FrontKultur«Another Year» – Liebeserklärung ans Alter

«Another Year» – Liebeserklärung ans Alter

Frühling, Sommer, Herbst und Winter: ein Jahr im Leben von Tom und Gerri, beide um die sechzig und seit langem glücklich verheiratet. Ein Jahr voller Alltag und Leben im Freundeskreis.

Ein wunderbarer Film von Mike Leigh. Mit Charme, Herz und feinem Gespür für Komik und Tragik des Alltäglichen lässt der Brite Mike Leigh den Vorruhestand Funken von Optimismus und Liebe schlagen und zeigt Tom und Gerri, ein über die Jahre harmonisch und liebesvoll zusammengewachsenes Paar. Sie arbeitet noch als Therapeutin im Gesundheitsamt, er untersucht als Geologe die Bodenbedingungen für Bauprojekte. Ihr Leben verläuft im Rhythmus der Natur, die ihnen die Aufgaben durch ihr Schrebergartengrundstück vorgibt. Berührend und gleichzeitig humorvoll feiert der Film das Glück einer intakten Familie inmitten englischer Vorstadttristesse. Durch ihre Herzenswärme, Gastfreundschaft und Gutmütigkeit wurde ihr kleines Londoner Häuschen im Lauf der Zeit zur Zuflucht für Freunde und Familienmitglieder, denen das Schicksal nicht ganz sowohlgesonnen ist wie ihnen. Mit ihrer Menschlichkeit, ihrem typisch britischen Sinn für Humor finden sie auch in scheinbar aussichtslosen Situationen neuen Lebensmut. Statt sich gepflegter Langeweile und zermürbendem Selbstmitleid hinzugeben, legen diese Senioren einen unverdrossenen Optimismus an den Tag, der auch allen Widrigkeiten, selbst dem Tod zum Trotz immer wieder hoffnungsvolle und komische Wendungen findet.

 

Tom und Gerri

In der Einleitungssequenz beklagt eine psychisch depressive Patientin von Gerri ihre Gebresten und ihr Elend und bildet so für den Film etwas wie eine realistische Folie, vor der die wunderbare Geschichte spielt. – Im Frühling wecken die beiden ihren Garten aus dem Winterschlaf. Eines Abends bieten sie Mary, einer alleinstehenden Arbeitskollegin, ein bisschen Nestwärme und eine liebevoll zubereitete Mahlzeit. Im Laufe des Beisammenseins und unter wachsendem Alkoholeinfluss verliert sich Mary zunehmend in Selbstmitleid über ihr verkorkstes Leben. Dabei tritt vor allem ihre Sehnsucht nach einem Mann offen zutage. Die Betrunkene bleibt dann über Nacht und begegnet am nächsten Morgen, etwas verkatert, Joe, dem dreissigjährigen Sohn ihrer Gastgeber, für den sie sich ein kleines bisschen zu stark interessiert.

Im Sommer unternimmt Toms Kollege Ken einen Ausflug nach London, um ein Wochenende mit seinem Jugendfreund und dessen Frau zu verbringen. Auch bei ihm löst der Alkohol nach einem guten Essen die Zunge, und er ergiesst sich in Selbstmitleid über die Tragik seines Lebens. Auch er erhält liebevollen Zuspruch von den Gastgebern. Am nächsten Tag verbringt Gerri die Sonnenstunden im Schrebergarten, während Tom, Ken und Joe eine Golfpartie unter Männern geniessen. Zur anschliessenden Grillparty erscheint Mary verspätet und völlig aufgelöst, sprudelnd vor Glück zwar, doch offensichtlich überfordert von ihrem frisch erworbenen Gebrauchtwagen und völlig blind für die andern. Während sich Ken rührend und vergeblich um Marys Aufmerksamkeit bemüht, gilt deren ganzes Interesse dem erheblich jüngeren Joe.

Herbst ist Erntezeit im Schrebergarten. Als Tom und Gerri schwer beladen, erschöpft und zufrieden zu Hause ankommen, wartet ihr Sohn Joe mit einer freudigen Überraschung. Hinter der Tür hat er seine neue Freundin Katie versteckt, die die Herzen der Eltern im Sturm erobert. Misstöne und Unruhe kommen in den friedlichen Familiennachmittag, als Mary wie verabredet zum Tee erscheint und ausgesprochen eifersüchtig und feindselig auf Katie reagiert. Das Verständnis, das Tom und Gerri für Marys Nöte hegen, gerät spürbar an seine Grenzen. Nach der Verabschiedung bleibt im Heim der gutmütigen Eheleute ein schlechter Nachgeschmack zurück.

Im Winter fahren Gerri, Tom und Joe nach Derby, um Toms älterem Bruder Ronny bei der Beerdigung seiner plötzlich verstorbenen Frau Linda beizustehen. Ihr entfremdeter Sohn Carl erscheint erst, als die Zeremonie zu Ende ist. Danach attackiert er seinen trauernden Vater mit wüsten Tiraden. Wie so oft haben Tom und Gerri auch hier ein offenes Herz und nehmen Ronny mit zu sich nach London. Während sie ihren Garten winterfest machen, taucht Mary unangekündigt und in desolatem Zustand auf und bittet um Einlass. Bei einer Tasse Tee und einer Zigarette knüpft die verletzte und kleinlaute Mary zarte Bande zum wortkargen Witwer. Beim gemeinsamen Essen erzählen die einen von der Vergangenheit, die andern träumen von der Zukunft. – Nach einer Kamerafahrt über die Gesichter der Versammelten bleibt das Bild lange auf Mary, deren Gesicht Verletzlichkeit und zugleich einen Schimmer eines sanft erwachenden Lebensmutes zeigt.

 

Ken und Mary

Der Regisseur

Der 1943 geborene Brite Mike Leigh zählt zu den angesehensten Regisseuren unserer Zeit, bekannt für seinen ebenso ungeschönt realistischen wie zärtlichen und humorvollen Blick auf die Nöte und kleinen Freuden einfacher Menschen. Er begann seine Karriere als Schauspieler. Nach seinem ersten Film drehte er 1971, der trotz begeisterter Kritiken finanziell floppte, wandte er sich enttäuscht dem Fernsehen zu und realisierte erfolgreiche TV-Filme. Erst 1988 kehrte er mit «High Hopes» zum Kino zurück. Der Film, der das Lebensgefühl im England der späten 1980er Jahre einfängt, wurde in Venedig mit dem Kritiker-Preis ausgezeichnet. An diesen Erfolg schliesst er ein Jahr später mit «Life is Sweet» an, der einfühlsam erzählten Lebensgeschichte einer von Selbstzweifeln geplagten Frau. Der endgültige Durchbruch gelang Leigh 1993 mit dem Film «Naked», der in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. 1996 erzählte Leigh in der mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Tragikomödie «Secrets & Lies» die bewegende Geschichte einer jungen Frau, die sich nach dem Tod ihrer Adoptiveltern auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter macht. Es folgten «Carrier Girls» und das Musical «Topsy-Turvy». In «All or Nothing» umkreiste Leigh 2002 den tristen Alltag einer Familie in einer heruntergekommenen Hochhaussiedlung am Rande Londons. Sein nächster Film, «Vera Drake», spielte im vom Weltkrieg gezeichneten London der 1950er Jahre, wo die einfache Hausfrau Vera neben der harten Arbeit als Haushälterin der Reichen heimlich illegale Abtreibungen vornimmt. Mit der farbenfrohen und beschwingten Komödie «Happy-Go-Lucky» schlug Mike Leigh nach vier Jahren Pause ungewohnt optimistische Töne an und begeisterte auf der Berlinale Publikum und Kritik. «Another Year» feierte seine Premiere auf dem Filmfestival in Cannes. – Im Filmpodium der Stadt Zürich läuft vom 6. Januar bis 11. Februar eine Mike-Leith-Retrospektive.

Aus einem Interview mit Mike Leigh

Was stand am Anfang von «Another Year»: ein Gefühl oder ein Thema?

Darauf gibt es keine einfache Antwort, denn dieser Film handelt von so vielen Dingen, dass es geradezu unmöglich ist, sich auf einen Punkt festzulegen. Natürlich geht es um das Leben, aber wenn man das so sagt, ist das nicht besonders hilfreich und klingt dazu auch noch prätentiös. Doch genau das sind meine Filme überhaupt nicht. Man kann aber durchaus sagen, dass der Film damit zu tun hat, dass ich jetzt 67 Jahre alt bin. Es geht um all die Gedanken, die man sich um das Alter macht, wie wir damit umgehen und wie es dann im Leben weitergeht. Es geht um viele Dinge, die wir alle erleben.

Ist Tom ein Alter Ego von Ihnen?

Das würde ich gerne so sehen! Vielleicht ein bisschen. Er ist ein guter Mensch, aber er ist nicht im Showbusiness. Er hat es leicht, er muss sich nur um Steine, Erde und Tunnel sorgen. Er muss keine Filme machen, was sehr viel schwerer ist und einen sehr viel stärker beansprucht. Er hat es wirklich gut!

Würden Sie sagen, dass er der Held des Films ist?

Nein, er ist die zentrale Figur, aber nicht der Held. Meine Filme handeln nicht von Helden. Diese beiden haben sich wohl in sehr jungen Jahren gefunden, sie haben aneinander, was sie brauchen, sie vertrauen einander, sie haben eine angenehme Welt für sich erschaffen, in der sie ehrlich zueinander sein und sich natürlich bewegen können. Manchen Menschen fällt es leicht, eine Struktur zu schaffen, die das Leben erleichtert, mit Dingen, die sie motivieren, die ihnen wichtig sind. Einige von uns, viele sogar, machen sich das Leben und die Beziehungen dagegen unnötig schwer. Manche Menschen haben das Talent, eine Welt zu erschaffen, die ihren Bedürfnissen entgegenkommt, anderen gelingt das weniger gut.

Wie erklären Sie sich die Ausgeglichenheit von Tom und Gerri?

Sie sind im Grossen und Ganzen eins mit sich, ihr Leben ist klar umrissen, sie sind gut organisiert, sie sind gesund, auch seelisch. Daraus ergibt sich die Harmonie in ihrer Beziehung. Aber sie haben auch Probleme, eines davon ist Mary.

Worin liegt Marys Problem?

Das müssen die Zuschauer entscheiden, doch wenn man sie ansieht, ist klar, das ist eine Frau, die in ihrem Leben Pech hatte, sie ist das Opfer ihrer Herkunft, das Opfer gesellschaftlicher Konventionen, sie hatte Pech, und sie gerät immer wieder unter Druck. Offensichtlich wurde sie schlecht behandelt, insbesondere von den Männern. Wenn man so will, könnte man aber auch sagen, dass sie selbst an den Dingen, die ihr zugestossen sind, schuld ist, dass sie Probleme angezogen hat. Aber es ist auch offensichtlich, dass sie keine alte Jungfer ist, die sich isoliert und weder Beziehungen noch Liebe erlebt hat. Sie hatte grosse Höhen, Tiefen und Leidenschaften, sie ist ein komplexes Wesen, und mir geht es vor allem darum, das runde und tiefgründige Porträt eines Menschen zu zeigen, der darum auch sympathisch ist. Was sie dann von ihr halten, müssen die Zuschauer selbst entscheiden.

Der Film beginnt mit Janet, der depressiven Patientin von Gerri. Hatten Sie das Gefühl, dass in dieser Figur noch ein ganz anderer Film liegt?

Ganz sicher nicht, aber die objektive Wahrheit ist, dass es über jeden einzelnen Menschen auf der Welt einen Film geben könnte. Was sie verkörpert, betrifft den ganzen Film. Ihre Szenen sind ein emotionaler Prolog für den Film, sie setzen die Tagesordnungspunkte. In gewisser Weise bereitet sie uns auf Mary vor. Und sie kommt auch deshalb nicht zurück, weil sie es selbst nicht will, sie will keine Therapie, sie will nicht, dass sich irgendjemand einmischt.

Wie wichtig ist der Humor in Ihrer Arbeit?

Er ist mir sehr wichtig, aber das heisst nicht, dass ich ihn bewusst und vorsätzlich konstruiere. Mir sind die Probleme der Charaktere wichtig, und ebenso das, was sich dramaturgisch aus ihnen ergibt. Dabei entsteht Komik ganz selbstverständlich, weil das Leben komisch und tragisch ist, tiefgründig und lächerlich, traurig und fröhlich. Ich werde oft gefragt, wie ich entscheide, wann es komisch wird, aber das tue ich gar nicht, es passiert einfach. Humor zeigt sich nur, wenn die Geschichte ihre Wurzeln in der Wirklichkeit hat. Und es gibt keine Tragödie ohne Komik.

Können Sie über die letzte Einstellung des Films sprechen und wie es zu dieser sehr mutigen Entscheidung kam?

Die Kamera fährt einmal um den ganzen Tisch herum, und das ist die Sorte Einstellung, die es bei mir nur sehr selten gibt. Ich wollte das auf diese sehrfliessendeArt ausprobieren. Mir kam es ganz natürlich vor, mit einer Frage zu enden. Diese Frage lautet: Und Mary? Es ist ein Ende mit Fragezeichen, es gibt dem Zuschauer die Gelegenheit, sich alles noch mal durch den Kopf gehen zu lassen.

Manche Leute empfinden dieses Ende als sehr positiv.

Es ist sehr, sehr komplex, und es erlaubt jedem seine eigene Interpretation.

 

 

Und was ich noch sagen wollte…

Publikum und Kritik sind auch in der Schweiz über «Another Year» des Lobes voll. Und die vielen (alten) Leute, die in aus den Kinos strömen, lächeln, sind befriedigt und glücklich. Das ist dem Film, das ist den Zuschauerinnen und Zuschauern zu gönnen. Doch dazu erlaube ich mir ein paar Anmerkungen:

Der Film beschert uns zwei Stunden schönsten Kinos: viel aufbauendes Gefühl, sympathische Bilder, eindrückliche und genau beobachtete Szenen aus dem Leben, Menschlichkeit und Anregung zur Besinnung. Mike Leigh sagt, dass er mit seinem Film «der Natur einen Spiegel vorhalte». Das heisst doch wohl, dass er abbildet, was er im Leben vom Alter erfahren hat, mit seinen hellen und dunklen, seinen aufmunternden und bedenkenswerten Seiten. Das heisst aber auch, dass diese Bilder für uns Vorbilder sind, dass diese Bilder in unser Leben hinein wirken. Das aber kann auch Wehmut auslösen, kann schmerzen, wenn es bei uns selbst vielleicht nicht so ideal ist. Wie ist es in unserem Leben? Warum gelingt uns unser Leben nicht immer so gut, wie Tom und Gerri im Film? Vielleicht sind solche Gedanken die Stacheln, die, dem Sprichwort folgend, zur Rose gehören.

Es lohnt sich also, im Film – und im eigenen Leben – nachzufragen: Wie ist solches Glück möglich, wie wird es wahrscheinlicher, wie kann man ihm nachhelfen? Sicher ist wohl, dass solche Beziehungen, Freundschaften, Gemeinschaften nicht erst im Alter geschaffen werden können, sondern bereits vorher, das ganze Leben lang,gepflegt werden mussten. Erst so wird ein solch glückliches Leben wie in «Another Year» erst möglich. Gratis ist das nicht zu haben. Denn auch hier gilt, was Erich Kästner im Roman «Fabian» geschrieben hat: «Es gibt nichts Gutes, ausser: Man tut es.»

Was ich persönlich in diesem Film etwas vermisse – was Menschen im Seniorweb auch vielfältig praktiziert –, das ist der Blick nach aussen, auf die Welt jenseits des Familien- und Freundeskreises. Die politische Dimension also! Obwohl ich die Menschlichkeit, die der Film zeigt, durchaus auch als politisch betrachte. Tom und Gerri etwa leben als «Grüne», in einigen Anspielungen wird die Ökologie auch erwähnt. Doch vermisse ich ein wirkliches Sich-Einmischen in das Geschehen der Zivilgesellschaft, sei es im eigenen Land oder in der Dritten Welt, in der Energie-, der Umwelt-, der Atom-, der Kriegsthematik. Auch hier gäbe es für uns Alte noch viel zu tun; denn jetzt sind wir frei und unabhängig und haben Zeit. «Sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischen», verlangte Max Frisch von den Laien. Und ich denke, wir Alte sind auch solche Laien in all den Fragen der Gestaltung der Welt von morgen.

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