Das Licht funktioniert nur noch partiell, die Farben sind längst verblasst, nur ein paar Karussellpferdchen und in den Himmel ragende metallene Streben sind noch geblieben. Cathy Marston, Direktorin des Ballett Zürich, eröffnet ihre neue Saison am Zürcher Opernhaus mit einem «Sommernachtstraum», der wie ein Abgesang auf verflossene Glanzzeiten wirkt. Und begeistert damit am letzten Sonntagabend das Premierenpublikum.
William Shakespeare brachte die Komödie «Ein Sommernachtstraum» im Jahr 1600 auf die Bühne – ein Verwirrstücke um Elfen und Geistern, Fürstenfamilien und Liebespaaren – und mit Handwerkern, die dem Stück einen derben bis klamaukigen Rahmen geben. Und mit Puck, dem Hofnarr des Elfenkönigs, der die Kraft hat, Verwirrung zu stiften und die ganze heterogene Gesellschaft gehörig durcheinanderzuwirbeln.
Bei Cathy Marston ist Puck der heimliche Herr des Rummelplatzes, der sich agil und mit einer unglaublichen tänzerischen Ausdruckskraft durch die verschiedenen Welten bewegt. Lucas van Rensburg gibt diesen Irrwisch, der mal übermütig bis dominant, dann wieder fast fürsorglich die Geschichte und die Personen lenkt. Der eigentliche Herr des Rummelplatzes ist Oberon (Brandon Lawrence), der autoritär über sein Reich gebietet, das schon längst nur noch ein Abbruchobjekt ist. Seine Frau Titania wäre bereit, auszuziehen. Ayaha Tsunaki tanzt die Ehefrau. Der erste Pas de deux der beiden gibt einen Vorgeschmack auf Marstons tänzerische Intentionen: Pas de deux sind nicht nur getanzte Liebesduette. Da darf auch gestritten und gestichelt, abgewiesen und gerungen werden.
Puck (Lucas van Rensberg), der heimliche Herrscher zwischen den Welten auf dem verlassenen Rummelplatz.
Das beweisen die beiden Liebespaare Lysander (Chrles-Louis Yoshiyama) und Helena (Max Richter) wie auch Demetrius und Hermia (Chandler Dalton und Mia Heathcote) sehr deutlich. Denn da ist nichts fest gefügt – man liebt quasi übers Kreuz, was alle vier ausdrucksstark und ab und zu fast slapstickartig beweisen.
Hermia und Lysander (Charles-Louis Yoshiyama und Mia Heathcote), sind zwar ein Liebespaar, wenn auch ihre Körpersprache etwas anderes erzählt.
Aber zuerst rückt die Abrissmannschaft an: Fünf energische Männer, besser Personen, den weiblichen Namen nach zu schliessen, samt der Sicherheitsinspektorin Zettel mit sehr maskulinem Habit. Die zarte Yun-Su Park begeistert mit ihrem Auftritt sowohl als gebieterische Aufsichtsperson, wie auch später als, na ja, so halb verliebter Esel und Geliebter der von ihm offensichtlich betörten Titania. Puck lässt grüssen.
Es ist eine ziemlich fidele Truppe, diese Abrissmannschaft.
Mit den «Passanten» und später der Elfenschar, zum Teil in schwarzen Tutus, werden auch das Corps de ballet und Mitglieder des Junior Balletts in die Handlung eingebunden. Was in der Produktion auffällt, sind die vielen akrobatischen Elemente, vor allem bei den Hebefiguren. Dazu kommen die abgespreizten, geflexten Hände und Füsse, wie auch die getanzten «Gefühlsausbrüche», wo die Tänzerinnen nicht auf Spitze sondern mit wütenden Schritten stampfen. Klassisches Ballett neu interpretiert.
DJ Mr. Switch Live am Mischpult während der Aufführung. (Opernhaus Zürich/Carlos Quezada)
Das Orchester der Oper Zürich mit Robert Houssart am Pult liefert mit dem von Felix Mendelssohn verfassten Orchesterwerk «Der Sommernachtstraum» den akustischen Rahmen, ergänzt durch die kongenialen elektronischen Klänge, die DJ Mr. Switch, der das «Concerto for Turntables and Orchestra» plus Neukompositionen «Puck’s Spell» von Gabriel Prokofiev, einem Enkel des grossen Komponisten, auf seinem Mischpult, ja, eben switch, live. Es ist ein Klangerlebnis der besonderen Art und passt hervorragend in das gesamte Arrangement von Tanz, Musik und, das muss auch erwähnt werden, einer Bühnengestaltung von Richard Hudson, das diesen Zürcher «Sommernachtstraum» zu einem ganz besonderen Erlebnis werden lässt.
