StartseiteMagazinKolumnenLebensschule: Walter Dellers (1928-2026)

Lebensschule: Walter Dellers (1928-2026)

Lieber Walter, im Juli 2026 hast Du mir geistig präsent und konzentriert noch erzählt, wie schwierig es für Dich war, anno 1939, nach Deiner Flucht in die Schweiz, hier Fuss zu fassen. Deine Basler Mitschüler nannten Dich, Deiner Sprache wegen, «Nazi» und verprügelten Dich. Ebenso wie den einzigen Juden in Eurer Klasse.

Zuvor in Fürth, da flogst Du aus der Schule, weil Dir Dein Vater verboten hatte, bei der Hitler-Jugend mitzumachen. Du hättest gerne dazu gehört. Aber schulfrei zu haben, passte Dir auch. Dein Vater führte Dich jedoch erzürnt zum Lehrer zurück und setzte Deine weitere Teilnahme am Unterricht durch.

«O du fröhliche» stimmtet Ihr zu Weihnachten 1938 noch in der Familie an. Bis Euch «erstickte Schreie» aufschreckten, weil mordende Nazi-Schergen Eure Nachbarn aus ihrer Wohnung vertrieben. Du flüchtetest dann, etwas später, mit Deiner Schwester Marta. Dein Freund Bruno blieb. Er verteidigte Breslau «und fiel umsonst», wie Du berichtet hast. Und Dein Lehrer, «ein begeisterter Faschist, aber kein Sadist», kam in Russland um. Du mochtest ihn und gingst einen andern Weg. Zum Glück.

Du warst von 1968 bis 1972 unser Klassenlehrer an der Basler Handelsschule. Und Du verteidigtest kein Vaterland, sondern uns, die Bubenklasse 4c. Obwohl vom Rektorat verboten, führten wir 1971 das Anti-Kriegsstück Wir bombardieren Regensburg auf, das Joseph Heller 1969 publiziert hatte. Die Aula war voll besetzt. Du nahmst uns auch in Schutz, als der Rektor den Verkauf unserer harmlos anarchistisch-pazifistischen Schülerzeitung Anapaz untersagte und mich als verantwortlichen Redaktor von der Schule weisen wollte.

Darauf kamen wir beide auch bei unserem letzten Nachtessen wieder einmal zu sprechen. Ich schlug Dir ein Restaurant in Deiner Nähe vor. Vermeintlich einfühlsam, mit Blick auf Deinen Gehstock. Du fragtest jedoch zurück, ob ich zu faul zum Kochen sei. Und klopftest dann schon Mitte Nachmittag bei uns zuhause an, «damit wir mehr Zeit für den Apéro haben», sagtest Du. Und um Mitternacht bestellte ich Dir ein Taxi: von Rheinfelden nach Basel. Was für ein stimmiger Abend. Ich hörte Dir interessiert zu. Wie früher.

Du warst ein anregender Lehrer und verlangtest viel von uns. In Deutsch, Englisch und in der Geschichte. Ausser Lehrplan kam noch Philosophie hinzu, zeitweise sogar wöchentlich. Freiwillig lasest Du mit uns über Mittag engagierte Texte. Auch Auszüge aus Ich und Wir von Martin Buber (1878-1965). Er setzte sich für die zionistische Bewegung und den sozialistischen Bund ein. Ebenso für ein demokratisch vereintes Israel/Palästina mit einem unabdingbaren Existenzrecht für die jüdische und die arabische Bevölkerung. Buber plädierte für einen verstehenden Dialog. Er vertrat auch einen gewaltfreien Ansatz, den er aber in einer Kontroverse mit Mahatma Gandhi über die koloniale Landnahme relativierte. Darüber debattierten wir vor 55 Jahren.

Du nahmst uns ernst, fast kollegial, nicht jovial, eher leicht distanziert und von uns stets respektiert. Dein langer Bart und Dein krauses Haar imponierten. Du wirktest unkonventionell und warst recht nonkonformistisch, aber auch nüchtern realistisch.

Einmal verbrachten wir mit Dir und unserem ebenfalls sehr geschätzten Mathematiklehrer Werner Mori zwei Projektwochen am Bielersee. Wir konnten unsere Themen frei wählen. Und arbeiteten viel dafür. Von Euch motivierend begleitet. Mit viel Freiheiten, selber zu denken und zu fragen, was wirklich wichtig ist. Du spieltest Flöte, sangst mit uns und mit Werner Mori unternahmen wir eine unvergessliche Nachtwanderung. Was für eine Lebensschule. Er kam übrigens am 2. September 2026 auch zu Deiner Beerdigung.

In Deinem Buch Eine Kindheit in Fürth beschriebst Du selbst erlebte «Denunziation, das fiese Spiel in der Diktatur: Ich zeige Dich an, für Deine freie Meinung oder für Deine frei erfundene Meinung, Dich triffts, mich nicht». Dass Deine Frau Helen und drei Eurer sieben Söhne schon vor Dir gegangen sind, traf Dich sehr. Wie der Tod Deiner jüngeren Schwester Marta, die 1968 noch den angeschossenen Rudi Dutschke mitgepflegt hatte. Wir beide lernten uns damals kennen. Lieber Walter, ich danke Dir – für alles.

Titelbild@Christian Jaeggi

Buch: Walter Dellers, Eine Kindheit in Fürth, BoD, Nordstedt 2017, 181 S., ISBN-13: 978-3743126572.

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3 Kommentare

  1. So ernst und traurig der Inhalt Ihres sehr persönlichen Nachrufs für Ihren ehemaligen Lehrer Walter Dellers ist, so ermutigend ist es, dass es immer wieder Menschen gab und gibt, die sich für die Menschlichkeit und Gerechtigkeit einsetzen und dies an kommende Generationen weitergeben. Ihr Beitrag hat mich sehr berührt, danke dafür.

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