Gesellschaft

Ja renn nur nach dem Glück

Im Landesmuseum Zürich ist eine Expedition ins Glück im Gange: 1900 bis 1914 war eine Zeit des Friedens und des Fortschritts.

Bertolt Brechts erst später verfasstes Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens mit dem Satz über das Glück, dem alle hinterherrennen, fällt mir beim Gang durch die neue Sonderausstellung Expedition ins Glück ein. Kein Mensch dachte um 1900 an den Wahnsinn mit dem Millionenmord, zu dem Europa unterwegs war. Im Gegenteil. Es herrschte Aufbruchstimmung in Kunst und  Wissenschaft, in der Frauenbefreiung und im technischen Fortschritt. Nietzsches Übermensch schien die Option, es ging um Selbstverwirklichung, und die Mehrheit wähnte sich in einer Zeit des Friedens.

Blick in die Ausstellung. Im Hintergrund Hodlers Portrait von Valentine Godé-Darel mit Tochter Paulette, 1914. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum. 

Bevor der Mensch zum Kriegsinstrument wird, beflügelt ihn das neue Jahrhundert. Mit dem neuen Jahrhundert erwacht eine neue Weltanschauung. Die alte, verkrustete Welt der Väter und Grossväter mit rigiden Regeln, wie gelebt werden müsse, wird überwunden, eine bessere Zukunft für alle scheint zu beginnen. Aber das unglaublich Neue und Vielfältige, das sich im Alltag zeigt, führt mit all den verlockenden Möglichkeiten in eine Überforderung. Das ist die These der Ausstellungsmacher Stefan Zweifel und Juri Steiner. Entstanden ist ein rundum faszinierendes Kaleidoskop der Träume, Gedanken und Realisierungen, welche die Zeit nach 1900 bis zum zweiten Weltkrieg geprägt hat.

Der Schalk sass den beiden Kuratoren wohl im Nacken, denn die Sonderausstellung ihrerseits überfordert in ihrer Vielfalt, ihrer Universalität und ihrem visuellen Konzept. Faszinierend! Dass die Besucher immer wieder an hundert Jahre später, an heute denken müssen, ist gewollt: „Die Verunsicherung bietet der Fiktion und Kreativität ungeahnte Räume – damals wie heute scheint in jedem Moment alles möglich,“ sagen Stefan Zweifel und Juri Steiner.

Überfordert vom vielen Glück

Wer die Sonderschau betritt findet sich auf einer schwarzen Bühne mit hell ausgeleuchteten Artefakten, bewegten Bildern und verwirrenden Räumen im Raum. Dominant die Büste des 1900 gestorbenen Nietzsche, des Propagandisten vom Übermenschen. In der Mitte des Raums reflektiert ein Lichtstrahl die Glasfazetten einer Hoffmann-Lampe, drumherum reihen sich Gemälde der Zeit: Ferdinand Hodler, Pablo Picasso, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner, etc. Eine Kunstausstellung will diese Expedition ins Glücknicht sein, vielmehr geht es darum, zu zeigen, dass in der bildenen Kunst dieselbe Aufbruchstimmung in ein neues Zeitalter herrschte, die anderswo in der Forschung mit der Erfindung des Röntgenapparats und der Relativitätstheorie oder auch der rasanten Entwicklung der Flugmaschinen und dem Rennauto oder dem Aspirin und der Psychoanalyse geschah, oder eben mit der Befreiung des Menschen aus dem Korsett der Konventionen, konkret das Weglegen des Fischbeinpanzers der Frauen. In diesen Zeitabschnitt fällt auch die Erfindung des Films mit dem Kino für alle und die Popularisierung des Fotografierens.

«Die Jungfrau», 1913, Egon Schiele. © Graphische Sammlung der ETH Zürich.

In Seitenkabinetten gibt es Zeichnungen von Hodler, Klimt, Schiele, Schönberg. Sport kommt auf, der Tanz soll befreien, beispielsweise auf dem Monte Verità, erste Apparate für Kniebeugen werden erfunden, Ellen Key proklamiert das Jahrhundert des Kindes – eine Vitrine zeigt Kinderspielzeug. Wer die nachfolgenden Schrecken ausblendet, der findet ein Zeitalter der Glücksgefühle, der Euphorie, der Entdeckungen und Wagnisse – aber auch Zukunftsängste, Verunsicherung und Überforderung.

Hier und dort hält das Auge inne, wird der Besucher irritiert. Ein Beispiel: Der Beginn des 20. Jahrhunderts war auch ein Aufbruch zu neuen wirtschaftlichen Ufern: das Zeitalter der Globalisierung hat mit dem Kolonialismus eingesetzt. Afrika wurde kriegerisch erobert, seine Kultur zerstört, die Artefakte geraubt. So kamen Nagelmänner, Holzfiguren mit Nägeln gespickt, welche Unheil und Krieg abhalten sollten, in die grossbürgerlichen Wohnräume jener, die deren Herkunftsorte mit Gewalt überzogen hatten. Oder auch: Ferdinand Hodlers Studie l’unanimité, deren Farben fast unheimlich mit der Farbtafel der Truppengattungen der österreich-ungarischen Armee korrespondieren.

Buchtitel. Hg. von Juri Steiner und Stefan Zweifel. Scheidegger & Spiess, Zürich 2014

Zu der Ausstellung ist eine Begleitpublikation, erschienen, in der die beiden Kuratoren weit über das hinaus gehen, was ein Ausstellungskatalog sonst ist: Eine Fülle von zeitgenössischen Zitaten – viele von namhaften Schriftstellern – erweitert das Anschauungsmaterial und hilft beim Nachvollziehen der These von der Expedition ins Glück, welche letztlich trotz Sozialisten-Friedenskongress und scheinbar friedlichem Militarismus kläglich scheitert.

Der Ausgang aus dem Kaleidoskop heisst EXIT: Die Massenvernichtungswaffen sind erfunden und produziert, die Flugzeuge können auch anders als für Wett- und Weitflüge eingesetzt werden, aber warum es zum grossen Exitus, zum Millionensterben kam nach dem Attentat auf den habsburgischen Tronfolger, das müssen sich alle selber ausdenken, wenn sie mit dem Kriegslärm im Ohr den Ausgang, eben den Exit suchen.
Titelbild: Der A.L.F.A. 40-60 HP Aerodinamica, Modell 1914, im Hintergrund läuft «Le Voyage à travers l’Impossible» von Georges Méliès. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum.

Dauer: bis 13. Juli 2014

Im Rahmen derAusstellung 1900 – 1914. Expedition in Glück bietet das Schweizerische Nationalmuseum ein reiches Rahmenprogramman.