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09.02.2017 - Andreas Iten

Wahrheit und Meinung in der Politik

Die Politik steht nicht im Geruch besonderer Ehrlichkeit. Die Wahrheit wird durch Meinungen kaschiert. Schliesslich darf jeder eine Meinung haben.

Gerade mal wieder entfachte ein neu gewählter Präsident einen Sturm der Entrüstung, und ich fühlte mich mitten drin, zwar weit entfernt vom Epizentrum, aber das Beben auf der Richterskala erreichte mich mit einem seismographischen Ausschlag von eins bis eins Komma fünf. Das war insgesamt stark genug, dass auch in unserem Land alle Medien reagierten. Es ging um den Ausdruck „Lügenpresse“ und ganz neu um „Fake News“. Wer die Geschichte nur ein wenig kennt, weiss, dass Lügen in der Politik immer den Machtkampf begleitet haben.

Ich erschrak, als ich auf dem Perron Richtung Kopf des Bahnhofs, nichts Schlimmes ahnend, altersgemäss gemütlich marschiernd, plötzlich eine Frau mit einem Niqab aus der Tiefe aufsteigen sah. Die mir fremde Frau schaute mich durch den Schlitz des Niqabs an. Ich wusste nicht, ob es sich um einen erotischen oder bedrohlichen Blick handelte. Darunter las ich das Wort Einbürgerung. Schon war die schwarz gekleidete Frau wieder abgetaucht. Ich brachte die Geduld auf zu warten, bis sie wieder auf der Plakatwand erschien. Genau zu lesen stand da in grossen Lettern: „Unkontrolliert einbürgern“, mit einem fetten Nein.

Ich konnte mich nicht erinnern, wo ich das letzte Mal eine reale Frau mit einem Niqab sah. Ich glaube, es war vor einigen Jahren in Lugano. Inzwischen haben ja die Tessiner dafür gesorgt, dass Frauen mit dieser Kleidung von der Strasse verschwinden. Sicher waren die zwei Frauen, die hinter Männern nachliefen, Touristinnen. Nun im Bahnhof fragte ich mich, ob so gekleidete Frauen einmal Kandidatinnen für eine Einbürgerung werden könnten. Ich hatte mich zwanzig Jahre lang von Amtes wegen mit der Einbürgerung von Ausländern zu befassen, nie aber sass vor mir eine vermummte Kandidatin.

In einer solchen Situation fängt der Schweizer an nachzudenken, sich zu erinnern, Bilder von Frauen zu evozieren, denen er hierzulande, im kleinen überschaubaren Kanton Zug, mit Kopftüchern oder gar mit Gesichtsvermummungen begegnet ist. Keine Erinnerung an eine Frau mit einem Niqab! Beim Nein auf dem Plakat geht es um die Gesuche der dritten, im Land aufgewachsene Generation. Die Abstimmungserklärung des Bundesrates sagt klipp und klar, jedes Gesuch werde geprüft, in der Gemeinde, im Kanton und dann sogar noch beim Bund. Also identifizierte ich das „unkontrolliert“ auf dem Plakat als eine Lüge.

Ich fragte mich und schaute in den Spiegel: „Macht es dir nichts aus, wenn du angelogen wirst?“ „Natürlich Ja“, antwortete ich ihm beim Rasieren. „Jeder wehrt sich, wenn er angelogen wird. Er wird sogar pathetisch sagen, Lügen stören das Zusammenleben.“ Die Spirale de Denkens zog mich immer tiefer in die Problematik hinein. Ich begann zu zweifeln, ob die Politik sich an der Wahrheit orientiert. Und ich kam zum Schluss, dass die Welt von Meinungen regiert wird und nicht von Wahrheiten. Sogar die Tatsachenwahrheit verfällt oft der Meinung, und wird verändert oder sogar verfälscht.

Das mich störende Plakat mit der Frau, die den Niqab trägt, reihte ich bei den „Fake News“ ein, mit dem leisen Unterschied, dass ich immerhin wusste, von wem diese Falschnachricht stammte. Es ergab keinen Sinn, mir lange Gedanken über die Wahrheit in der Politik zu machen. Ich musste den Begriff wohl mit jenem der Meinung ersetzen. Die heutige Gesellschaft legt auf nichts so viel Gewicht wie auf die freie Meinung. Der Spiegel sagte mir, als ich den Schaum aus dem Gesicht wusch: „Mach dir selber eine Meinung!“ Und das hiess für mich, eine Sache von verschiedenen Seiten zu betrachten. Das bedeutete aber auch skeptisch zu sein. In skeptischer Haltung sage ich immer: „Es ist so, es könnte auch anders sein. Prüfe es genauer!“ Alles betrachtend, durfte ich immerhin annehmen, dass nach drei weiteren Generationen sich junge, hier aufgewachsene Muslima nicht mit einem Niqab oder einer Burka der Musterung durch Schweizermacher stellen werden.

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