FrontGesellschaftDas grosse politische Frauenpotenzial

Das grosse politische Frauenpotenzial

Frühlingstagung der GrossmütterRevolution vom 27./28. März 2014 im Hotel Alvier in Oberschaan

Zum fünften Mal lud die GrossmütterRevolution ein zur Frühlingstagung, diesmal im Hotel Alvier in Oberschaan. Geplant als Versuchskaninchen für drei Jahre, hat die GrossmütterRevolution ihre Daseinsberechtigung bewiesen. Eine Reihe von Projekten, Publikationen und Diskussionsgruppen sind entstanden, ein Geflecht von Fäden, in der Entwicklungsphase unsichtbar, dann wie Pilze überraschend aus dem Boden gewachsen. Ein grosser Erfolg ist der Ableger im Tessin, der 2013 gegründete Movimento AvaEva.

Wer das Tagungsthema «erschliessen-abschliessen-aufschliessen» wörtlich nahm und das Ende des Projektes GrossmütterRevolution befürchtete, der konnte aufatmen: Heinz Altorfer ist begeistert von Phantasie, Initiative und Einsatz der Grossmütter. Das Migros-Kulturprozent wird die GrossmütterRevolution weiter unterstützen.

Keine Grossmütterkonferenz ohne geistige Mitarbeit: Ein Rückblick auf persönliche Höhepunkte im vergangenen Jahr mauserte sich unter den 50 Teilnehmerinnen zur illustren Vorstellungsrunde.

Feminisierung liegt im Trend

Soziologin und Trendforscherin Maarit Seppä spürt den heutigen Trends nach, vom Orakel von Delphi über den Club of Rome und Faith Popcorn bis zu den Best Agers und Silver Surfers. In Zivilisation, Technik, Soziokultur, Konsum, bewegen wir uns inmitten langfristiger Megatrends. Individualisierung und Feminisierung prägen unserer Gesellschaft. Frauen geniessen bessere Ausbildungen und sexuelle Selbstbestimmung. Das Internet und die vielen gespeicherten Daten bieten ungeahnte Möglichkeiten zu Kommunikation und Vernetzung. Interessengemeinschaften werden die politischen Parteien ablösen. Wir haben die Chance, zu entscheiden und Zusammenhänge zu entwickeln. Wir müssen uns auseinandersetzen mit der Macht, können das Konsumverhalten mitbestimmen und unsere „Footprints“ setzen.

Das Menschenleben wird heute gegliedert in Kindheit, Jugend, Postadoleszenz, Rush Hour und Ruhestand. Der Ruhestand wird zur Chance für einen zweiten Aufbruch, zu einem Abenteuer, das neu gestaltet werden kann.

Die Revolution wird langfristig andauern. Menschen werden ihre Ansichten ändern. Frauen sind zwar immer noch willkommen als „gute Mädchen“, die rücksichtsvoll helfen und unterstützen. Doch müssen sie sich auch um ihre eigene Energie kümmern und ihre Anliegen, wie Pussy Riot, laut und unbequem vertreten. Wenn sie sich wehren, bleiben sie zufrieden, neugierig, sexy und aktiv, erklärt Maarit Seppä.

Was wurde erreicht?

Arbeitsgruppen berichten über Aktivitäten und Fortschritte im letzten Jahr (dreizehn sind auf der Webseite aufgelistet). Die Gruppe Care (Lebens- und Betreuungsformen im Alter) sammelt Ideen für eine offene Plattform. Hanna Gagel lädt ein zu einem humorvollen, lustigen und unkonventionellen Umgang mit Kreativität und Kunst, mit einem nächsten Treffen am 9. April in Zürich. Eine kleine Schreibwerkstatt will zehn Grossmüttergeschichten herausgeben. Clownessa Ruth Mantel zeigt einen Film über den letzten Auftritt der Clowngruppe. Heidi und Sylvia suchen im Sinne einer Generationensolidarität den Gedankenaustausch mit jungen Feministinnen. Heidi Witzig erinnert an das Hilfsprojekt Kwa Wazee für Grossmütter, die in Ngenge/Tansania ihre durch Aids verwaisten Enkelkinder betreuen.

Grosser Erfolg im Tessin für den Movimento AvaEva

Norma Bargetzi

Movimento AvaEva heisst die GrossmütterRevolution im Tessin. Sie wird von Gründerin und Koordinatorin Norma Bargetzi vorgestellt. Die Tessinerinnen verknüpfen ihre Anliegen mit Urahnin Eva (und verzichten auf Grossmutter und Revolution). Über 120 interessierte Frauen haben spontan ihr Interesse für eine solche Gruppe gemeldet. Das Projekt geniesst eine gute Medienpräsenz.

Heute treffen sich ältere italienisch sprechende Frauen einmal im Monat in Bellinzona (mit Kinderhort für kleine Enkel). In Ascona wird ein Erzählcafé von alleinstehenden deutsch sprechenden Frauen geführt. Aus Riazzino wird zu einer Arbeitsgruppe für den Erhalt der Biodiversität eingeladen. Frauen aus Lugano und Faido melden Wünsche an für Treffen zum Austausch von Kreativität und Lebenserfahrung und für Solidarität. Movimento AvaEva wird in italienischer und deutscher Sprache geführt.

Studie über Care-Arbeit im hohen Alter

Monika Stocker informiert über die Arbeit der Manifestgruppe. Die Anliegen sind nach wie vor aktuell. Immer noch gibt es Handicaps in sozialer Sicherheit durch Unterbrüche in der Lohnarbeit. Noch fehlen Modelle für das vierte Lebensalter, herrscht Ungewissheit darüber, wie die Begriffe Würde und Lebensqualität praktisch umzusetzen sind. Dank Finanzierung durch das Migros-Kulturprozent kann die Gruppe eine Studie über Care-Arbeit im hohen Alter in Auftrag geben.

In einem Workshop beraten vor allem Fachfrauen aus Betreuung und Pflege, wie die Lebensqualität im hohen Alter gewährleistet und verbessert werden kann. Ängste und Einsamkeit plagen die Patienten. Die Menschen möchten als Individuen wahrgenommen werden. Das Pflegeteam muss sich vernetzen und seine Sozialkompetenz stärken.

Bedarf nach Sexualität und Sinnlichkeit

Deborah Adler

In einem von acht Workshops diskutierte eine Frauengruppe unter Leitung von Hanna Meister und Deborah Adler über Sexualität. Die gängigen Vorstellungen über das Empfinden und über die Bedürfnisse von Frauen und Männern werden heute zu Recht infrage gestellt. Viele Frauen fühlen sich gehemmt, weil ihr Körper den durch die Medien aufgeheizten Ansprüchen an eine Modelfigur nicht mehr genügt. Mit Figur und Alter verändert sich auch die Partnerschaft. Doch bleibt der Bedarf an Sinnlichkeit, die Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Hanna Meister schlägt den Paaren vor, sich gegenseitig Wünsche zu erfüllen. Dabei kann der Begriff Sexualität sehr weit gefasst werden: Auch Füsse massieren oder ein gutes Essen kochen könnten dazu gehören.

Wie kommt man zur Sexualberaterin? Meist melden sich die Frauen, die Beraterin telefoniert dem Partner und schlägt ihm ein Treffen vor. Männer schätzen ältere Frauen als Beraterinnen.

Die Gespräche wurden offen, respektvoll und mit Humor geführt. Alleinstehende Frauen konnten ihre Anliegen zu wenig einbringen, fanden insbesondere keine Antwort auf die Frage „Wie finde ich einen Partner?“ Die Gruppe wird sich in Zürich weiter treffen für Anliegen für die Generation 50plus.

Vom einfacheren Leben über den Gripen zur Altersarmut

Rasch füllte sich die Pinwand mit Themen für acht Workshops. Die Décroissance-Bewegung wurde vorgestellt. Sie stammt aus Frankreich, will mithelfen, den Konsum zu reduzieren. Gebrauchsgegenstände sollen vermehrt repariert und getauscht und der Eigenanbau von Gemüse durch „Urban Agriculture“ gefördert werden.

Hanna Hinnen

Eine Workshop-Gruppe wandte sich gegen den Gripen. Den brauche man nicht. Schliesslich habe man seit 100 Jahren keine Militärflieger mehr benötigt. Das Geld werde besser für soziale Projekte und für Bildung eingesetzt. Hanna Hinnen lädt ein zu einer Protestaktion in Bern am Mitttwoch, 16. April, von 12 bis 24 Uhr.

Weitere Gruppen sprachen über die Altersarmut, den Umgang mit dementen Menschen, Wohnformen im Alter, plädierten für Gelassenheit im Umgang politischen Schatten. Norma Bargetzi führte eine geschlossene Gruppe, in welcher Rat für persönliche Probleme gesucht werden konnte.

Zum Abschluss wurde festgestellt, dass das politische Frauenpotenzial gross ist. Die Frauen wollen sich nicht einfach ein Stück vom Kuchen ergattern: Sie wollen einen neuen Kuchen backen.

Austanzete mit Ruth Girod und Anette Stade. Ruth Girod (links, tanzend), Dozentin für Rhythmik/Musik- und Bewegunspädagogik brachte mit ihren Intermezzi Bewegung in die Gruppe, Anette Stade (rechts) leitet die GrossmütterRevolution seit 2010, koordiniert die Wünsche der Frauen und organisiert und moderiert die Tagungen. (Alle Bilder Kathrin Schulthess)

Herbsttagung am Donnerstag 23. Oktober 2014 auf dem Gurten in Bern.

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