Seit seiner Pensionierung meckert Harry nur noch rum, trinkt Weizenbier und pflegt seinen Rittersporn, findet Lore. Sie klammert sich an ihren Job als Bibliothekarin, organisiert peinliche Lesungen und verehrt ihre Dichter wie Propheten, findet Harry. Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieler setzen ihre erfolgreiche Zusammenarbeit fort, diesmal basierend auf dem Bestseller «Alte Liebe» von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder, der eine unterhaltsame, kluge und lebensnahe Liebesgeschichte über ein Paar nach vierzig Jahren Ehe erzählt. Ab 15. Oktober im Kino.
Aus den 33 Kapiteln des Buches schuf Dresen ein wunderbares Melodrama und Kammerspiel eines alten Ehepaares. Was sich da abspielt, ist ein Welttheater auf zwei Menschen verdichtet: Genau und liebend beobachtet, sprachlich und visuell ausgefeilt, vielfältig und anregend variiert ‒ und empfiehlt sich, uns darin wiederzuerkennen.
Die Inhalte verrate ich nicht, um Ihnen im Kino nicht die Überraschungen zu verpetzen. Das Miterleben der Episoden ist nicht nur mir selbst, sondern auch den hochprofessionellen Hauptdarstellern und der ganzen Crew zu verdanken. Und mehr über Entstehung und Hintergründe des Filmes ist aus dem folgenden Interview zu erfahren.
Ausschnitte aus einem Interview mit Andreas Dresen und Laila Stieler
«Alte Liebe» ist Ihr neunter gemeinsamer Langfilm. Konnten Sie sich im Jahr 1985, als Sie sich kennenlernten, vorstellen, so stabil miteinander zu arbeiten?
Andreas: Ich habe es mir auf jeden Fall gewünscht, so wie man sich einen langen und spannenden gemeinsamen Weg wünscht, wenn man sich gern hat. Es ist auch eine Menge Arbeit, die man dafür leisten muss, und man braucht Resilienz, wenn es mal nicht so läuft.
Bleiben wir bei der «Neun». Vor 18 Jahren kam «Wolke 9» heraus, ein wichtiger Film über Liebe im Alter. Damals waren Sie beide in Ihren Vierzigern. Wie sehr hat Ihr eigenes Lebensalter die Arbeit an «Alte Liebe» beeinflusst?
Andreas: Natürlich sind «Wolke 9» und «Alte Liebe» nur schwer zu vergleichen. In dem einen geht es um die immerwährende Glut von Leidenschaft und Sexualität, im anderen um den Umgang mit Gewohnheiten und gefühlten Defiziten des eigenen Lebensweges. Jetzt sind Laila und ich ja nicht mehr so weit entfernt vom Alte unserer Figuren, wir haben in gewisser Weise selbst so etwas wie eine alte Liebe, die uns verbindet. Generell ist unser Blick auf ältere Menschen weicher und verständiger, wir schauen mit mehr Nachsicht auf ihre Wunderlichkeiten.
Laila: Das glaube ich auch. Damals war das Thema viel weiter weg als heute, es gehörte zu unserer Elterngeneration. Wir waren nur neugierig und wollten beobachten, bei «Alte Liebe» geht es für mich schon mehr in Richtung Selbstbefragung.
Stand die Struktur des Films früh fest – also eine nochmalige Reduktion als Ansatz, ob wohl schon das Buch mit 33 kurzen Kapiteln und einem Epilog sowie Monologen und Dialogen von Lore und Harry eher knapp gefasst ist?
Laila: Die Knappheit war ja gerade das Reizvolle für uns. Formal, wie inhaltlich. Zwei Figuren, ein Hauptmotiv, eine vertraute Konfliktlage. Insofern war die grosse Linie des ästhetischen Konzepts zeitig klar.
Harry
Andreas: Scheinbar passiert ja nur sehr wenig. Im Grunde eine relativ bewegungsarme Erzählung von gegenseitigem Sich-Wiederfinden und Wiederentdecken, eine sehr alltägliche Schilderung von Zusammenleben nach 40 Jahren Ehe. Genau da aber, hoffe ich, werden sich die meisten Zuschauer wiederentdecken. Diese Form von Beziehungsdiskussionen zum Beispiel kennen sicher alle, die viele gemeinsame Jahre hinter sich haben.
Laila: Das wunderbare Geplänkel und der Humor der beiden haben uns gefallen. Ich habe aber eine Weile gebraucht, um unter dieser Oberfläche die Liebesgeschichte zwischen Lore und Harry zu entdecken. Als ich sie gefunden hatte, war es sehr schön. Im Grunde retten die beiden ihre Liebe.
Dagmar Manzel und Joachim Król dürfen diese inneren Monologe spielen, indem ihre beiden Charaktere Lores demente Mutter im Pflegeheim besuchen und mit ihr sprechen, ohne je eine Antwort zu bekommen.
Andreas: Und was sie hier äussern, steht häufig im Widerspruch zu ihren Aussagen gegenüber dem Partner. Das übrigens war eine Idee, die Laila und ich zur selben Zeit hatten.
Lore
Laila: Es gibt im Roman einige schöne Dialoge, und auch die Ansätze der Figuren kamen uns entgegen. Ich mochte Lore besonders, obwohl sie es uns nicht leicht gemacht hat. Sie schrammt ja immer haarscharf daran vorbei, unsympathisch zu werden mit ihrer Larmoyanz, dem Sarkasmus und ihrer Verbitterung. Da hilft der Humor schon sehr.
Andreas: Harry, so scheint es zumindest, hat seine Lebenssituation angenommen und richtet sich auf maskulin-bequeme Art darin ein. Lore ist diesen Schritt noch nicht gegangen. Harry teilt ebenfalls aus und kommt durchaus an Punkte, an denen er sich fragt, ob und wo er vielleicht in seinem Leben falsch abgebogen ist.
Die Dialoge im Roman sind in Teilen schon sehr filmisch. Hat es Ihre Arbeit fürs Drehbuch befreit, oder war es eher tükisch?
Laila: Beides! Gute Dialoge aus der Vorlage will man erhalten. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, was sprechbar ist. Geschriebene Sprache, auch der geschriebene Dialog, hat oft einen anderen Rhythmus. Niemand ist ständig schlagfertig oder auskunftsfähig über sein Innenleben. Oft ersetzt eine Geste einen ganzen Absatz.
Andreas: Gewohnheiten sind gerade im Alter lebenserhaltend. Sie zu entwickeln ist mindestens genauso hilfreich, wie ab und an auszubrechen und sich herauszufordern. Routinen sind ein kleines Geländer auf der Achterbahnfahrt, der uns das Leben manchmal aussetzt. Alltägliches kann eine grosse Schönheit haben.
Die Arbeitsweise von Elke und Bernd war insofern eine besondere, indem sie völlig autonom an den Kapiteln für Lore und Harry geschrieben haben. War Ihr Herangehen beim gemeinsamen Schreiben des Drehbuchs anders als gewöhnlich?
Laila: Die Geschichte mit ihren zwei Perspektiven sollte Einfluss auf unsere Arbeitsweise haben. Allerdings lässt sich die Struktur des Romans mit der konsequenten Trennung der Perspektiven nicht eins zu eins auf ein Drehbuch übertragen. Wir haben in den Zweierszenen genauer auf die Perspektiven beider Figuren geachtet.
Andreas: Der Plot brauchte etwas mehr Struktur. Und er sollte von West nach Ost verlegt werden, weil wir dadurch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen konnten und wollten. So wurde bei Lores Lesungen aus Martin Walser Christoph Hein, aus Daniel Kehlmann wurde Clemens Meyer. Und die Erinnerungen vom Lago Maggiore spielen nun am Balaton. Aber viel wichtiger war die innere Brüchigkeit der Figuren, bedingt durch ihre Biografie.
Titelbild: Joachim Król als Harry und Dagmar Manzel als Lore
Buch: Elke Heidenreich und Bernd Schroeder: Alte Liebe, Hansen Taschenbuch
Regie: Andreas Dresen, Produktion: 2026, Länge: 112 min, Verleih: Filmcoopi
