Gesellschaft

Zwei alte Tanten tanzen Tango...

Von Elsbeth Borer

Mit Leidenschaft Tango tanzen, mit einem Partner der’s kann, davon träumt manche Frau über fünfzig. Geeignete Tanzpartner sind aber rar. Die Lösung heisst: Ab nach Buenos Aires.

…mitten in der Nacht. Ja, das tun sie, das tun wir. Nicht miteinander, wie bei Georg Kreisler, nein, in den Armen argentinischer Tangueros gleiten wir übers Parkett. Wir geben uns dem Tango-Rhythmus hin und vergessen für einen Tanz lang die Welt um uns, den langen Flug, das Ausgehen zu einer Tageszeit, in der wir zu Hause schon mit Krimi und Wärmeflasche im Bett lägen. Die schwebende Erotik der Tangomusik hält uns im Bann.

Auch vor dem Lokal tanzt es sich gut

Auch draussen vor dem Lokal wird getanzt

Drei Minuten dauert der Tango, dann bleiben die Tanzpaare stehen, bis die Musik wieder spielt. Wir haben Zeit, uns umzu-
schauen. Und wir sehen: Zwischen jüngeren Tanzpaaren stehen ältere Damen wie wir, offen-
sichtlich keine Einheimischen, und unterhalten sich, so gut es geht, mit ihren ebenso älteren und offensichtlich einheimischen Tanzpartnern in englisch oder spanisch. Denn zwischen den einzelnen Tänzen macht man in Buenos Aires Small Talk. ¿Hablas español? ¿De dónde vienes? ¿Te gusta Buenos Aires? Sprichst du spanisch, woher kommst du, gefällt die Buenos Aires?

Der Traum vom Tango tanzen 

Buenos Aires ist das Tango-Mekka für ältere – auch für jüngere – Schweizerinnen, Skandinavierinnen, Amerikanerinnen. In Scharen strömen sie in die Metropole am Rio de la Plata. Die Riesenstadt, die niemals schläft, hat für Tango-Aficionadas Suchtpotential: Viele kommen jedes Jahr wieder und besuchen Nacht für Nacht eineMilonga, eine Tango-Tanzveranstaltung. 150’000 Menschen nehmen in Buenos Aires regelmässig Tangounterricht, die meisten von ihnen sind aus Übersee. 35’000 Menschen sollen laut Wikipedia wöchentlich zu den Milongas strömen. Das ist für die Stadt ein ahnsehnlicher Wirtschaftsfaktor und gibt jungen Porteños und Porteñas – so nennen sich die Bewohner von Buenos Aires – die Gelegenheit, mit Tangostunden ihr Einkommen aufzubessern. Die besten unter ihnen gehen auf Europa- und Amerikatournees, bieten auch in Basel oder Zürich Workshops an oder tanzen in Tangoshows.

Schulstunde in Tango argentino

Den letzten Schliff gibt es in einer Tangoschule

Warum denn überhaupt so weit reisen für einen Tanz, der auch bei uns zu den beliebtesten gehört? Die beiden alten Tanten, im wahren Leben schlanke 60+ Frauen und elegante Tänzerinnen, wissen warum: Wer hierzulande keinen festen Partner fürs Tangoleben hat, bleibt in den Milongas oft sitzen, da die Frauen gewöhnlich in der Überzahl sind und die Männer im Tango die Wahl haben, wen sie auffordern. Also auf nach Buenos Aires, wo es viel mehr ältere Tänzer gibt als hier. Für Tangueros and Tangueras aus Europa gibt es spezielle Unterkünfte, kleine Hotels; nicht selten sind sie von Europäerinnen geführt, die seinerzeit ebenfalls wegen des Tangos herkamen und gleich geblieben sind. Sie kennen die besten Adressen für Kurse, Milongas und Tango-Schuhgeschäfte.

Gewöhnungsbedürftiges Ritual

Allabendlich nach zehn Uhr machen sich die Tangotänzer bereit, werfen sich in Schale mit blütenweissem Hemd, die Frauen in schwingende Kleider; die Tangoschuhe tragen sie in einer schwarzen Tasche mit, und los geht’s mit der Subte, der Untergrundbahn, einem Bus oder Taxi. Auch uns alte Tanten zieht’s in eine Milonga, davon gibt es jeden Tag mehrere in der Stadt, und die erfahrene Tanguera weiss, wo ältere Damen willkommen sind. Das Ritual ist gewöhnungsbedürftig: Nach einer Tanda, meist drei Tangostücke, gehen die Tänzer zu ihren Plätzen zurück, und die Tangueros suchen sich während der kleinen Pause, der Cortina, ihre nächste Partnerin aus. Der Tänzer fixiert die Frau, die er zum Tanz auffordert, von seinem Platz aus. Sie wird nicken, wenn sie mit ihm tanzen will. Wenn nicht, blickt sie weg. Missverständnisse sind programmiert: Meint er wirklich mich oder vielleicht die Tanguera, die hinter mir sitzt? Viele Europäerinnen haben Mühe mit dem Machogehabe, als das sie es empfinden, andere beherrschen das Augenspiel bald und blicken tanzlustig in die Runde.

Junge Tangueros mit ihrem lockeren und phantasievollen Stil tanzen nicht mit den älteren Damen. Es ist aber eine Freude, ihnen zuzuschauen, wie sie mit ihren Partnerinnen übers Parkett wirbeln. Die älteren, mitunter schon sehr alten Porteños pflegen den Milonguero-Stil, das heisst, sie drücken die Partnerin in enger Umarmung an sich, und Wange an Wange führen sie dann die traditionellen Tangoschritte aus. Die Tänzerinnen aus Übersee sind froh, dass diese einheimischen Senioren die Lust am Tanzen noch nicht verloren habe. Sie tauchen in allen Nachmittagsmilongas auf und haben auch abends ihre bevorzugten Lokale.

Von Übersee zurückgebracht

50- bis 70-jährige Tangueros sind in Buenos Aires rar, denn in den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts nahm die Popularität des Tangos zugunsten anderer Musikstile ab. Erst während der Militärdiktatur (1976 – 1983) wurde der Tango von jenen, die nach Europa geflüchtet waren, als Ausdruck ihrer Sehnsucht nach der Heimat wieder entdeckt. Sie brachten ihn nach Argentinien zurück.

 

Jede Frau bekommt ihren Tänzer bei der Milonga

Jeans – kurzer Rock – Tangokleid: jede Tanguera findet ihren Traumtänzer für dreimal drei Minuten

Zurück beispielsweise in die Confiteria Ideal, wo die melancholisch-pathetischen Tangoklänge einen Marmor- und Spiegelsaal erfüllt, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Und siehe da! Eine wirklich gute, nicht mehr junge Tänzerin wiegt sich in den Armen eines viel jüngeren Traumtänzers! Wird er wohl auch uns andere ältere Semester auffordern? Nach einer Tanda setzt er sich zu seiner Tanzpartnerin und unterhält sich mit ihr bei einem Glas Wein. Nach einer Weile steht er wieder auf, fasst ihre Hand und strebt mit ihr der Tanzfläche zu. Wir müssen ihn vergessen, er ist ein Taxitänzer.

Tango-Paar

Schrittfolgen im Milonguero-Stil 

Manche Tango-Touristinnen mieten sich ab und zu einen Tänzer für einen Abend. Drei Stunden lang tanzt er dann nur mit seiner Partnerin, die ihm nebst dem erschwinglichen Honorar den Eintritt und die Drinks bezahlt. Nicht nur Seniorinnen nutzen das Angebot, auch manche jüngere Frauen wollen lieber einen Tänzer für einen Abend statt des rituellen Wechselspiels nach jeder Tanga. Taxitänzer sind Profis; sie passen sich dem Niveau der Kundin an. Wir indessen sind auch mit unseren wechselnden Partnern am Schweben.

Müde, aber glücklich fahren wir um zwei Uhr früh mit einem Taxi ins Hotel zurück. Auf den Strassen sind nun die Cartoñeros unterwegs, arme Leute aus den Aussenquartieren der Stadt, die Altpapier und Kartons einsammeln, um zu überleben. Buenos Aires ist Heimat des Tangos, aber vor allem ist es eine Grossstadt mit den Problemen anderer Grossstädte.

Fotos © Elsbeth Borer

Umfassende Link-Sammlung aus der Schweiz zu Tango argentino
Und ein ganz besonderer Tango aus einem besonderen Film