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Christliche Entwicklungszusammenarbeit

Viele westliche Staaten kürzen zurzeit ihre Budgets für die Entwicklungs-zusammenarbeit (EZA) und investieren horrende Summen in die militärische Aufrüstung. Können private, beispielsweise christliche Entwicklungs-organisationen einspringen, um Hunger und Not in der Welt und deren Ursachen zu bekämpfen?

Letzthin traf ich im Kapuzinerkloster Rapperswil zufälligerweise Pirmin Spiegel, der von 2012 bis 2024 Geschäftsführer von Misereor war. Misereor ist das weltweit grösste kirchliche Werk der EZA. Das Werk entstand Ende der 1950er Jahre. Katholische Verbände, Bistümer und die Bischofskonferenz riefen zum Einsatz für Menschenwürde auf. 2025 betrug der Umsatz von Misereor 233,7 Mio Euro und das Werk beschäftigte 386 Personen.

Zwecke von Misereor sind in der Satzung (Statuten des Vereins von 1960) festgehalten:

«Der Verein will damit (d.h. durch EZA) vor allem dazu beitragen, Not und Elend, wie sie sich vorwiegend in Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas in Form von Hunger, Krankheit, Armut und anderen Formen menschlichen Leidens zeigen, zu lindern, damit den betroffenen Menschen zu einem Leben in Würde zu verhelfen und dadurch Gerechtigkeit, Freiheit, Versöhnung und Frieden in der Welt zu fördern. Die Hilfe soll Hilfe zur Selbsthilfe sein und eine dauerhafte Verbesserung der Lebensverhältnisse ermöglichen. Sie soll grundsätzlich allen Menschen zugutekommen, die Not leiden und die das Werk erreichen kann, ungeachtet von Rasse, Geschlecht, Religion und Nation.»

Bauer Sudhakar Pokale zwischen seinem Feld mit Gurken und Okra (rechts) und einer Baumwoll-Monokultur (links), Antharwan Pimpri, Beed, Bundesstaat Maharashtra, Indien (Foto © Florian Kopp/misereor)

Weitere Zwecke des Vereins: «Außerdem dient der Verein der Förderung weiterer gemeinnütziger, mildtätiger und kirchlicher Zwecke, unter anderem der Förderung der Erziehung, Volks- und Berufsbildung, des Natur- und Umweltschutzes, einschließlich des Klimaschutzes, des Küstenschutzes und des Hochwasserschutzes, des öffentlichen Gesundheitswesens und der öffentlichen Gesundheitspflege, insbesondere die Verhütung und Bekämpfung von übertragbaren Krankheiten und von Tierseuchen, der Jugend- und Altenhilfe, der internationalen Gesinnung, der Toleranz auf allen Gebieten der Kultur und des Völkerverständigungsgedankens und der Hilfe für Flüchtlinge und politisch, rassisch und religiös Verfolgten und Vertriebenen, der Unterstützung hilfsbedürftiger Personen sowie der Förderung der Katholischen Kirche, vor allem in ihrem religiösen Bemühen um Erneuerung der Fastenbewegung als Ausdruck solidarischer Nächstenliebe.»

Schule in Burkina Faso (Foto © Klaus Mellenthin/Misereor)

Das sind edle Ziele und Absichten (… formuliert in der Sprache der 60er Jahre …), denen sich selbstverständlich auch die westlichen Staaten intensiv widmen sollten. Aber im Jahr 2025 sind die Investitionen und Ausgaben für Entwicklungshilfe durch die OECD-DAC Staaten um gut 22% gesunken und betrugen noch 174,3 Milliarden US-Dollar. Demgegenüber beliefen sich die Militärausgaben weltweit im Jahre 2025 gemäss dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI auf 2,9 Billionen US-Dollar, also knapp 2,5 Billionen Euro oder 2500 Milliarden oder 2 500 000 Millionen Euro. Gut 50% der weltweiten Militärausgaben verschleuderten die USA, China und Russland… und welches Elend damit angerichtet und welche Verbrechen begangen werden, sehen wir täglich in den Nachrichten.

Seniorweb konfrontierte den ehemaligen Geschäftsführer von Misereor, Pirmin Spiegel, mit gängigen Vorurteilen gegen die christliche EZA:

Seniorweb: Erstes Vorurteil: In der christlichen EZA werden humanitäre Hilfe und Mission vermischt.

Pirmin Spiegel: Misereor setzt auf einen anderen Blickwinkel. Bei der Gründung des (Porträt von Pirmin Spiegel seitlich eingefügt) Werkes 1958 hat die «Mission» im engeren Sinn keine Rolle gespielt. Die Idee von Misereor hat drei Säulen:

  1. Überwindung der weltweiten Armut und des Hungers durch partnerschaftliche Zusammenarbeit;
  2. Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, um Emanzipationsprozesse in Gang zu setzen und um Menschen für diese Idee zu gewinnen;
  3. Bekämpfung struktureller Ursachen der Armut durch politische Einflussnahme – «den Mächtigen ins Gewissen reden».

Das sind nicht pastorale oder missionarische Intentionen.

Auf Augenhöhe mit den Menschen. Pirmin Spiegel auf Projektbesuch in den Philippinen. (Foto © Elmar Noe/Misereor)

Zweites Vorurteil: Die lokalen Bedürfnisse und Strukturen werden zu wenig ernst genommen wegen neokolonialer, westlicher Bevormundung und Verblendung.

Mir scheint, dass in dieser Hinsicht Misereor eine lernende Institution ist. Wir haben seit 20 Jahren die Frage der Dekolonialisierung auf unserer Agenda. Es gilt, Machtasymmetrien abzubauen und Dialoge und Verstehen zu fördern. Von den knapp 400 Mitarbeitenden bei Misereor (Die Zahl schwankt von Jahr zu Jahr) arbeiten Menschen aus 17 Ländern. Uns war klar, dass wir nicht ökonomische und ökosoziale Fragen angehen können, ohne kulturelle Identitäten der Menschen vor und deren (Abhängigkeits-)Geschichten zu verstehen. Die koloniale Deutung der Welt birgt die Gefahr, wenn man meint, nur die Sicht aus dem Westen sei die einzig wahre. Die Unabhängigkeitserklärungen ehemals kolonialisierter Länder und Völker haben weder den Keim beseitigt, der das Fortbestehen früherer Denkweisen ermöglicht, noch die Gefahr politischer, kultureller und religiöser Rekolonialisierung.

Eriberto Gualinga (44) liest in der Hängematte seinen Kindern und Nachbarskindern vor. (Foto © Kathrin Harms/Misereor)

Wie gingen Sie bei der Entwicklung eines lokalen Projektes vor?

Wenn von einem lokalen Projektpartner ein Antrag kommt (Misereor arbeitet in etwa 85 Ländern auf diesem Planeten), wird er von jeweils zuständigen Experten von Misereor diskutiert.  Misereor steht mit den Partnerorganisationen in Dialog und offene Fragen werden unter partizipativer Berücksichtigung lokaler Perspektiven geklärt. Bis es zu einem Projektabschluss kommt, kann es Wochen und Monate dauern. Dann sind auch präzise Ziele und Indikatoren formuliert, mit denen wir mit den Partnern den Prozess eines Projektes oder einer Projektphase überprüfen können. Spätestens nach neun Jahren wird jedes Projekt evaluiert unter Einbeziehung der lokalen Projektpartner. Ich erinnere mich, dass zu Beginn meiner Arbeit von Projektpartnern der Verdacht der Kontrolle aufkam. In der Zwischenzeit wollen über 90% der Projektpartner Evaluationen der Projekte, insbesondere um Asymmetrien, Hindernisse und Probleme bei der Zielerreichung auf beiden Seiten aufzudecken. Ich denke, wir sind nicht ganz frei von kolonialen Attitüden, aber wir versuchen durch den Dialog mit den lokalen Partnern diese Attitüden zu korrigieren, zu vermeiden und zu lernen.

Interessant dazu die Haltung der ehemaligen Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Svenja Schulze. Sie wehrte sich gegen die Absicht, das Entwicklungsministerium dem Aussenministerium anzugliedern. Ihr Argument: Das Aussenministerium vertrete die Interessen Deutschlands, das Entwicklungsministerium sei dafür zuständig, die Vulnerabilität des globalen Südens an den Kabinettstisch zu bringen, zuzuhören und zu lernen.

Aussaat von Erdnuss-Samen auf einem Feld in Barhanpur, Indien. (Foto © Florian Kopp/Misereor)

Drittes Vorurteil: Statt einer echten Partnerschaft gibt es aufgrund der finanziellen Abhängigkeit Machtasymmetrien.

Es gibt Machtasymmetrien. Finanzgeber sind stets in der Gefahr, durch Geld Macht und Einfluss auszuüben und Wege zu bestimmen. Wie können wir es systemisch hinkriegen, um diese Herausforderung oder Falle möglichst gering zu halten? Wir sehen heute, wie insbesondere ökonomische und militärische Macht ihr Unwesen treiben und Verlierer und scheinbare Gewinner produziert. Bei Misereor versuchen wir, wie ich oben schon gesagt habe, Machtasymmetrien durch finanzielle Abhängigkeit durch einen permanenten kritisch-konstruktiven Dialog in den Projekten zu begegnen.

Viertes Vorurteil: Das katholische Hilfswerk Misereor orientiert sich an katholischen Werten.

Die Prinzipien der Soziallehre der Kirche gründen in der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Die gleiche Würde aller Menschen, der hohe Wert der Menschenrechte, das Prinzip des Gemeinwohls und der allgemeinen Bestimmung der Güter, das Subsidiaritäts- und Solidaritätsprinzip und das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit – sind diese Prinzipien der Soziallehre der Kirche nicht universal gültig? Sind das Einhalten der planetaren Grenzen und die Ermöglichung eines guten Lebens für alle jetzt und in Zukunft nicht universelle Ziele?

Fünftes Vorurteil: Auch christliche Entwicklungsprojekte sind nicht frei von sexuellem Missbrauch. Wie war/ist das bei Misereor?

Misereor hatte schon vor 2012, als die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Deutschland publik wurden, ein Präventionskonzept im Sinne. Wir beauftragten früh eine unabhängige Agentur, die Akten und Kommunikationen auf Leitungsebenen zu untersuchen, ob Anhaltspunkte für strukturellen oder persönlichen Missbrauch vorliegen.  Misereor hat eine Safeguarding-Gruppe zum Schutz vulnerabler Gruppen aufgebaut und eine Hotline eingerichtet, wo Menschen, die sich bedroht oder bedrängt wissen, anrufen oder im Falle von sexuellem Missbrauch Anklage erheben können.

Missbrauch und sexualisierte Gewalt würden eine Organisation wie Misereor im Kern treffen, weil wir auf der Seite vulnerabler Gruppen stehen. Sollten Fälle sexuellen Missbrauch bei Misereor auftreten, würde uns das ins Mark treffen. Für Misereor ist wichtig, dass Fälle sexuellen Missbrauch in der Kirche nicht von der Kirche selbst, sondern extern untersucht und nach der staatlichen Gesetzgebung geahndet werden.

Lucy und Neema im Resche Dada Center für Mädchen, die als Strassenkinder in Nairobis Slums gelebt haben (Foto © Kathrin Harms/Misereor)

Jetzt noch eine ganz andere Frage: Was machen Sie nach der Pensionierung?

Nach jetzigem Stand werde ich 2027, mit 70, offiziell in Pension gehen. Nach dem Ende der Leitungsarbeit bei und mit Misereor war es für mich nicht einfach, ohne all die Möglichkeiten und Informationen in der Geschäftsstelle unterwegs zu sein. Meine Arbeit dort erlebte ich als sinnstiftend, lebensprägend, spannend; ich lernte viel und bin sehr dankbar.

Jetzt engagiere ich mich in der Diözese Speyer und bin in den Bereichen Nachhaltigkeit und Globalem Lernen unterwegs. Beispielsweise sind wir mit politischen Gemeinden in unserer Diözese im Gespräch, die sich an den 17 Zielen der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung orientieren. Gerade weil die Agenda 2030 wegen unterschiedlicher Krisen etwas in den Hintergrund getreten ist, hat mich der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, letzthin schmunzelnd ermuntert: Pirmin, bleibe «Nachhaltigkeitstransformationsoptimist».

Im Moment werden in vielen westlichen Staaten Budgets für EZA zusammengestrichen. Wie kann Elend und Hunger im globalen Süden nachhaltig und erfolgreich überwunden werden?

Wenn ich es richtig sehe, haben wir im Moment vier grosse Krisen:  Klimakrise, Wertsystem- und Demokratiekrise, KI-Revolution und die internationale Governance-Krise. Ich glaube, dass alle diese Krisen miteinander zusammenhängen. Solidarität fehlt, die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander. Der Erderschöpfungstag war mal Ende Dezember, jetzt ist er in der Mitte des Jahres.

Aber unsere Chancen sind noch nicht vorbei, ich bin hoffnungsvoll. Wir haben Wissen, wir haben Weisheit. Vor wenigen Wochen sagte mir ein Kazike («Häuptling») in der Amazonasregion: «Der Planet liegt im Krankenhaus und wir kennen die Mittel, ihn zu heilen. Lasst uns teilnehmen an diesen Heilungsprozessen.»

Herzlichen Dank für das Gespräch, Pirmin Spiegel!

Pirmin Spiegel (Foto © Klaus Mellenthin/Misereor)

Kurzbiographie: Pirmin Spiegel war 2012 bis 2024 Hauptgeschäftsführer von Misereor, dem Werk für Entwicklungszusammenarbeit der katholischen Kirche. Er wurde 1986 zum Priester geweiht, lebte und arbeitete 15 Jahre als Missionar in Brasilien. Seit Januar 2025 arbeitet er in seiner Heimatdiözese Speyer im Bereich „Innovation und Transformation“ mit dem Schwerpunkt „Globales Lernen und Nachhaltigkeit.“  Seine Wurzeln hat er in einem landwirtschaftlichen Betrieb in der Pfalz.

Zum Titelbild: Der Bauer Segundo Alejandro Guerrero Mondragon (64) produziert auf seiner Parzelle hochwertigen Kaffee in Peru. (Foto © Florian Kopp/misereor)

 

 

 

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