StartseiteMagazinKultur«Das Lesen, Kinder, macht Vergnügen»

«Das Lesen, Kinder, macht Vergnügen»

Vor 100 Jahren wurde James Krüss geboren. Als Autor von Kinderbüchern, Gedichten für Kleine und Grosse, von Prosa, Hör- und Fernsehspielen wurde er in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur in Deutschland, sondern weitherum geschätzt und mit Preisen geehrt.

Die gelungene Mischung aus Witz, scherzhaften Reimen, leicht verständlichen und zugleich tiefsinnigen Wendungen hat ihn wohl zu dem einmaligen Erfolg verholfen: Er gilt als der berühmteste Kinder- und Jugendbuchautor nach 1950: James Jacob Hinrich Krüss kam am 31. Mai 1926 auf Helgoland zur Welt. – Sein Leben lang bezeichnete er sich als Insulaner.

Die Helgoländer zählen sich wie die anderen Alteingesessenen vor der deutschen Nordseeküste zu den Friesen. Man ist dort stolz auf die friesische Sprache – vergleichbar mit den Bernern und ihrem Berndeutsch. Den Kindern einen englischen oder friesischen Vornamen zu geben, war nicht unüblich. Hochdeutsch lernte der kleine James erst in der Schule als zweite Sprache. Als Kind mehrere Sprachen zu lernen, ist ein Vorteil, James Krüss lernte auch später Sprachen mit grosser Leichtigkeit. Der Umgang mit der eigenen Sprache wurde ihm zum Lebensinhalt und diente seinem Lebensunterhalt.

Lasst uns den Frieden preisen,
Der Menschen menschlich macht,
Sonst kommt mit Blut und Eisen
Der finstre Krieg, die Nacht. (Das Lied von Krieg und Frieden, letzte Strophe)

So sehr sich James Krüss seiner Insel verbunden fühlte, der Verlauf der deutschen Geschichte verwehrte ihm ein geruhsames Aufwachsen und ein ständiges Verweilen auf der Nordseeinsel. Helgoland – ein strategisch wichtiges Ziel – wurde zerbombt, Krüss verbrachte einige Jugendjahre auf dem «Kontinent», wie er zu sagen pflegte. Später kehrte er oft zurück, aber für die berufliche Entfaltung war Helgoland zu klein.

Wenn die
Möpse
Schnäpse
Trinken
. . .
Entsteht zwar
Ein Gedicht
Aber
Sinnvoll
Ist es
Nicht!

Er hatte die Ausbildung als Volksschullehrer abgeschlossen, jedoch schien schon damals die Sprache als «Arbeitsinstrument» verlockender: Zuhören, Beobachten und Erzählen, das hatte er schon in seiner Familie gelernt. Die Fantasie war dadurch angeregt worden, mit ihr wollte er nun arbeiten. Also setzte er seinen Fuss wieder auf den Kontinent, zuerst nahe Bremen, dann reiste er nach München und lernte den berühmten, eine gute Generation älteren Erich Kästner (1899-1974) kennen. Damit war der wichtigste Schritt zu seinen Erfolgen getan.

«In Demut komm ich, dir zu dienen»,
Sprach Vogel Strauss zum Krokodil.
Das Krokodil mit seinen Zähnen
Sprach: «Schnapp!» Sonst sagte es nicht viel.

In München fand er den Weg zu Radio und Fernsehen. Kästner engagierte sich für ihn, seit Krüss ein Stück des Älteren in eine Hörspielversion umgearbeitet hatte. Auch zu anderen wichtigen Personen knüpfte Krüss gute Kontakte. Seine Kinderbücher »Der Leuchtturm auf den Hummerklippen« (1956), »Mein Urgroßvater und ich« (1959), »Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen« (1962) und andere hatten Erfolg, Krüss erhielt zweimal den Deutschen Kinder- und Jugendbuchpreis.

Spruch für einen, der mit dem Auto verreist.

Ich wünsch Dir keine Autoschlange,
Genug Benzin und Glück dazu.
Fahr nicht zu wild! Fahr nicht zu bange!
Der Lenker deines Glücks bist du.

Krüss schreibt mit leichter Hand, kleine und grosse Lesende regt er zum Schmunzeln an. Was scheinbar in heiterem Ton daherkommt, kann witzig sein, manchmal auch nur ein Spiel mit Worten, hat oft aber einen tieferen Sinn – so wie wir es von anderen Dichtern kennen: Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz oder eben Erich Kästner und schliesslich Loriot, der allerdings zumeist andere soziale Schichten aufs Korn nimmt.

James Krüss 1963 © Erbengemeinschaft James Krüss

Sprache und Sprachspielereien liebte er, daneben hatte er sich ein grosses Wissen angeeignet, das weit über die Literatur hinausging. Er erfand Rätsel und Balladen für Kinder, die ABC-Gedichte und -Geschichten sind typisch für ihn. Seit seiner Jugend hatte er Kindergedichte anderer Autorinnen und Autoren aus aller Welt gesammelt und stellte sie in verschiedenen Büchern zusammen. Beim Schmökern werden Sie immer wieder bemerken, wie sehr uns Erwachsene (Kinder-)Gedichte berühren – besonders, wenn James Krüss sie verfasst hat. Daneben verfasste er viele literarische und wissenschaftliche Werke für Erwachsene.

Der Erfolg ist ein Kuckucksei.
Wem der Erfolg ins Nest gelegt wurde, der sollte sich hüten, ihn zu päppeln.
Sonst kommen die eigenen Jungen zu kurz. 
(aus: Vorläufige Lebensgeschichte eines Geschichtenerzählers. Eine autobiographische Skizze.)

1966 beginnt ein neuer Lebensabschnitt: Krüss kauft ein kleines Bauernhaus auf Gran Canaria und lebt von da an – wiederum, zu seiner Freude – auf einer Insel, einer wärmeren als Helgoland. Er muss ein umgänglicher Mensch gewesen sein, denn «Don Jaime», wie ihn die Einheimischen nennen, gehört bald zum Dorf. Und das, obwohl er mit seinem Lebenspartner zusammenlebt. Homosexualität war damals nicht nur verpönt, sondern verboten, in Deutschland wie in Spanien, wo Franco noch regierte.

Wie Krüss in seinen «Autobiografischen Skizzen» schreibt, wollte er 80 Jahre alt werden. Das war ihm nicht vergönnt, er starb am 2. August 1997, im Alter von 71 Jahren.

Zu seinem 100. Geburtstag hat der Reclam Verlag mehrere Bücher herausgegeben. Alle genauen Angaben finden Sie auf der Webseite des Verlags.

Die hier zitierten Zeilen stammen, wenn nicht anders vermerkt, aus:
James Krüss, Wenn die Möpse Schnäpse trinken. Mit einem Nachwort von seinem Neffen Hauke Krüss. Herausgegeben von Ulrike Schuldes. Reclam Verlag 2026. 140 Seiten. ISBN: 978-3-15-020803-8

Ausführliche Informationen zu Leben und Werk von James Krüss.

Der Titel ist ein Zitat aus: «Der Zauberer Korinthe und andere Gedichte.»
Titelbild: James Krüss © Conrad Piepenburg (Foto ohne Datum)

Eine Empfehlung:
James Krüss: Der wohltemperierte Leierkasten. Gedichte für Kinder, Eltern und andere Leute. Eine humorvolle Gedichtsammlung zur Auseinandersetzung mit der Melodie des Lebens. Mit einem Nachwort von Erich Kästner. Reclam Verlag 2026. 256 Seiten – Diverse schwarz-weiß Abbildungen von Eberhard Binder. ISBN: 978-3-15-014737-5

 

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