und der Name Sally Hemings war in der Öffentlichkeit völlig unbekannt», schreibt sie im Nachwort. Alle an der Publikation Beteiligten unterschätzten die Emotionen und Kontroversen, die der Roman auslösen sollte. Diese «masslose und irrationale Besessenheit mit Hautfarbe und Rasse in unserem Land», die auch heute nicht vorbei ist, wollte Barbara Chase-Riboud ins Rampenlicht bringen.
Titelbild: Barbara Chase-Riboud mit ihren Malcolm-X-Stelen, 2018. Galerie Michael Rosenfeld. Foto: Wikimedia Commons Nikitag94
Barbara Chase-Riboud, Die unbekannte Sally Hemings, Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Werner Peterich, 622 Seiten, Diogenes Verlag, Zürich 2026. ISBN 978-3-257-07371-3

Es kann nicht genug über die unmenschliche Zeit der Sklaverei geschrieben und geredet werden. Amerika, das sich der Welt immer als Vorbild präsentiert, hat seine traurige Vergangenheit noch längst nicht verarbeitet, was die andauernden brutalen Angriffe der Polizei und die Hetze militanter Rechtsradikaler gegen Farbige zeigt.
Es wird noch Generationen dauern, um das grosse Leid, das den Betroffenen insbesondere den Frauen und Kindern, durch Weisse angetan wurde und das in der amerikanischen Gesellschaft noch immer geschieht. Die Diskriminierung und Gewalt gegen farbige Einwanderer, die z.T. schon Jahre für das Bruttosozialprdukt dieses Landes arbeiten, gehört nach meiner Ansicht vor das höchste Gericht Amerikas. Für mich gehört Amerika mit Trump an der Spitze auf die Liste der Schurkenländer, die die Menschenrechte mit Füssen treten und sich über alle geltendendie demokratischen Regeln aus purem Eigennutz hinweg setzen.