Mit der Wanderausstellung «Vom Glück vergessen- Fürsorgerische Zwangsmassnahmen» beleuchtet das Bernische Historische Museum (BHM) das Schicksal von Betroffenen. Die Ausstellung soll dazu beitragen, dass das düstere Kapitel nicht vergessen geht. Der Bund will die «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» weiter untersuchen und Betroffene entschädigen.
Im BHM geht es traditionell um archäologische Funde, grosse historische Zusammenhänge und heroische Taten, die viele Jahrhunderte zurückliegen. Dass sich das Museum in seinen Ausstellungsräumen immer häufiger auch mit kleinen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit auseinandersetzt, hängt mit dem neuen Selbstverständnis der Institution zusammen.
«Wir wollen einen Beitrag gegen das Vergessen leisten,» sagte Direktor Thomas Pauli-Gabi anlässlich der Eröffnung. «Mit unseren Erfahrungen und Ressourcen können wir aus der Geschichte schöpfen und die Zukunft mitgestalten». Mit der neuen Ausstellung zum schweren Thema «Fürsorgerische Zwangsmassnahmen im Kanton Bern und in der Schweiz» ist dies dem Museum sehr gut gelungen.
Fünf Hörspiele
Im Zentrum der Schau steht das Schicksal von fünf Personen sowie Familien, die von den Behörden aus unterschiedlichen Gründen bevormundet und eingesperrt wurden. Tonaufnahmen machen die bewegenden Schicksale erlebbar. Die Hörspiele lassen sich via Mediaguide auf Deutsch, Französisch oder Englisch abrufen. Die Töne können auch auf das eigene Smartphone geladen werden. An der Kasse stehen Mediaguides zur Ausleihe bereit.

Verdingkinder bei der Feldarbeit. Foto Staatsarchiv des Kantons Bern. T 1091, 1-4
So wie den fünf Protagonistinnen und Protagonisten ging es in der Schweiz bis in die 1970-er Jahre hunderttausenden von Menschen. Sie wurden verdingt, entmündigt und versorgt. Man kennt die Schicksale unter den Schlagworten «Kinder der Landstrasse» (Organisation der Pro Juventute) oder «Verdingkinder». Auch Erwachsene, wie Fahrende, Prostituierte, Alkoholiker, Randständige oder gesellschaftliche Aussenseiter, wurden weggesperrt.
Am häufigsten betroffen waren Menschen mit geringem Einkommen, sehr oft alleinstehende Mütter und ihre Kinder. Deren Armut oder ihre von bürgerlichen Normen abweichende Lebensweise waren Grund genug für massive staatliche Eingriffe und repressive Massnahmen.
Karton: Das Material von Bettlern und Obdachlosen
Im BHM laden Raumbilder ein, sich in fünf Einzelgeschichten einzufühlen, die exemplarisch für Hunderttausende andere stehen. Die Hörspiele wurden entweder mit Betroffenen erarbeitet oder aus Archivmaterialien rekonstruiert. Raumteiler aus Karton bilden für jedes Hörstück einen zentralen Ort und schaffen so eine Atmosphäre, die den Besuchenden die Welt der Betroffenen näherbringt. An den Aussenwänden wird das gesellschaftliche Umfeld der Zwangsmassnahmen kontextualisiert.
Prostitution und Alkoholismus
Da ist beispielsweise die Leidensgeschichte von Ida Gerber, die 1938 in Langnau ins Bezirksgefängnis gesteckt wurde, weil man die Frau der Prostitution verdächtigte. Ein angeblich liederlicher Umgang mit Männern war vor weniger als 100 Jahren Grund genug für eine Entmündigung. Dabei versuchte das alleinstehende Dienstmädchen, das zu wenig zum Leben verdiente, lediglich sein Einkommen aufzubessern.

Zahllose Verdingkinder wurden von den Behörden bei Bauern platziert, andere Kinder in Heime gesteckt. Foto Staatsarchiv des Kantons Bern, T. 1091. 1-4
Da ist zum Beispiel die Geschichte der Familie Albin, die im Jahr 1953 auseinandergerissen wurde, weil der Vater Alkoholiker war und die Mutter wegen der Betreuung der vielen Kinder keiner Erwerbstätigkeit nachgehen konnte. Eines Tages wurde die Frau von ihrem Vormund in Begleitung der Polizei abgeholt und in eine psychiatrische Klinik gesteckt. Die sechs Kinder wurden alle fremdplatziert.
In den Stall verbannt
Da ist zum Beispiel die Lebensgeschichte des 1943 geborenen Ruedi Hofer, der bei der Grossmutter aufwuchs und, weil die Grossmutter noch andere Kinder zu betreuen hatte, in seinen Kinder- und Jugendjahren dreissigmal umplatziert wurde. Im Jura und in weiteren sieben Kantonen. In nicht weniger als 30 ihm fremden Familien. Oft schlief er nicht im Haus, in einem Bett, sondern im Stall, bei den Tieren.
Da ist zum Beispiel die Geschichte der 37jährigen Uschi Waser, einer Fahrenden, die ihren Eltern weggenommen und zwanzigmal umplatziert wurde. Doch die Zukunft meinte es gut mit ihr: Dank einer Lehre konnte sie im Leben Fuss fassen, heiraten und zog zwei Kinder gross. Im Bundesarchiv suchte sie nach den Spuren ihrer Vergangenheit.
Dass die Schweiz begann, das Schicksal der «Kinder der Landstrasse» aufzuarbeiten, war auch das Verdienst der jenischen Autorin Mariella Mehr. Foto PS
Zu Wort kommen in den Hörspielen auch zwei Experten: Peter Dörflinger von der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) und Marianne Hochuli von der Caritas erläutern die damalige Gesetzeslage, kontextualisieren die traurigen Schicksale und erklären, was die Behörden aus der Vergangenheit gelernt haben.
Reichhaltiges Veranstaltungsprogramm
An Samstag- und Sonntagnachmittagen sind im BHM geschulte Personen aus dem Freiwilligenteam des Museums als Gesprächspartner:innen vor Ort. Sie bieten Interessierten ein offenes Ohr an, so dass die aufwühlende Ausstellungsthematik besprochen, verarbeitet oder weiter diskutiert werden kann.

Mit einem Audioguide können die Schicksale nachempfunden werden. Hier in einem nachgebauten Archivraum mit Akten von Verdingkindern.
Direkt vor dem Eingang zur Ausstellung erinnert die Installation «Namen gegen das Vergessen» an die betroffenen Menschen und würdigt das erlittene Unrecht. Während mehrerer Wochen haben das Museumsteam und Freiwillige 10 826 weisse Punkte auf die schwarzen Wände geklebt. Die Punkte symbolisieren die Anzahl der Personen, die bis zum Sommer 2024 vom Bund einen Solidaritätsbeitrag erhalten haben – als Zeichen der Anerkennung des erlittenen Unrechts und gesellschaftlicher Solidarität.
Besonders berührend: 291 dieser Punkte wurden an zwei Aktionstagen im Januar 2025 von Hand beschriftet – und zwar durch die betroffenen Personen selbst oder durch deren Angehörige. Sie stehen für jedes einzelne Schicksale, die von den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen geprägt wurden.
Zweite Entschuldigung
Zeitgleich mit der Eröffnung der Ausstellung trat am Donnerstag 20.1.25 Innenministerin Elisabeth Baume-Schneider vor die Medien, um im Namen des Bundesrats insbesondere den Jenischen ihre Betroffenheit auszusprechen: «Die Behörden haben damals aktiv an der Gewalt mitgewirkt, die den Jenischen, Sinti und ihren Familien und Gemeinschaften angetan wurden. Das bedauert der Bundesrat zutiefst, und er möchte gegenüber diesen Menschen seine Entschuldigung bekräftigen, die er im Jahr 2013 bereits einmal ausgesprochen hat,» sagte die Bundesrätin.

An den Aussenwänden der Ausstellung werden die gesellschaftlichen Hintergründe der Zwangsnahmen kontextualisiert.
2013 hatte sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga ein erstes Mal für das Unrecht an den Jenischen entschuldigt und Betroffenen eine Entschädigung zugesprochen. Mit der neuerlichen Entschuldigung geht allerdings keine weitergehende finanzielle Entschädigung einher. Den Opfern stehe aber aus einem bereits bestehenden Fonds ein Solidaritätsbeitrag von maximal 25 000 Franken pro Person zu, erklärte Bundesrätin Baume-Schneider vor den Medien. Ihr Departement werde zudem mit den Betroffenen bis Ende 2025 klären, inwiefern über die bereits ergriffenen Massnahmen hinaus Bedarf zur Aufarbeitung der Vergangenheit besteht.
Ein Ort der Würde und der Erinnerung
Tanja Rietmann, Historikerin an der Uni Bern und eine der Ausstellungsmacherinnen, hat die Geschichte der zwangsweise fremdplatzierten Kinder und Erwachsenen erforscht. Für sie ist die Wanderausstellung am BHM, die erstmals am Rätischen Museum in Chur gezeigt worden war und für Bern erweitert sowie lokal verortet wurde, «eine Art Denkmal, ein Ort der Würdigung, ein Zeichen der Erinnerung». «Auf der Wand gegen das Vergessen erhalten die betroffenen Menschen ein Gesicht», sagte Rietmann anlässlich der Ausstellungseröffnung.

Titelbild: Die Installation «Namen gegen das Vergessen» erinnert an die betroffenen Menschen und würdigt das erlittene Unrecht. Fotos © Stefan Wermuth BHM / Diverse Archive / PS
Die Aussstellung «Vom Glück vergessen. Fürsorgerische Zwangsmassnahmen in Bern und der Schweiz» wird im BHM noch bis zum 11. Januar 2026 gezeigt.
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Bernisches Historisches Museum
Beitrag vin Eva Caflisch:

