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Arbeiten und Schweigen über erlittenes Unrecht

Bühnen Bern hat seine neue Spielsaison mit einem beklemmenden Stück des Schweizer Autors Alexander Stutz eröffnet. „Spind’l… Sp’ich’r – Still’“ erinnert an die Zwangsarbeit von Toggenburger Mädchen in einer lokalen Spinnerei im Rahmen des Fürsorgerischen Freiheitsentzugs.

Das dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte wurde erst vor wenigen Jahren durch die Zeitschrift «Beobachter» historisch aufgearbeitet und einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht: Zwischen 1941 und 1968 waren in der Schweiz Tausende von jungen Menschen zur Arbeit in Fabriken und auf Bauernhöfen gezwungen worden. Begründung: Die Jugendlichen seien sozial gefährdet, gesellschaftlich auffällig, unmoralisch, ungehorsam oder faul, fanden die Behörden. Zudem drohe das Risiko, dass die ledigen Mädchen durch ungeplante Schwangerschaften dem Staat zur Last fielen.

Die Zwangsarbeit wurde auch als Teil einer strengen Erziehung verstanden.

Oft waren  kinderreiche Familien überfordert. An der Grenze zur Armut sahen die Eltern keine andere Möglichkeit, als Kinder und Jugendliche wegzugeben, so schwer es ihnen auch fiel. Diese wurden dann von den Fürsorgebehörden, oft unterstützt durch Vertreter der Kirche, in Heimen platziert und in Fabriken oder auf Landwirtschaftsbetrieben als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Profitieren konnten davon einzig Unternehmer. Die von ihren Familien getrennten Jungen trugen oft einen lebenslangen Schaden davon.

Fokus auf das Toggenburg

Der junge Schweizer Autor und Theatermacher Alexander Stutz hat recherchiert, Zeugen befragt und seine Erkenntnisse dokumentiert. Entstanden sind 2000 Seiten Notizen, die er kürzte und zu einem Theaterstück verarbeitete. „Spind’l… Sp’ich’r – Still’“ wurde im Frühling 2026 in Lichtensteig im Toggenburg uraufgeführt. Das Stück spielt in einer Spinnerei in Dietfurt, die 1941 vom Industriellen Emil Bührle gekauft worden war. Verbunden mit dem Betrieb war das Marienheim, in dem die zwischen 16- und 20-jährigen Mädchen wohnten. Sie mussten in der nahen Fabrik arbeiten und wurden von Ingebohl-Schwestern betreut. Nun haben Bühnen Bern das Thema aufgegriffen. Die Inszenierung von Amelie von Godin geht unter die Haut.

Das Marienheim in Dietfurt, in dem junge Frauen unter fürsorgerischen Vorwänden untergebracht wurden. Diese mussten in der benachbarten Spinnerei arbeiten. Bild Alfred Alfred Lichtensteiger / Museumsgesellschaft Bütschwil.

Der Fürsorgerische Freiheitsentzug hatte System, war kein Zufall. Für viele Mädchen und junge Frauen bedeutete das Leben im Marienheim nicht nur Unterkunft und Betreuung, sondern auch einen starken Verlust an persönlicher Freiheit. Der Alltag im Heim war streng reglementiert. Die Bewohnerinnen hatten sich an feste Tagesabläufe und strenge Vorschriften zu halten. Ihre Bewegungsfreiheit war eingeschränkt, Kontakte zur Aussenwelt wurden kontrolliert werden und Entscheidungen über ihr Leben meist von Heimleitungen oder Behörden getroffen. Die Mädchen hatten nur wenig Möglichkeiten, selbst über ihren Aufenthalt, ihre Arbeit oder ihre Zukunft zu bestimmen.

Harte Arbeit, wenig Freizeit

Ein wichtiger Bestandteil des Heimalltags war die Arbeit. Mädchen aus dem Marienheim mussten unter teilweise belastenden Bedingungen in Bührles Spinnerei arbeiten. Die Arbeit diente nicht nur dazu, den Tagesablauf zu strukturieren, sondern wurde auch als Teil der Erziehung verstanden. Pünktlichkeit, Gehorsam und Disziplin standen im Mittelpunkt. Die Mädchen hatten sich den Anweisungen der Vorgesetzten unterzuordnen.

Für die Betroffenen bedeutete diese Situation einen erheblichen Eingriff in ihre Selbstbestimmung. Sie konnten nicht frei entscheiden, wo sie leben und welchen Beruf sie ausüben wollten. Auch die Verbindung zu Familie und Freunden konnte eingeschränkt sein. Dadurch entstand ein Alltag, in dem die Mädchen wenig Kontrolle über ihr eigenes Leben hatten. Umso grösser war die Solidarität untereinander.

Kollektiver Aufschrei, der im Heim und in den Fabrikhallen ungehört verhallt.

Die Zustände in Heim und Fabrik waren schon damals, nicht nur aus heutiger Sicht menschenverachtend. Das Stück zeigt auf bedrückende Weise, dass die Mädchen unter Hunger litten, bei ihrer Arbeit tödlichen Gefahren ausgesetzt waren und Heimweh hatten. «Alles legal, alles sauber, alles Schweiz» beklagen sich die vier Protagonistinnen. Die jungen Frauen werden von Lou Haltinner, June Ellys Mach, Judith Steinbrecher und Franka Kohlmey gespielt. Die Ausstattung stammt von Kristin Buddenberg.

Phasenweise drücken sich die vier Protagonistinnen einstimmig als Sprechchor aus. Sie machen damit deutlich, dass nicht nur einzelne, sondern alle von den Zwangsmassnahmen betroffen waren. Die vom rhythmischen Maschinengeräuschen verstärkten Gesänge klingen wie ein kollektiver Aufschrei. «Ich bin ein Archiv aus Fleisch», hört man an einer Stelle. Tanz ist ein wichtiges Element der Inszenierung. Die jungen Frauen bleiben – trotz des Freiheitsentzugs – in Bewegung.

Angst vor den Aufsehern und Werkmeistern prägte den Alltag der Mädchen.

Wenn sich die Mädchen in vier schwarze Vertreterinnen der Fürsorgebehörde verwandeln, werden die ganze Härte des Regimes, der Befehlston und die erzwungene Disziplin spürbar. Erzählt wird auch das Schicksal eines Werkmeisters, der den Arbeiterinnen ab und zu Privilegien gewährte. Er wurde aus dem Dienst entfernt. Doch es gibt auch berührende Szenen. Wenn sich die Mädchen in ihrer spärlichen Freiheit über ihre Familienverhältnisse austauschen. Oder wenn sich drei von ihnen von ihrer Freundin verabschieden, die sich zur Flucht aus dem Heim entschlossen hat.

Die Vertreterinnen der Fürsorgebehörden fordern Disziplin und Gehorsam.

Zur Bedeutung des Titels

Schweizerdeutsch darf in einem Schweizer Theater nicht fehlen. Ausdrücke wie «Röschti», «Schoggichueche» oder «Ämtli» tauchen mehrfach in der gut einstündigen Inszenierung auf. Damit ist das Erinnerungsstück unübehörbar in der Schweizer Geschichte verortet. Schweizerdeutsch ist auch der Titel: Die poetische Wortfolge setzt sich zusammen aus:

– Spind’l = Spindel, also ein Gerät bzw. Symbol des Spinnens und der Textilindustrie.
– Sp’ich’r = Speicher, ein Ort, an dem etwas aufbewahrt wird – hier im übertragenen Sinn ein Speicher der Erinnerungen.
– Still’ = Stille bzw. still. Das dritte Wort verweist auf das Verstummen, Verschweigen und Vergessen.

Ohmacht: Angesichts der unmenschlichen Zustände kommen die Bewohnerinnen an ihre Grenzen.

Jahrelang hat man die Schicksale der Verdingkinder und der fürsorgerisch Versorgten negiert. Wie konnte unsere Gesellschaft so lange schweigen? Das Stück bei Bühnen Bern rüttelt auf und erinnert an zu lang verschwiegene Missstände in der reichen Schweiz.

Titelbild: Gemeinsame Stunden an der Feuerstelle: Das Leben im Heim stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl der jungen Frauen. Fotos: Yoshiko Kusano.

Nächste Vorstellungen: 19. und 30. September, 7. und 14. Oktober, jeweils 19.30 Uhr. Sonntag 8. November um 18 Uhr in Vidmar 2.

LINKS

Bühnen Bern

Alexander Stutz

Zur Ausstellung «Vom Glück vergessen» im Bernischen Historischen Museum:

«Vom Glück vergessen»

 

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