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Weimar – Das Gute und das Böse nahe beieinander

Weimar – diese deutsche Stadt in Thüringen mit einer rühmlichen und einer weniger rühmlichen Vergangenheit ist für kulturell und historisch interessierte Menschen ein «Muss».

«Bitte versuchen Sie ein guter Mensch zu bleiben»: Die Worte der Reisebegleiterin an die Gruppe von gut einem Dutzend Besucherinnen und Besuchern stimmten nachdenklich. Allen war aber klar, was sie damit anspricht.

Wir befinden uns in der thüringischen Stadt Weimar, genauer gesagt ein paar Kilometer entfernt auf einer Anhöhe. In Sichtweite zur Stadt wurde hier vor knapp 100 Jahren ein Schandmal errichtet, von dem später noch die Rede sein wird.

Aber beginnen wir doch mit dem Positiven. Weimar gilt als die Wiege der ersten Demokratie in Deutschland. Hier, in diesem kleinen Ort in ehemaligem DDR-Gebiet, rund zwei Bahnstunden von Berlin entfernt, tagte im Jahre 1919 die deutsche Nationalversammlung. Die Weimarer Republik, Merkmal einer schnell vorübergehenden relativen Ruhephase zwischen zwei Weltkriegen, war geboren: Das Frauenrecht, die Garantie von Grundrechten, die Trennung von Kirche und Staat, aber ebenso später Putschversuche, Massenarbeitslosigkeit und Attentate prägten diese Zeit. In einem Museum werden all diese Ereignisse für die Nachwelt festgehalten, dem «Haus der Weimarer Republik».

Ein weiteres Highlight dieser Stadt – unter vielen anderen – ist das Bauhaus. Weimar gilt als die Gründungsstätte des Staatlichen Bauhauses, der «modernsten Kunstschule der Welt im 20. Jahrhundert». Hier gründete der Architekt Walter Gropius die legendäre Bauhaus-Universität, welche als einflussreichste Design- und Architekturschule dieser Zeit gilt.

Tourismusmagnet Goethe

Aber in allererster Linie ist Weimar die Stadt der grossen Namen Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller. Jährlich rund zwei Millionen Menschen aus Nah und Fern zieht es laut Angaben der Tourismusbehörde vor allem aus diesem Grund nach Weimar. Sie wollen die herrschaftlichen Wohnhäuser der beiden Dichterfürsten besuchen.

Stärkster Tourismusmagnet ist Goethes Zuhause. Er lebte ein halbes Jahrhundert bis zu seinem Tod anno 1832 in diesem barocken Bau. Man kann einen Blick auf das Arbeitszimmer werfen (hier entstand der «Faust» und «die Wahlverwandtschaften»), die Bibliothek mit nahezu 6000 Bänden oder das sogenannte Majolika Zimmer besichtigen, das nach dem Tod seiner Frau Christiane Vulpius zu einem Ausstellungsraum mit einer Sammlung italienischer Keramik umfunktioniert wurde. Das Ehepaar wohnte übrigens längere Zeit in einer «wilden Ehe» zusammen, was in der damaligen Weimarer Gesellschaft für viel Aufsehen und Kritik sorgte.

Über drei Jahrzehnte mutierte das Goethehaus zum geistigen Mittelpunkt Deutschlands; Gelehrte, Schriftsteller, Maler, Politiker, aber auch Philosophen, Schauspieler und Musiker aus ganz Europa pilgerten hierher, um den «Olympier» kennenzulernen, als der Goethe in die Annalen einging.

Friedrich Schiller und Tell

Kommen wir zur zweiten bekannten Figur: Friedrich Schiller. Als im 18. Jahrhundert die Stadtbefestigung in Weimar abgetragen wurde, entstand auf der neu gewonnenen Fläche die Esplanade. Das war ein Weg, auf dem die «feine Gesellschaft» flanierte. Aus der Esplanade wurde später die Schillerstrasse. Schillers Wohnhaus ist das einzige Gebäude, das original aus der Entstehungszeit dieser Strasse erhalten geblieben ist.

«Schweizer-Zimmer» im Schillerhaus mit Spezialkarten aus der Schweiz

Von den vielen grosszügig konzipierten Zimmern sticht aus Schweizer Sicht vor allem eines ins Auge: Schiller stellte sich bekanntlich die Aufgabe, den Wilhelm Tell zu schreiben. Das sieht man einem Zimmer an. Der Dichter beklebte in diesem Raum alle Wände mit zahlreichen Spezialkarten aus der Schweiz.

Schiller Wohn- und Arbeitsbereich lag im Mansardengeschoss, wo er auch starb. Durch seine schwere Krankheit war er besonders die letzten Jahre sehr geschwächt. Deshalb liess er sich sein Bett in diesen Raum stellen, nur wenige Schritte vom Schreibtisch entfernt.

Ernst das Leben, heiter die Kunst

«Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst», hiess ein passendes, geflügeltes Wort von Friedrich Schiller. Zusammen mit seiner Familie war ihm bloss drei Jahre vergönnt, in diesem Haus in Weimar zu wohnen, das nur einen Steinwurf von demjenigen von Goethe entfernt liegt. Mit ein bisschen Übung hätten sich die beiden Freunde die geschriebenen Briefe in die Fenster werfen können… Hinter dem Schillerhaus befindet sich heute das Schillermuseum, das für zahlreiche Sonderausstellungen genützt wird. Das Haus wurde massstabgerecht in eine Baulücke gesetzt, die im 2. Weltkrieg durch Bomben entstanden war.

Haus der Weimarer Republik – was zwischen den beiden Weltkriegen passierte

Die beiden Dichterfürsten Goethe und Schiller haben Weimar in der Welt bekannt gemacht. Das klassische Weimar ist zudem als UNESCO-Weltkulturerbe geschützt. Durch die kurze Distanz zwischen den einzelnen Wirkungsstätten, den vielen Museum und Sehenswürdigkeiten lässt sich in Weimar die Geschichte zu Fuss besonders intensiv erleben.

Die negative Seite

Aber auch das ist Weimar: Nur wenige Kilometer entfernt von dieser Kulturstadt mit ihrem vielseitigen Angebot befand sich einst das Böse. Vier Jahre nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde auf einer Anhöhe (Ettersberg) das Konzentrationslager Buchenwald errichtet, eines der grössten im SS-Staat. Wenige Tage vor der Befreiung seien noch Tausende von Menschen von dort aus auf sogenannte Todesmärsche geschickt worden, wird uns erzählt. Vor allem wegen der Rüstungsbetriebe auf dem Ettersberg und in der Stadt (selbst das Deutsche Nationaltheater wurde 1944 in eine Rüstungswerkstatt umfunktioniert) war Weimar ein wichtiges Ziel der Alliierten und geriet am 9. Februar 1945 in einen schweren Luftangriff. Heute ist das weitläufige Buchenwald eine Gedenkstätte, die an die Verbrechen der Nazi-Zeit erinnern soll. Selbst Verbrennungsöfen sind noch da.

«Jedem das Seine»

«Jedem das Seine» heisst die makabre Inschrift am Lagertor. Der Satz, der in der römischen Rechtstradition ursprünglich auf Gerechtigkeit abzielte, wurde hier in sein Gegenteil verkehrt. Der Slogan ist nach Innen zum Appellplatz eingelassen. Den Häftlingen von Buchenwald sollte damit jeden Tag vor Augen geführt werden, dass sie nicht zur Volksgemeinschaft gehören sondern zu «Gemeinschaftsfremden».

Gedenkstätte Buchenwald – makabre Inschrift am Tor «Jedem das Seine»

Nirgendwo sonst in Deutschland liegen Kultur und Barbarei, Humanität und Grauen so eng nebeneinander wie in Weimar. Der Aufruf der Reiseleiterin vor Ort «bitte versuchen Sie ein guter Mensch zu bleiben», war aber nicht nur als Mahn- sondern auch als Weckruf in der heutigen Zeit gedacht.

Titelbild: Hier arbeitete Goethe. Fotos: Markus Sutter

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1 Kommentar

  1. Wertvoll, weil bestens verständlich. Animierend, weil Details präzise beschrieben sind. Kurz: Einladend, die Stadt zu besuchen.

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