StartseiteMagazinKulturDer Mann, der Charlie Parker verehrte

Der Mann, der Charlie Parker verehrte

«Ted Joans. Black Flower», die aktuelle Ausstellung im Musée cantonal des Beaux-Arts Lausanne, weckt unsere Erinnerungen an die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts: Ted Joans, Künstler, Dichter und Reisender engagierte sich überall, wo das Leben zum Blühen kam.

Als Charlie Parker, der legendäre Jazzmusiker, von seinen Verehrerinnen und Verehrern Bird genannt, 1955 starb, schrieb Ted Joans (1928-2003, Theodore Jones ist sein Geburtsname) in New York Bird lives (Bird lebt) an viele Wände, was damals und lange nachher viel Aufmerksamkeit weckte. Immer wieder taucht Charlie Parker in Ted Joans’ Werk auf. Jazz ist für ihn DIE schwarze klassische Musik, eine lebendige Tradition, eine Gemeinschaft von Ausübenden und Zuhörenden, vereint im Kampf um Emanzipation für die Schwarzen Frauen und Männer; zugleich vereint in der Lust an Kreativität und Lebensfreude. «Jazz ist meine Religion», verkündet Ted Joans, «der Surrealismus meine Sicht auf die Welt.» (Jazz is my religion and Surrealism my point of view.)

Georgina Reid: Ted Joans im Seven Arts Coffee Gallery New York 1968. Fotografischer Abzug. Courtey The Estsate of Ted Joans. © Georgina Reid

Das Museum der Schönen Künste (MCBA) in Lausanne widmet Ted Joans erstmals in der Schweiz eine grosse Schau auf die vielen Facetten seines Lebenswerks. Dazu gehören die Poesie ebenso wie die Bildenden Künste – Zeichnungen, Gemälde, Collagen, Filme -, dazu der Jazz – besonders der Bebop –, sein Engagement für die Befreiung der Schwarzen Menschen in Amerika und sein Interesse für die Kulturen in Afrika. Viele seiner Arbeiten sind vom Surrealismus geprägt. André Breton (1896-1966), den Ted Joans in dessen letzten Lebensjahren noch kennenlernte, nahm ihn in seinen Kreis der Surrealisten auf.

Seit den 1960er Jahren lebte Ted Joans vorwiegend in Paris, er lernte noch besser Französisch. Das Surrealistische Manifest von André Breton hatte er schon vorher ins Englische übersetzt. Vor allem – wie stets – lernte er viele Freunde kennen, James Baldwin etwa. Die beiden hatten sich denselben Zielen verschrieben, widmeten sich ihnen jedoch jeder gemäss seinem Temperament. In seinen jungen Jahren hatte es Ted Joans nach seiner in Indiana Bloomington absolvierten Kunstausbildung nach New York gezogen. Greenwich Village wirkte damals als unwiderstehlicher Magnet für die Beat Generation.

Ted Joans, MAU MAU Mona Lisa, 1953-1957. Öl auf Holztafel. Privatsammlung New York © Ted Joans Estate, Courtesy Laura Corsiglia und Zürcher Gallery New York / Paris. Foto: Adam Reich

Der Titel der Ausstellung nennt Joans Black Flower, «Schwarze Blume», was den Künstler als Vertreter der Schwarzen Menschen und der trotzigen Gegner der etablierten Gesellschaft wie Jack Kerouac, Langston Hughes oder Allen Ginsberg charakterisiert. Er ist aber auch eine Blume, ein Mensch, der, wo immer er sich befindet, Freundschaften schliesst und pflegt. Black Flower reimt sich auf Black Power – ein Anliegen, dem sich Ted Joans, und nicht nur er, sein Leben lang verpflichtet fühlt. Eingebunden in seinen Freundeskreis fühlte er sich stark wie ein Rhinozeros. – Ted Joans liebte seltene Tiere mit groteskem Äusseren. Skurrile Formen faszinierten ihn.

Ausstellungsansicht (Foto mp)

Menschenfreund und neugieriger Reisender war er, solange es ihm möglich war. Eine Weltkarte im Museum zeigt seine Reisen durch Nordamerika, Europa und Teile Afrikas. Diesen Kontinent seiner Wurzeln erschloss er sich von Tanger/Marokko aus, er reiste nach Mali, nach Timbuktu und dann zu den Tuareg, deren Kultur – besonders deren Musik – ihn faszinierte. Für die Kulturen der Ureinwohner in verschiedenen Ländern, in Alaska etwa, interessierte er sich sehr.

Ted Joans, Ohne Titel (Johnny Hodges), 1996, Ölkreide, Graphit und Tinte auf Papier. © Ted Joans Estate, Courtesy Laura Corsiglia und Zürcher Gallery New York / Paris.

Einengen auf einzelne Kunstformen liess sich Ted Joans nicht. Ganz in seinem Sinne finden wir in den beiden Etagen der Ausstellung Gedichte, Zeichnungen, Collagen und Filmausschnitte nebeneinander. Jazz mit seinen Rhythmen, Variationen und der Improvisation, für den Künstler gleich wichtig, konnte er in Jazzsessions mit seinen Gedichten verbinden. Er sah alle seine Künste als Befreiung der Vorstellungskraft und als Transformation der Wirklichkeit an: Alles, was er schuf, entstand unter dem Dach des Surrealismus.

Ted Joans in seinem Studio am Astor Place mit dem «Hintenrund Gemälde Bird lives» und einigen Werken aus der Serie Jazz Action, um 1958. Courtesy The Estate of Ted Joans © Rechte vorbehalten. Foto: Laura Corsiglia

Die Ausstellung ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern nach Themen und nach Beziehungen, die der Künstler selbst geknüpft hatte. Sein Bestreben, Freundschaften zu schliessen, setzt er auch in seinen Tätigkeiten um: Zeichnungen, die sich gegenseitig «antworten», Köpfe, aus Fotos ausgeschnitten, werden in neue Bilder eingefügt, Wiederholungen, wie wir sie aus der Musik bzw. hier aus dem Jazz kennen.

Ausstellungsansicht (Foto mp)

Ein Gang durch die Ausstellung, klug kuratiert von Pierre-Henri Foulon, wird für uns Seniorinnen und Senioren zu einer imaginären Wanderung durch die Jahrzehnte unserer Jugend und ein Wiedersehen – zum Wiederhören gibt es weniger Möglichkeiten – mit dem, was uns damals begeisterte. Die «Schwarze Blume» Ted Joans wurzelt in den afroamerikanischen Erfahrungen und weitet seinen Horizont in alle Richtungen aus: ein Beispiel für Selbstbehauptung, Widerstand gegen jegliche Ungerechtigkeit und Freiheit.

Ted Joans. Black Flower. Die Ausstellung im Kantonalen Museum der Schönen Künste (MCBA) in Lausanne, Plateforme 10, direkt neben dem SBB-Bahnhof, dauert bis 28. Februar 2027.
Ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm finden Sie auf der Webseite.

Der Surrealismus ist mit dieser Schau nicht die erste Ausstellung zu diesem Thema. Wie Museumsdirektor Juri Steiner im Gespräch erklärt, widmeten sich schon 2024, zum 100jährigen Geburtstag des Surrealistischen Manifests, alle drei Museen der Plateforme 10 dem Surrealismus.
Objekte der Begierde
Ein aktuelles 100jähriges Manifest 
Man Ray – der Fotograf der Surrealisten

Titelbild: Charlie Parker (Ausschnitt aus Ausstellungsansicht, Foto mp)

 

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