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Suizid – wie weiter?

Ein berührendes Buch darüber, wie es für Geschwister ‚nachher’ weiter geht.

Die Autorin Samira Zingaro, Jahrgang 1980, Medien- und Religionswissenschaftlerin, zeigt auf 172 Seiten sieben Mal die Erfahrungen von Geschwistern, die im Verlauf ihres Lebens eine Schwester oder einen Bruder durch Suizid verloren haben.

Den sieben Interviews mit den Betroffenen stellt sie eines mit dem Seelsorger Ebo Aebischer voran. Er gilt als Pionier der Internet-Seelsorge (seit den 1990er Jahren). Er hat mit Chat und Mails Prophylaxe betrieben und in Selbsthilfegruppen Trauer- und Bewältigungsarbeit durchgeführt. Er weist vor allem auf die grosse Bedeutung von Scham- und Schuldgefühlen bei den Hinterlassenen hin. Interessant ist, was der heute pensionierte Pfarrer  über die Haltung der Kirche in Geschichte und Gegenwart ausführt.

Ein weiteres Interview mit einem Fachmann schliesst die Reihe von Gesprächen mit Betroffenen über Erfahrungen, Zweifel, Scham und Schuldgefühle. Samira Zingaro führt es mit dem leitenden Arzt im Psychiatriezentrum Münsingen. Im Rahmen seiner Tätigkeit und seinem Bewusstsein der Verantwortung gegenüber den suizidgefährdeten Mitmenschen setzt sich der Psychiater Thomas Reisch immer wieder und überall dafür ein, die im öffentlichen Raum vorhandenen Gelegenheiten zum Suizid abzubauen, zum Verschwinden zu bringen. Er hält dafür, dass schon die Erschwerung der Ausführung eines so endgültigen Entschlusses meistens dazu führen könnte, dass der Betroffene seine Tat aus verschiedenen möglichen Gründen unterlässt. Denn recht oft gipfelt der Entschluss zur Selbsttötung, auch wenn sie von langer Hand geplant und vorbereitet wird, in einem Grenzfall-Augenblick. Allerdings zeigen mindestens zwei der von Autorin Sabina Zingaro angeführte Beispiele, wie es auch vorkommen kann, dass der Weg von der Verzweiflung über den Entschluss zur Planung, Vorbereitung und schliesslich zur Durchführung wie ein wertfreies Projekt ohne Zweifel, minutiös und umsichtig, ohne Zögern ablaufen kann. Inbegriffen kann dabei sogar die Art und Weise des Benachrichtigens von Angehörigen sein.

Selbstmord –Suizid – Freitod

„Du sollst nicht töten!“ – Während sogar die Bibel von Selbsttötungen berichtet und die Kirche auch die den eigenen Tod suchenden oder mindestens nicht vermeidenden Märtyrer heilig gesprochen hat, legt sie seit dem 12. Jahrhundert das Gebot konsequent auch gegen Menschen aus, die sich selbst umgebracht haben. Selbsttötung wird Todsünde. Täter-Opfer sterben ohne Absolution und werden ausserhalb der geweihten Erde begraben – noch bis ins 20. Jahrhundert.

Samira Zingaro will den an sich gebräuchlichen Begriff „Selbstmord“ verständlicherweise nicht anwenden. Er trifft ein Geschehen nicht, das zum Beispiel der grenzenlosen Verzweiflung entspringt – welche Ursachen diese Verzweiflung hat, spielt dabei keine Rolle – und schliesslich zur Ausweglosigkeit führt, die nur noch die Selbsttötung als „dritten Weg“ übrig lässt. Die Autorin ist auch der Auffassung, wer die Hand an sein eigenes Leben aus Verzweiflung lege, aus fehlender psychischer Durchhaltekraft oder wegen anderer die Grenzen des Erträglichen sprengenden Vorgänge, der sterbe nicht freiwillig, auch wenn er sich selbst den Tod gibt. Und mit dem Wort „Freitod“ hat diese Art des Lebensverlustes ganz, ganz wenig zu tun, das wird beim Lesen der sieben Interviews offensichtlich.
Die Gespräche der Autorin mit den Hinterbliebenen drehen sich um solche Fragen: Überleben oder Weiterleben? Was hätten wir tun können, wir Zurückgebliebenen, um unserem Bruder, unserer Schwester zu helfen, das Schreckliche zu verhindern? Auch Stigmatisierung, Schuld und Scham werden angesprochen. Interessant scheinen dabei auch die Altersverhältnisse. Die älteste Gesprächspartnerin zählt 68 Jahre und hat ihren ältesten Bruder vor vier Jahren verloren; die heute 26-Jährige Y.G. verlor ihre damals 14-jährige Schwester vor etwas mehr als einem Jahrzehnt.
Sachliche Berichte und Erwägungen, in genauer, unsentimentaler Sprache, nicht aber in herzlosem Stil geschrieben, damit spricht dieses Buch ganz direkt an, ohne Missionsabsicht oder belehrendem Ton. Hilfreich für Betroffene sind die im Anhang aufgezeigten Ansprechstellen (Deutschland, Österreich, Schweiz).

Samira Zingaro
„Sorge dich nicht!“
Vom Verlust eines Bruders oder einer Schwester durch Suizid
Sachbuchverlag Rüffer & Rub, Zürich
2013
ISBN 978-3-907625-65-1

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