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Zu Besuch bei den Toten und ihren Geschichten

Ein Spaziergang über den Münchner Waldfriedhof führt durch die Geschichte der Stadt – vorbei an Architekten, Literaten, Denkern und einigen der bekanntesten Namen Bayerns. Zwischen alten Bäumen und stillen Wegen liegen Geschichten, die weit über den Tod hinausreichen.

Wer den Münchner Waldfriedhof betritt, lässt den Lärm und die Hitze der Stadt hinter sich. Millionen von Blättern und Nadeln spenden willkommenen Schatten. Die Wege verlieren sich zwischen hohen Bäumen, das Licht fällt gedämpft durch die Kronen. Es ist ein kühler Ort der Ruhe – und zugleich ein Stück Münchner Kulturgeschichte. Denn unter den Gräbern finden sich zahlreiche Namen, die bis heute bekannt sind.

Im Waldfriedhof gibt es rund 64’500 Grabstätten. Das Friedhofsgelände umfasst eine Fläche von 161’32 Hektaren. Der passendste Auftakt für einen Spaziergang zur «bayrischen Kultur-Prominenz» liegt gleich am Anfang: das Grab von Hans Grässel.
Das Ehrengrab von Hans Grässel (links)

Der Architekt und langjährige Münchner Stadtbaurat war derjenige, der den Waldfriedhof entwarf. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte er ein völlig neues Konzept: keinen streng geometrischen Friedhof mit langen Grabreihen, sondern einen Ort, der sich harmonisch in die Landschaft einfügt. Wald, Wege und Gräber sollten miteinander verschmelzen.

Grässel liegt in einem Ehrengrab. Wer vor seiner Grabstelle steht, blickt damit gewissermassen auf den Schöpfer des Ortes, an dem man gerade unterwegs ist.

Wo die Familie Mann ruht

Weiter geht es zur Familie Mann. An der Stelle des 1971 aufgehobenen Grabes hängt eine schlichte Gedenktafel an der Friedhofmauer. Unter den Namen Julia Sen., Carla, Viktor und Nelly Mann wird die Verbindung zu einer der bedeutendsten deutschen Schriftstellerfamilien sichtbar. Die Familie Mann prägte die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts wie kaum eine andere, und München war für ihre Geschichte ein wichtiger Schauplatz. Julia Sen. war die Mutter von Thomas Mann, Carla und Viktor zwei der vier Geschwister des Schriftstellers und Magdalena (Nelly) die Ehefrau von Viktor Mann, also seine Schwägerin.

Gedenktafel für die Familie Mann.

Vater Thomas Mann ist übrigens nicht auf dem Münchner Waldfriedhof begraben. Er liegt auf dem Kilchberg-Friedhof bei Zürich, wo er 1955 beigesetzt wurde. Sein Grab befindet sich in der Nähe des Grabes seiner Frau Katia Mann.

Pegasus über Frank Wedekind

Zurück nach München. Auf dem Waldfriedhof finden wir ein Grab, das schon durch seine Gestaltung auffällt. Frank Wedekind, Dramatiker und Schriftsteller, liegt hier unter einem bronzenen Pegasus. Wedekind wurde vor allem durch seine provokanten Bühnenstücke bekannt. «Frühlings Erwachen» und «Lulu» machten ihn zu einem der wichtigsten und zugleich umstrittensten Dramatiker seiner Zeit. Seine Werke handeln von Sexualität, gesellschaftlichen Zwängen und der Kollision zwischen individueller Freiheit und bürgerlicher Moral.

Frank Wedekinds letzte Ruhestätte.

Der Pegasus über seinem Grab wirkt fast wie ein Symbol für den Künstler selbst: ein Wesen zwischen Wirklichkeit und Fantasie, auffällig und ungewöhnlich – und damit passend zu einem Schriftsteller, der sich zeitlebens nicht mit Konventionen zufrieden gab.

Nobelpreis zwischen den Bäumen

Die literarische Prominenz des Waldfriedhofs setzt sich bei Paul Heyse fort. Der Schriftsteller erhielt 1910 den Nobelpreis für Literatur.

Heyse gehörte zu den erfolgreichsten deutschen Schriftstellern seiner Zeit. Er schrieb Romane, Novellen, Gedichte und Übersetzungen und war eine prägende Figur des Münchner Literaturlebens. Heute ist sein Name vielleicht weniger präsent als der anderer Autoren auf diesem Spaziergang. Gerade deshalb erzählt sein Grab auch davon, wie sich literarischer Ruhm verändern kann.

Erinnerungen an den Nobelpreisträger Paul Heyse.

Nur wenige Schritte entfernt liegt Otto Julius Bierbaum, Schriftsteller, Lyriker und Journalist. Bierbaum bewegte sich zwischen Literatur, Journalismus und Kulturkritik und war ein vielseitiger Vertreter der deutschen Literaturszene um die Jahrhundertwende.

Zwei Gräber, die heute vergleichsweise still wirken – und doch daran erinnern, wie lebendig München einst als Zentrum von Literatur und Kunst war und heute noch ist.

Lena Christ: Ein Leben wie eine Erzählung

Bei Lena Christ wird die Geschichte persönlicher. Die oberbayerische Schriftstellerin wurde vor allem durch autobiografisch geprägte Werke bekannt. In ihren Texten verarbeitete sie Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben und zeichnete ein eindringliches Bild des bäuerlichen und kleinbürgerlichen Lebens in Bayern.
Traditionelles Grab von Lena Christ.

Ihr Werk gibt dem literarischen Spaziergang eine andere Farbe. Während bei Wedekind die Provokation und bei Heyse der grosse literarische Ruhm im Vordergrund stehen, führt Lena Christ näher an das alltägliche Leben heran. Ihre Geschichten erzählen von Menschen, deren Welt von Armut, Arbeit, Familie und gesellschaftlichen Erwartungen geprägt war.

Ein Grab, das nicht mehr existiert

Eine besondere Station ist das Denkmal an Gustav Landauer.
Gedenkstein für den ermordeten Anarchisten Gustav Landauer.

Der Anarchist und Schriftsteller wurde 1919 ermordet. Kremiert fand er bis 1923 seinen Ruheplatz in der Urnenhalle des Münchner Nordfriedhofs. Danach wurde die Urne zum Waldfriedhof in München überführt. Mitglieder der Freien Arbeiter-Union sammelten Spenden und setzten Landauer 1925 einen Obelisken als Grabdenkmal.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 beschloss das Münchner Stadtparlament die Zerstörung der Grabdenkmäler marxistischer Revolutionäre. Diesem Beschluss fiel auch das Denkmal zum Opfer. Landauers Überreste befinden sich heute im Gemeinschaftsgrab auf dem Jüdischen Friedhof. Auf dem Waldfriedhof steht noch das Denkmal, das an ihn erinnert.

Diese Station unseres Rundgangs zeigt, dass ein Friedhof nicht nur aus erhaltenen Gräbern besteht. Auch verschwundene Grabstellen können Geschichte bewahren. Das Denkmal macht aus dem Ort einen Erinnerungsort. Es erinnert daran, dass Münchens Geschichte nicht nur aus Kunst und Literatur besteht, sondern auch aus politischen Konflikten und gesellschaftlichen Umbrüchen.

Sänger Fritz Wunderlich

Aussergewöhnlich war die Stimme des weltberühmen Tenors Fritz Wunderlich. Aber auch sein Tod war nicht ohne: Auf dem Höhepunkt seiner Karriere sollte der Sänger am 8. Oktober 1966 sein Debüt an der «Metropolitan Opera» in New York geben. Doch kurz vor seinem 36. Geburtstag stürzte er (durch nicht gebundene Schuhe verursacht) auf einer Treppe im Haus eines Freundes. Er zog sich dabei einen Schädelbruch zu, an dem er am darauffolgenden Tag in einer Klinik in Heidelberg starb und später auf dem Waldfriedhof in München bestattet wurde. Dort ist er vereint mit seiner Ehefrau Eva Wunderlich, die ihn um 50 (!) Jahre überlebte.
Der Grabstein von Tenor Fritz Wunderlich und seiner Ehefrau Eva wird allmählich von Efeu überwachsen.

Am Ende wartet Michael Ende

Weiter geht der Spaziergang zu einem Namen, der auch vielen jüngeren Besuchenden vertraut sein dürfte: Michael Ende.

Das Grab von Michael Ende ist mit einem grossen Buch in Bronze geschmückt, aus dem Märchenfiguren seiner Werke reliefartig hervortreten. Ebenfalls als Bücher gestaltet sind zwei Sitzhocker davor und ein kleiner Tempel.

Der Schriftsteller wurde mit Büchern wie «Momo» und «Die unendliche Geschichte» weltberühmt. Seine Werke handeln von Zeit, Fantasie, Gier, Freundschaft und der Kraft des Erzählens. Millionen von Lesenden sind mit seinen Figuren aufgewachsen. Auch Endes Grabmal fällt aus dem Rahmen. Es ist ungewöhnlich gestaltet und wirkt wie ein Gegenstand aus einer seiner fantastischen Geschichten. Frisch bestattet ist an dem Ort auch Endes Ehefrau und mit ihnen die Erinnerungen an Momo.

Ein Friedhof als Geschichtsbuch

Wer den Waldfriedhof nur als Ort der Trauer betrachtet, übersieht einen grossen Teil seiner Bedeutung. Zwischen den Bäumen liegen Menschen aus ganz unterschiedlichen Epochen und Lebenswelten. Sie begegnen sich hier nicht im Leben, aber in der Erinnerung. Vielleicht ist gerade das die Besonderheit des Waldfriedhofs: Man kommt wegen der Toten und geht mit Geschichten über die Lebenden wieder nach Hause.

Das gilt auch für meinen letzten Zwischenhalt: Michi, ein Gartenfreund, bat mich, im Mausoleum der Zirkusfamilie Krone vorbeizuschauen und ihm davon ein Foto zu schicken. Nichts leichter als das.

Ein Elefant aus Marmor verschönert das Grabmal der Familie Krone.

Christel Sembach-Krone liegt hier bestattet. Sie  war die Tochter von Carl Sembach und Frieda Sembach-Krone. Sie leitete nach dem Tod ihrer Mutter den Circus Krone. Krone ist der einzige europäische Zirkus, der über einen festen, bespielbaren Winterbau verfügt: den Kronebau in München mit rund 3000 Sitzplätzen.

Ab 2014 konnte Christel Sembach-Krone wegen eines Hüftleidens nicht mehr selbst auftreten. Die Mitarbeitenden bauten ihrer Chefin einen Golfwagen um, so dass sie in ihrem Zirkus umherfahren konnte. Dieser war auch für den Strassenverkehr zugelassen. Christel Sembach-Krone blieb unverheiratet und kinderlos. Sie adoptierte die Schweizer Tierlehrerin Jana Mandana Lacey-Krone. Christel Sembach-Krone starb 2017, wie ihre Mutter, im Alter von 80 Jahren.

Titelbild: Einheitliches Grabfeld von verstorbenen Pastoren auf dem Münchner Waldfriedhof: Alle Fotos PS (2026).

LINK

Waldfriedhof München

 

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1 Kommentar

  1. Zum Artikel über den Münchner Friedhof :
    Der Friedhof in Kilchberg beherbergt auch den Sohn von Thomas Mann, Golo Mann. Dieser wünschte sein Grab dereinst nicht in der Nähe des Vaters und fand in einer Reihe weiter weg seine Ruhe . Inzwischen wurden die Gräber um ihn herum aufgehoben und der Grabstein von Golo ragt ganz allein heraus aus einer grünen Wiese. Sogar Gottfried Keller ruht näher an den Manns.

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